Heiko Mell

„Da war ich faul gewesen, sag ich mal“

Antwort:

Ein Vorstellungsgespräch heißt Vorstellungsgespräch, weil der Bewerber sich vorstellt (gelegentlich ist es ratsam, die entscheidenden Zusammenhänge in ihrer ganzen grausamen Banalität darzustellen). Die Arbeitgebervertreter wollen sich vor ihrer Einstellentscheidung einen persönlichen Eindruck vom Kandidaten verschaffen – die wichtigsten Fakten kennen sie ja bereits aus den Unterlagen.

Bei diesem Gespräch spielen auch Aussehen, Körpersprache und mitunter sogar der Geruch eine Rolle, zentraler Aspekt ist jedoch, was der Kandidat sagt und wie er es sagt.

Da die Fähigkeit, im Bedarfsfalle schnell und leicht einen neuen Job zu erringen, für den Angestellten von existenzieller Bedeutung ist, heißt das: Es ist extrem wichtig, sich halbwegs überzeugend und möglichst gewinnend ausdrücken zu können – vor allem mündlich und in der Regel in der Muttersprache. Wenn man unterstellt, dass ein Kleinkind so etwa mit einem Jahr damit anfängt, dann hat ein sechsunddreißigjähriger Bewerber 35 Jahre lang geübt. Da erwartet man dann schon etwas Vorzeigbares.Geboten wird Unterschiedliches.

Nun ist dies kein Seminar für gewinnendes Reden. Ich wüsste auch gar nicht, was man da lehren müsste. Aber ich kann negative Auffälligkeiten als abschreckende Beispiele nennen.

Und da steht an erster Stelle der Gebrauch des Plusquamperfekts von „sein“. Bevor Sie zu tief graben müssen: Es geht um „Ich war gewesen“. Ich weiß auch nicht, wo der Fehler genau liegt, aber es hört sich schlicht scheußlich an. Etwa so:“Also ich war damals auf dem städtischen Gymnasium gewesen. Und da war ich faul gewesen. Danach war ich dann bei der Bundeswehr gewesen. Dann war ich orientierungslos gewesen. Anschließend war ich auf der Uni gewesen, dort war ich im Fachschaftsbeirat gewesen“. Und so weiter. Mit dem Erfolg, dass der Zuhörer jedes Mal zuckt, wenn ein neuer Satz kommt – ob wohl wieder „war gewesen“ kommt? Es kommt, man kann sich darauf verlassen.

Zur Steigerung können Sie an jeden Satz anhängen „sag ich mal“ – das ist dann wie die berühmte (mittelalterliche, nicht die amerikanische) Wasserfolter: Der einzelne Tropfen ist harmlos, die Addition über Stunden hinweg treibt in den Wahnsinn (nicht Sie, den Zuhörer, den Sie doch erfreuen sollten).

Vergessen Sie einfach, dass es (selbstverständlich) diese 2. Vergangenheitsform gibt, die im Munde des Könners der Verständlichkeit dient. Aber im Vorstellungsgespräch kommen Sie ohne (besser) zurecht. Programmieren Sie Ihr Gehirn darauf, „gewesen“ und „sag ich mal“ nicht auszusprechen und sprechen Sie Ihren Werdegang dann auf ein Tonaufzeichnungsgerät. Üben Sie, bis Sie den Unfug überwunden haben.

Nun, war das nicht schön gewesen, sag ich mal? Ach, und noch etwas: Es ist denkbar, dass Sie gar nicht wissen, ob nicht auch Sie zu den Anwendern gehören …

Kurzantwort:

Ein Vorstellungsgespräch heißt Vorstellungsgespräch, weil der Bewerber sich vorstellt (gelegentlich ist es ratsam, die entscheidenden Zusammenhänge in ihrer ganzen grausamen Banalität darzustellen). Die Arbeitgebervertreter wollen sich vor ihrer Einstellentscheidung einen persönlichen Eindruck vom Kandidaten verschaffen – die wichtigsten Fakten kennen sie ja bereits aus den Unterlagen.

Frage-Nr.: 342
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-03

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