Heiko Mell

Zufriedenheit – der Güter höchstes?

Antwort:

Denken Sie jetzt bloß nicht, es ginge um Ihre (Zufriedenheit). Die ist Ihr Privatvergnügen und insgesamt nicht so wichtig; das System, in und von dem Sie leben, interessiert sich dafür nur ganz am Rande. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht hingegen die Zufriedenheit dessen, der erst bestellt hat und dann auch noch bezahlt.

Das Prinzip gilt für Handwerker und andere Dienstleister, für Lieferanten und die Hersteller irgendwelcher Produkte: Es gilt für Kunden. Oberster Grundsatz der Marktwirtschaft ist die Verpflichtung des leistenden Partners, den kaufenden zufriedenzustellen. Von „der Kunde ist König“ bis „der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ deutet alles in diese Richtung.

Und wenn Sie jetzt sagen, das hätten Sie gewusst, dann freut mich das. Viel wichtiger aber wäre, dass Sie dieses Prinzip auf das Arbeitsleben übertragen könnten und auch würden. Daran scheitern nach wie vor viele – die angelaufene Krise spült vermehrt entsprechende Fälle an die Oberfläche, Beschäftigungsboom und Mangel an qualifiziertem Personal in einigen Berufsgruppen hatten manches davon überdeckt.

Jetzt aber legen die Unternehmen Messlatten höher, reduzieren sie Toleranzrahmen und sprechen sie aus, was bisher nur gedacht worden war. Und es gibt wieder in der Probezeit oder zu einem beliebigen Zeitpunkt danach entlassene Mitarbeiter aller Ebenen, sowohl im ausführenden als auch im Managementbereich. Wären das Fälle, in denen „aus betrieblichen Gründen“ gekündigt wurde, müsste man derzeit gar nicht darüber reden. Aber es geht um Entlassungen wegen fehlender oder zu geringer Zufriedenheit des Vorgesetzten. Und das darf einem Mitarbeiter niemals geschehen, es ist – egal auf welcher Ebene – der „größte anzunehmende Unfall“ in der beruflichen Laufbahn überhaupt!

Wer sich für die Laufbahn des Angestellten, des abhängig Beschäftigten, entscheidet, muss vorbehaltlos akzeptieren, dass sein jeweils laufendes Arbeitsverhältnis, seine Aussichten auf Beförderung oder Gehaltserhöhung, seine Chancen auf Erfolge späterer Bewerbungen und damit seine gesamte berufliche Existenz an der Zufriedenheit seines jeweiligen Vorgesetzten mit seiner Person und seiner Leistung hängen.

Per Arbeitsvertrag „kauft“ der Arbeitgeber die Arbeitskraft des Angestellten ein, er wird zum zahlenden Kunden des Mitarbeiters. Der Kunde aber ist zufriedenzustellen – sonst ist der „Verkäufer“ seinen ihm obliegenden Verpflichtungen nicht gerecht geworden. Schlimmer noch: Stellt ein Verkäufer seinen Kunden A nicht zufrieden, kauft der nicht mehr bei ihm, er stellt seine Geschäftsbeziehungen zu ihm ein. Aber potenzielle Kunden B, C und D kaufen auch nicht bei einem Verkäufer, der den Kunden A nicht zufriedengestellt hat (sofern sie davon erfahren).

Übertragen auf das Arbeitsverhältnis: Ist Arbeitgeber A mit einem Mitarbeiter nicht zufrieden und entlässt ihn, wollen auch die Arbeitgeber B, C und D nichts mit dem Mitarbeiter zu tun haben und kaufen ihm nichts ab (stellen ihn nicht ein) – nachdem sie beispielsweise ein „verdächtiges“ Zeugnis des Hauses A gelesen haben.

Da dem Angestellten gegenüber der jeweilige Vorgesetzte den Arbeitgeber repräsentiert, heißt das konkret:
Ein Angestellter hat die Aufgabe, seinen Vorgesetzten zufriedenzustellen. Gelingt ihm das nicht, gefährdet er nicht nur diese Anstellung, sondern seine gesamte berufliche Existenz.

Und wenn nun der Vorgesetzte unmöglich, unerträglich, unkalkulierbar oder ungerecht wäre? Dann gilt das Prinzip noch immer. Auch der professionelle Dienstleister, z. B. der Unternehmensberater, hat seinen Kunden zufriedenzustellen – und muss mit schweren wirtschaftlichen Nachteilen rechnen, gelingt ihm das nicht. Und auch er bekommt kein Zugeständnis wegen eines schwierigen Kunden.

Natürlich gibt es Fälle, in denen für einen Mitarbeiter die Zufriedenheit des Vorgesetzten schlicht nicht erreichbar ist – warum auch immer. Aber selbst dann ist es dem Angestellten nicht „erlaubt“, etwa aus diesem Grund gekündigt zu werden. er muss dann versuchen, so frühzeitig aus eigener Initiative zu gehen, dass der Vorgesetzte noch gar nicht gemerkt hat wie unzufrieden er mit diesem Mitarbeiter ist. Oder letzterer versucht, den Kopf einzuziehen und abzuwarten, ob ihm nicht mittelfristig eine Chance winkt, das zentrale Ziel (Zufriedenheit des Vorgesetzten) doch noch zu erreichen. Aber ohne diese läuft beruflich nichts.Mir kommen diese meine Ausführungen zum heutigen Thema fast schon erschreckend banal vor. Und ich frage mich, ob es überhaupt noch jemanden gibt, dem diese selbstverständlichen Zusammenhänge nicht bewusst sind. Aber dann sitzen sie vor mir, im Beratungs- und ebenso im Vorstellungsgespräch – und ich weiß, es gibt sie noch immer, neue wachsen heran und Aufklärung tut not.

Ich muss vielleicht noch deutlicher werden: Naturwissenschaftlich orientierte Akademiker neigen leicht zur Ansicht, die Aufgaben „richtig“ oder „falsch“ zu erledigen, sei das zentrale Kriterium. Im Prinzip ja, lautet die Antwort, aber beides sind relative Begriffe, Maßstab ist auch dafür die Zufriedenheit des Vorgesetzten. Vereinfacht gesagt: Richtig gelöst ist die Aufgabe, wenn der auftraggebende Vorgesetzte zufrieden ist. Womit wir wieder beim Thema wären.

Spätestens an der Stelle kommen dann die Einwände in die Richtung, das alles erziehe zu einem Mittelding zwischen Kadavergehorsam und Speichelleckerei, sei eines freien Menschen unwürdig u. Ä. m. Das aber stimmt nicht! Der moderne Vorgesetzte wäre so überhaupt nicht mehr zu begeistern, Mitarbeiter jenes Typs würden den heutigen Anforderungen absolut nicht gerecht. Ein vernünftiger Vorgesetzter erwartet „so etwas“ nicht nur nicht, er wird es ablehnen – und nicht zufrieden sein, wenn ein Mitarbeiter solch ein Verhalten zeigt: Das System korrigiert sich selbst.

Dennoch wird hier ein möglicher Schwachpunkt unserer beruflichen Ordnung deutlich: Der Mitarbeiter, der seinen Chef zufriedenstellen soll, muss sich darauf verlassen, dass dessen Stuhl richtig besetzt wurde. Anders gesagt: Ein falsch ausgewählter Abteilungsleiter ruiniert das Arbeitsergebnis der ganzen Abteilung, ein falsch ausgewählter Vorsitzender des Vorstands oder der GF ruiniert auf Dauer die ganze Firma. Der jeweils nachgeordnete Mitarbeiter kann und soll(!) nichts dagegen tun – der Versuch, die Firma gegen den Willen des Vorgesetzten glücklich zu machen, ist zum Scheitern verurteilt und führt meist zu größeren Schwierigkeiten für die Person desjenigen, der nur das Beste wollte, aber nicht dazu berufen war.

Fazit: Jeder Angestellte sollte im ureigenen Interesse versuchen, ein „guter Mitarbeiter“ zu sein. Dafür jedoch gibt es keine objektiven Kriterien, Maßstab ist allein die Zufriedenheit des Vorgesetzten. Ist dessen Stuhl falsch besetzt, bleibt dem Mitarbeiter nur noch die Flucht oder alternativ die Resignation.

Vergessen wir nicht, dass wir in sehr vielen Lebenssituationen darauf vertrauen müssen, dass der jeweils zuständige Mensch weiß, (oder gewusst hat), was er da tut. Denken Sie an dieses Prinzip, wenn Sie ein Flugzeug besteigen – und auf die „richtige“ Besetzung des Pilotensessels vertrauen müssen. So ähnlich ist es mit der „richtigen“ Besetzung der Position Ihres Chefs irgendwie auch. Also versuchen Sie einfach, ihn zufriedenzustellen. Dass das leicht ist, sage ja noch nicht einmal ich …

Kurzantwort:

Denken Sie jetzt bloß nicht, es ginge um Ihre (Zufriedenheit). Die ist Ihr Privatvergnügen und insgesamt nicht so wichtig; das System, in und von dem Sie leben, interessiert sich dafür nur ganz am Rande. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht hingegen die Zufriedenheit dessen, der erst bestellt hat und dann auch noch bezahlt.

Frage-Nr.: 339
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-07

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