Heiko Mell

Schopenhauer hat es gewusst

Antwort:

Also ich will ganz ehrlich sein: Würde man mich fragen, hätte ich kaum Einwände gegen ein Examenszeugnis mit meinem Namen und lauter sehr guten Noten. Irgendwie, so glaube ich, würde ich mit den darob ganz offensichtlich drohenden Problemen auch noch fertig werden. Aber das sage ich heute: geläutert, erfahren, gewarnt. Und es kommt ja auch niemand und gibt mir nachträglich einen Schubs nach weiter oben.

Sie kennen meine vielfachen Ausführungen über und Warnungen an Menschen mit den sehr guten Studienabschlüssen, die so oft besser sind als das System es erfordert – und manchmal sogar als das System es erlaubt. Irgendwie war ich recht stolz auf diese Erkenntnis, die ich – bisher – für ziemlich exklusiv gehalten hatte.Nun stoße ich auf Schopenhauer, was aus der Feder eines Serienautors schon recht eindrucksvoll klingt. Aber ich wollte ja ganz ehrlich sein: Ich stieß auf ihn auf einem Kalenderblatt. Und dort wurde er zitiert:“Für das praktische Leben ist das Genie so brauchbar wie ein Sternenteleskop im Theater.“

Er, der 1860 starb, das Christentum als unphilosophisch ablehnte und nichts von Industriekarriere wusste, unterstreicht damit ganz nebenbei, dass vieles so neu gar nicht ist. Das wiederum steht schon im Alten Testament: „… und geschieht nichts Neues unter der Sonne“ (Prediger Salomo 1,9).

Nun spricht Schopenhauer von Genies, während ich mich mit meinen Einser-Kandidaten ja denn doch auf der einen oder anderen Stufe darunter bewege – aber der ähnliche Ansatz ist unverkennbar.

Was mich an dem von Schopenhauer gezeichneten Bild zusätzlich fasziniert, ist das Wort vom „Theater“. Wobei er ganz sicher das tatsächliche meinte, ich aber mehr von der beruflichen Praxis spreche – die zwar nicht Theater heißt, es aber nur allzu oft verdient so genannt zu werden.

So weit, so gut, aber nun fehlt noch die „Moral von der Geschicht“, wie Wilhelm Busch gesagt hätte. Erlauben Sie mir, ein großes, aber noch gut tragbares Fernglas der Kategorie 20 x statt des Sternenteleskops zu nehmen, weil ich ja auch noch unterhalb des Genies operiere. Und dann gilt:
Ein solches Fernglas zu besitzen, schadet niemals. Es gut verpackt ins Theater mitzunehmen, stört kaum. Es jedoch im Parkett auszupacken, permanent zu benutzen und lauthals kundzutun, der Hauptdarstellerin fehle ein Knopf an der Bluse, überfordert die Umwelt. Mit der Anwendung dann aber zu warten, bis man eines Tages in einer Loge sitzt, es dort ohne Störung anderer von Fall zu Fall zu benutzen und den einen oder anderen Schluss aus den zusätzlich erkannten Details zu ziehen, das hätte doch etwas.

Und sollten Sie zum Kreis der betroffenen Einser-Leute gehören, seien Sie versichert: Die meisten Menschen, die nur ein kleines Theaterglas ihr Eigen nennen, hätten schon ganz gern ein „20 x“. Auch wenn sie den Wunsch lauthals leugnen …

Kurzantwort:

Also ich will ganz ehrlich sein: Würde man mich fragen, hätte ich kaum Einwände gegen ein Examenszeugnis mit meinem Namen und lauter sehr guten Noten. Irgendwie, so glaube ich, würde ich mit den darob ganz offensichtlich drohenden Problemen auch noch fertig werden. Aber das sage ich heute: geläutert, erfahren, gewarnt. Und es kommt ja auch niemand und gibt mir nachträglich einen Schubs nach weiter oben.

Frage-Nr.: 334
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-09-24

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