Heiko Mell

Taugen „echte“ Top-Manager als Beispiel?

Antwort:

Verflixt, fast hätte ich geschrieben: Ja, als abschreckendes. Das geht natürlich nicht. Fangen wir lieber etwas ruhiger an:Vortragsveranstaltung „Wie wir wurden, was wird sind“ für Endsemester und Doktoranden. Der Veranstalter interessiert hier nicht, die Vortragenden sind über jeden Zweifel erhabene erfolgreiche Top-Manager, die Crème de la crème der deutschen Wirtschaft. Sie sollen erzählen, was sie „unterwegs“ getan, wie sie ihre Ziele definiert und sie erreicht haben. Dass da etwas Vorzeigbares ist, ergibt sich aus der heutigen Position – also werden „Erfolgsrezepte zum Nachmachen“ geboten. Vorstellbar? Vorstellbar.

Ließe sich das Veranstaltungskonzept erfolgreich vermarkten? Aber ja, die Idee überzeugt. Und es ist ja sicher auch unterhaltsam, die in der Öffentlichkeit stehenden Größen einmal anschaulich zu erleben. Aber taugt der Weg dieser Persönlichkeiten, taugt das, was sie über Weichenstellungen, Entscheidungen in Grenzsituationen, unverzichtbare Eigenschaften und Fähigkeiten erzählen, als hilfreiches Vorbild für eine große Menge von Zuhörern?

Die Antwort ist ganz klar: Nein, es ist absolut nicht hilfreich.Da ist einmal das unerlässliche Talent, ohne das alles nichts ist. Ob ich dem weltbesten Pianisten zusehe oder gar eine Privatstunde von ihm erhalte: Ich spiele nicht Klavier, kenne nicht einmal Noten, bin ziemlich unmusikalisch. Ich wüsste hinterher nicht mehr als vorher. Nur ein ausgewiesenes musikalisches Talent könnte davon profitieren.

Dann ist die Zeit wichtig, in der die entscheidenden Weichen gestellt werden. Die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts waren eine andere Startkulisse als das heutige Umfeld, sie verlangten andere Strategien und Taktiken, ließen andere Persönlichkeitstypen hochkommen und scheitern als heute.

Fast der wichtigste Punkt: Die – erfolgreichen – „Vorbilder“ waren so beschäftigt mit ihrer eigenen Karriere, dass sie nicht auch noch gleichzeitig oder nebenbei Regelspezialisten für den Aufstieg werden konnten. Sie selbst wissen oft nicht, ob ihr Weg trotz oder wegen bestimmter Entscheidungen oder Taten erfolgreich war. Zwar werden sie ahnen, dass auch Glück oder Zufall ihre Hand im Spiel hatten, aber sie können nur schwerlich objektiv sagen, wann oder wo diese Faktoren maßgeblich waren.

Mag sein, dass es viel hilfreicher wäre, die Lebensläufe letztlich Gescheiterter zu analysieren, um die entscheidenden Fehler aufzuzeigen und Nachahmer wirksam abzuschrecken. Nur interessiert sich in einer Erfolgsgesellschaft niemand für Gescheiterte – und auch diese Menschen selbst wären kaum bereit, öffentlich als schlechtes Beispiel aufzutreten.

Ich kann es nicht beweisen, halte aber folgende Aussage für sehr wahrscheinlich: Wenn ein Top-Manager vielleicht ein Jahr früher oder später eingeschult worden wäre, hätte er vermutlich nicht seine heutige Position erreicht. Talent (das Sie immer brauchen) bricht sich Bahn, irgendwo oben wäre er wohl auch gelandet, aber vielleicht „nur“ als Direktor bei ABC, nicht – wie heute – als Vorstandsvorsitzender bei XYZ. Woraus ich meine Überzeugung ableite: Die Übernahme einer bestimmten der ganz großen Spitzenpositionen kann man nicht mit hinreichender Erfolgsaussicht planen. Sie geschieht in der Regel eines Tages. Die Kunst besteht darin, zum richtigen (mitunter vom Zufall abhängenden) Zeitpunkt zu denen zu gehören, die überhaupt in Betracht gezogen werden.

Fazit: Wie Napoleon zu sein, nützt wenig, wenn nicht gerade nachrevolutionäre Wirren herrschen und große Teile der bisherigen Elite des Landes eben erst vom Mob geköpft wurden.

Kurzantwort:

Verflixt, fast hätte ich geschrieben: Ja, als abschreckendes. Das geht natürlich nicht. Fangen wir lieber etwas ruhiger an:

Frage-Nr.: 335
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-08

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