Heiko Mell

Wie ein Schrei in der Nacht

Antwort:

Verzeihen Sie mir die Nacht, sie steht in keinem vernünftigen Zusammenhang zum Thema. Aber ich fand diese Überschrift so eindrucksvoll, dass ich es einfach tun musste (Sie gewinnen jetzt einen Eindruck von der Belastung, der sich meine Deutschlehrer beim Lesen mancher meiner Aufsätze ausgesetzt sahen. Und weil, während ich das schreibe, fast Weihnachten ist …).

Aber die Sache mit dem Schrei ist schon ernst gemeint: Alles, was Sie in eine Bewerbung an Fakten hineinschreiben, wird vom Empfänger als Aufschrei empfunden: „Das habe ich – und das will ich unbedingt wiederhaben. Mindestens!““Ist-Einkommen 80.000 Euro“ – habe ich, will ich. Das sehen Sie sicher noch ein, wer will schon weniger verdienen.

Aber es gilt auch für „Prokura“ – habe ich, will ich. Oder für „Mitglied der Geschäftsleitung“. Oder Abteilungsdirektor oder was auch immer. Und ich glaube, auch da sehen Sie den Zusammenhang.

Nun aber stoßen wir zum Kern vor. Und ich fürchte, Sie erkennen den bisher nicht – sonst würden Sie anders vorgehen:
Nehmen wir einmal an, Sie bewerben sich um die Position eines Projekt- oder eines Key Account Managers. Manager ist ein gutes Beispiel, weil es oft für zwar verantwortliche, nicht jedoch wirklich mit Personalführung verbundene Positionen steht. Gegen die Bewerbung als solche spricht nichts. Aber dann steht in Ihrem Lebenslauf bei der heutigen Position: „Führungsumfang: 70 Mitarbeiter.“ Das empfindet der Empfänger – siehe oben – als Aufschrei: „70 habe ich, will ich mindestens haben.“ Wie es ja auch gilt beim Gehalt, wenn ein Verkäufer seine Umsatzverantwortung umreißt oder ein Manager den Typ seines Dienstwagens.

Ist nun aber die Zielposition der Bewerbungsaktion mit deutlich weniger oder gar keinem Führungsumfang verbunden, schüttelt der Leser den Kopf. Und zieht etwa folgende Schlüsse (teils nacheinander, teils alternativ):

a) Also 70 zu führende Mitarbeiter sind der auf der Karriereleiter erreichte Status an Führungsumfang. Darauf ist der Kandidat stolz – darf er auch, soll er ruhig. Aber hier gibt es ja nichts zu führen. Hat der Bewerber wohl nicht gemerkt, überlesen oder so. Also kommt er hier nicht zum Zuge.

b) Die Angabe des Kandidaten ist eine bestimmte Aussage: „Das ist mein Status; ladet mich gar nicht erst ein, wenn ich mich mit dem Wechsel verschlechtern würde.“ Fazit: Absage.

c) Ob das ein bewusstes Signal sein soll „Ich bin trotz meines heutigen Führungsumfangs an der Position interessiert“? Möglich ist alles.

Aber wenn diese Annahme falsch ist, haben wir unnötigen Aufwand mit Vorstellungsgespräch und Reisekosten getrieben. Sagen wir ihm lieber ab.“Natürlich kann es durchaus sein, dass Sie sich bewusst und gezielt um eine Position bewerben wollen, in der Ihr Führungsumfang drastisch geringer wäre als heute (oder ganz entfiele). Und natürlich gibt es Lösungsmöglichkeiten. Mir fallen spontan zwei ein, die Sie am besten miteinander kombinieren:

 

1. Das weitaus wichtigste Dokument einer Bewerbung ist der Lebenslauf. Er muss unbedingt zur angestrebten Zielposition passen. Ich darf an die „goldene Regel“ erinnern: Keine zwei Lebensläufe Ihrer Bewerbungsaktion sollten identisch sein, stets sind die Aussagen auf die Stellenanzeige soweit wie möglich abzustimmen.

Wenn Sie also von 30 unterstellten Mitarbeitern auf 0 heruntergehen wollen, lassen Sie die 30 weg! Ich weiß, das kostet Herzblut; vielleicht sehen Sie in der Zahl auch einen wichtigen Qualifikationsbeweis, ein Zeichen der Anerkennung durch Ihren alten Arbeitgeber. Aber es wäre ein Zeichen für eine hier und jetzt falsche Qualifikation!

Eventuell lässt sich sogar bei der heutigen Positionsbezeichnung etwas machen. Da muss es ja nicht geradezu „wimmeln“ vor Begriffen wie „Abteilungsleiter“, „Leiter des Bereichs“ oder gar „Direktor“ (was ohnehin oft nur eine etwas unzulängliche Übersetzung des englischen „director“ ist). Mitunter kann man in einem solchen Fall auch schlicht „verantwortlich für …“ schreiben – Tiefstapler trifft man so gut wie nie im Gefängnis.

 

2. Bei unüberarbeitetem Lebenslauf (mit der Angabe „30 unterstellte Mitarbeiter“) ohnehin, aber auch bei abgeschwächter Werdegang-Darstellung sinnvoll, ist ein deutlicher Hinweis im Anschreiben. Etwa so: „Für mich steht klar die Möglichkeit zu anspruchsvollem fachlichen Arbeiten im Vordergrund, Personalführung ist dabei kein zentrales Entscheidungskriterium.“Der Leser kann das dann schon richtig einordnen. Ein klares „Ich will nicht führen“ oder gar ein „Ich kann nicht führen“ oder auch „Mit meinen bisherigen Versuchen war ich nicht erfolgreich“ ist nicht erforderlich.

Ähnliches gilt für andere Fakten, die vielleicht in Ihrer heutigen Position nach „mehr“ aussehen als in der angestrebten. Man bewirbt sich nicht ungestraft um 20 Mio. Euro Umsatzverantwortung, wenn man heute 50 angibt – und man ist nicht einfach so Geschäftsführer eines großen Mittelständlers, wenn man in Zukunft einen kleinen leiten möchte.

Und bitte denken Sie niemals: „Die Tatsache, dass ich mich um diese Position bewerbe, zeigt doch, dass ich alles akzeptiere, was dort beschrieben wird. Sonst hätte ich doch gar nicht geschrieben.“ Denken Sie es nicht – der Empfänger glaubt absolut nicht, dass der Durchschnittsbewerber denkt. Dafür hat er zu viel gesehen und erlebt, was eher für das Gegenteil spricht.

Kurzantwort:

Verzeihen Sie mir die Nacht, sie steht in keinem vernünftigen Zusammenhang zum Thema. Aber ich fand diese Überschrift so eindrucksvoll, dass ich es einfach tun musste (Sie gewinnen jetzt einen Eindruck von der Belastung, der sich meine Deutschlehrer beim Lesen mancher meiner Aufsätze ausgesetzt sahen. Und weil, während ich das schreibe, fast Weihnachten ist …).

Frage-Nr.: 338
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-12-18

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