Heiko Mell

Wenn die „Chemie“ nicht stimmt

Antwort:

Sie ist die Standard-Aussage schlechthin, klingt gut, erklärt alles, entlastet den „Geschädigten“, fällt unter die Rubrik „man kann nichts machen“. Und wird selbstredend „gern genommen“ – von Bewerbern, die sich dort, wo sie noch sind, nicht halten können oder die schon weg sind aus dem letzten Engagement, das sie hatten: „Zwischen meinem Chef und mir stimmte die Chemie nicht.“

Was hätte der arme Bewerber auch da noch unternehmen sollen? Wenn ein so gewichtiger Teil der Naturwissenschaften „nicht stimmt“, ist der Mensch machtlos.

Aber, liebe Leser, das ist falsch, grundfalsch, fatal falsch! Nicht wegen der „Chemie“, die ist inzwischen an dieser Stelle fest in der Umgangssprache verankert. Und soll, auf welcher sachlichen Basis auch immer, bedeuten: „Mein Chef und ich passen nicht zueinander.“ Selbst wenn das chemische Prozesse sind, die da ablaufen und den Grad der Harmonie zwischen Menschen beeinflussen: Die Ausrede taugt absolut nichts, der Denkansatz hängt völlig in der Luft.

Wo steht denn, dass Chef und Mitarbeiter miteinander harmonieren müssen? Wo steht, dass der letztgenannte im Negativfall entlastet ist? Wo steht überhaupt, dass beide gleichberechtigt in irgendeinen Prozess eingebunden sind?

Hingegen steht in den Regeln, dass der Mitarbeiter ein „guter“ ist, wenn sein Chef ihn dafür hält. Wenn also der Chef mit ihm zufrieden ist. Wie der Mitarbeiter seinen Chef sieht, ist zunächst nicht von Belang.

„Wir passten nicht zueinander“, geht für Gleichberechtigte in Ordnung, wie Ehepartner, 50 %-Gesellschafter, Staaten innerhalb eines Bundes. Aber in der betrieblichen Struktur gibt der Chef den Maßstab vor, der Mitarbeiter (der selbst Führungskraft sein kann) hat zu entsprechen.

Darum ist „Mein Chef und ich haben nicht miteinander harmoniert“ (ob mit Chemie oder ohne) kein unabwendbares Naturereignis, sondern letztlich Eingeständnis eigenen Versagens. Es steht für: „Mir ist es nicht gelungen, persönlich den Maßstäben meines Vorgesetzten zu entsprechen.“ Was vorkommen kann, wie jede Niederlage und jede Nichterfüllung eines Ziels.

Mein Anliegen ist nicht, Sie in diesem Zusammenhang von der Verwendung des Be-griffs „Chemie“ abzubringen. Sagen Sie im Vorstellungsgespräch, was Sie wollen – der Zuhörer wird es ohnehin werten wie eben beschrieben. Aber denken Sie bei den ersten Sandkörnern, die im Getriebe zwischen dem Chef und Ihnen knirschen, an das, was droht: dass es Ihnen vielleicht nicht gelingt, seinen Maßstäben zu entsprechen. Was für ihn ärgerlich, für Sie existenzbedrohend wäre. Und unternehmen Sie etwas dagegen. Was auch bedeuten kann, Sie wechseln den Arbeitgeber. Bevor der Chef als Erkenntnis formuliert, Sie entsprächen nicht den Anforderungen. Die er stellt (was er darf und sogar muss).

Denn dass der unterstellte Müller gefeuert wurde, weil „wir nicht zusammen passten“ sagen Chefs so gut wie nie. Sie fällen absolute Urteile („der war unmöglich“). Und bewegen sich damit eher innerhalb der Regeln als die Mitarbeiter mit ihrer unseligen „Chemie“-Ausrede.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 34
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-21

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