Heiko Mell

Was man mögen soll, muss man wenigstens verstehen

Antwort:

Mögen soll der Bewerbungsleser das, was er sieht. Der Werdegang soll die geforderte Qualifikation zeigen und dahinter eine Persönlichkeit vermuten lassen, die zum Idealprofil passt. Träger der wichtigsten Informationen ist der Lebenslauf. So weit, so gut. Oft, sehr oft wird die angestrebte Begeisterung des Empfängers schon deshalb nicht erreicht, weil er viele Aspekte, wesentliche und weniger wichtige, einfach nicht versteht, weil für ihn interessante Fragen offenbleiben.

Der Witz dabei: Das ist keine Geheimwissenschaft, man muss keinen Katalog auswendig lernen. Sie als Bewerber müssen lediglich so viel Einfühlungsvermögen mitbringen, dass Sie selbst erkennen: Dem Leser fehlen noch Fakten, so kann er die ganze Geschichte nicht verstehen. Das ist ganz einfach – oder hätte ich im Satz davor doch lieber nicht „lediglich“ sagen sollen?

Und nun wollen Sie Beispiele:

Wenn Sie einen durch und durch ausländischen Namen haben, bei dem ein Deutscher vermutlich Vor- und Nachnamen verwechselt, wenn Sie vielleicht sogar im Ausland geboren wurden und erst später ins Land kamen, dann interessiert die Staatsbürgerschaft. Davon hängt nichts zwingend ab, man will es nur wissen.

Bei Schulen und Hochschulen interessiert, ob der dazugehörende Abschluss erreicht wurde, zwingen Sie den Leser nicht, Schlüsse aus dem nachfolgenden Ereignis ziehen zu müssen, das im Lebenslauf dargestellt ist, das erschwert den schnellen Überblick.Manche Bewerber stellen das Studium so kompliziert und ausführlich dar, dass sie am Schluss den zum Abschluss erreichten Grad vergessen. Bleibt die Frage: „Was ist der denn nun eigentlich?“ Jedes Dokument muss für sich aussagefähig sein – niemand will beim Lesen des Lebenslaufs in den Zeugnissen blättern müssen, nur um hier eine Antwort zu bekommen.

Schon bei Praktika (vor allem, wenn noch keine Praxis nach dem Studium vorliegt), stets aber bei jedem Arbeitsverhältnis nach dem Studium sind unbedingt erforderlich: Zeitrahmen, Unternehmensname, Angaben zur Branche und Größe der Firma, Tätigkeitsbezeichnung(en). Letztere in allgemeinverständlicher Form – wobei auch die im Zeugnis stehende Originalbezeichnung dort stehen soll, entweder in Klammern hinter der „Übersetzung“ oder umgekehrt. Natürlich brauchen Sie „Entwicklungsingenieur“ nicht zu erläutern, aber die Tätigkeitsbezeichnungen mancher (internationaler) Konzerne schon. Dann ist die Größe eines eventuell vorhandenen Führungsumfangs interessant und zumindest bei den letzten Funktionen jeweils drei oder vier Schwerpunktaufgaben.

Nicht „Sprachkenntnisse: Englisch“ hilft dem Leser, sondern eher die Erklärung, woher diese Qualifikation stammt (das sagt sehr viel mehr als ein selbst festgelegtes „Gut“): „4 Semester Englisch während des Studiums und ein mehrmonatiges US-Praktikum, heute tägliche Konzernsprache im Tagesgeschäft.“

Und je exotischer oder ungewöhnlicher Ihre heutige/letzte Position, desto mehr will der Leser wissen, wie teuer Sie sind. Wenn Sie Pech haben, schätzt er Sie teurer ein als Sie sind – und verzichtet auf Sie.

Mehr für das Anschreiben gilt die Empfehlung zu sagen, warum Sie wechseln wollen, welche Ziele Sie damit verfolgen, welches Problem der neue Job lösen soll. Hier lassen sehr viele Zuschriften schmerzhafte Lücken.

Nicht alles, was der Leser dann versteht, wird er mögen. Aber nur, wenn er sich informiert fühlt, haben Sie eine Chance.

Kurzantwort:

Mögen soll der Bewerbungsleser das, was er sieht. Der Werdegang soll die geforderte Qualifikation zeigen und dahinter eine Persönlichkeit vermuten lassen, die zum Idealprofil passt. Träger der wichtigsten Informationen ist der Lebenslauf. So weit, so gut. Oft, sehr oft wird die angestrebte Begeisterung des Empfängers schon deshalb nicht erreicht, weil er viele Aspekte, wesentliche und weniger wichtige, einfach nicht versteht, weil für ihn interessante Fragen offenbleiben.

Frage-Nr.: 350
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-10-08

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