Heiko Mell

Die Rache des Arbeitsmarktes

Antwort:

Als Bewerber sind Sie Teilnehmer an einem Wettbewerb: Dreißig oder einhundertdreißig Teilnehmer starten ohne jede Verbindung zueinander und streben auf das Ziel zu. Einer gewinnt, jedenfalls in der Theorie.

Wenn das Unternehmen kann, wählt es denjenigen Bewerber aus, den es insgesamt für den besten hält. Wer auffällige Probleme im Lebenslauf hat, landet weit hinten in der Rangfolge.

In dieser schlichten Aussage sind zwei Sprengsätze versteckt:

1. Je mehr ein Bewerber vom Ideal des Unternehmens abweicht, desto geringer eigentlich seine Erfolgsaussichten. Das muss so sein – 99 Absagen auf hundert Bewerbungen sind schließlich ohnehin zu erwarten.

Vorschneller Schluss: Wer vom allgemeinen Ideal (die Unternehmen denken irgendwie alle ähnlich) in wichtigen Punkten deutlich abweicht, hat kaum eine Chance. Allerdings: Dieser Schluss ist falsch – in der Praxis finden erfreulicherweise fast alle einen (anderen) Job. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Lösung liegt im Punkt 2.2. Die weitaus meisten irgendwo abgelehnten Bewerber gewinnen ihren Wettbewerb woanders – in einem neuen Fall, bei einem anderen Unternehmen. Das wiederum könnte zwei Ursachen haben:

2.1 Diese Unternehmen machen gravierende Fehler, sie schicken gute (bessere) Kandidaten nach Hause und nehmen bewusst den angeschlagenen, mit Handikaps behafteten. Rechnen Sie lieber nicht damit. Andere für dumm zu halten, ist sehr gefährlich.

2.2 Auch hier hat das Unternehmen denjenigen Kandidaten ausgewählt, den es für den besten hielt. Allerdings: Objektiv besser geworden ist der schließlich eingestellte Kandidaten inzwischen nicht, dennoch wird er hier genommen. Einzige logische Erklärung: Die Position war „schlechter“, die besseren Mitbewerber aus 1. haben „den Braten gerochen“ und sind zu Hause geblieben. Sie können sich das leisten, schließlich sind sie ungekündigt und in einer unbelasteten Position, sie können in Ruhe weiter suchen.

Also gilt – wie immer von Ausnahmen abgesehen – die Warnung: Wer für den Bewerbungsempfänger erkennbar „angeschlagen“ ist und dennoch ein neues Vertragsangebot bekommt, muss in einem Grade misstrauisch und vorsichtig sein, der etwa dem Umfang seiner Lebenslaufprobleme entspricht. Der ihm angebotene neue Job hat vermutlich Probleme, die gerade ihm, der jetzt seine besondere Bewährungschance sucht, das nackte Überleben erschweren.

Das bedeutet natürlich nicht, dass dieser angeschlagene Kandidat keinen Job annehmen dürfte. Aber er sollte zumindest erst unterschreiben, wenn er herausgefunden hat, warum man hier gerade ihn akzeptiert, obwohl er zu oft gewechselt hat, in der Probezeit gescheitert ist, kaum richtig zur Aufgabe und zur Branche passt. Vermutlich, weil es bessere Mitbewerber nicht gab. Und dann bleibt die Frage, warum die sich hier zurückgehalten haben. Allzu oft sieht man Bewerber, die nach der ersten kleineren Katastrophe in die nächste größere stolperten und dann vielleicht in die endgültige dritte.

Irgendwie „rächt“ der Arbeitsmarkt Verstöße gegen seine Regeln – ob verschuldete oder erlittene. Und wer nach einem Scheitern eine neue Chance bekommt, kämpfe doppelt engagiert: Weil die neue Position wahrscheinlich (noch) schwieriger zu bewältigen ist als die davor und weil er noch weniger Risiken eingehen kann als bisher: Es muss jetzt „klappen“ – eine hohe Vorbelastung. Auch wer heruntergeht mit seinen Ansprüchen an Hierarchie, Verantwortung, Zuständigkeit, bekommt jetzt und beim nächsten Wechsel die „Rache des Marktes“ zu spüren: Er muss unangenehme Fragen beantworten und sieht sich in jedem Fall gegenüber früheren Zielen zurückgeworfen.

Fazit: Wer als deutlich „angeschlagener“ Bewerber glaubt, seine absolute Traumposition gefunden zu haben, hat die Wahl zwischen zwei Problemen: Entweder hat er recht – dann muss er mit dem Rücken zur Wand stehend höchsten Anforderungen entsprechenden – oder er ist naiv.

Kurzantwort:

Als Bewerber sind Sie Teilnehmer an einem Wettbewerb: Dreißig oder einhundertdreißig Teilnehmer starten ohne jede Verbindung zueinander und streben auf das Ziel zu. Einer gewinnt, jedenfalls in der Theorie.

Frage-Nr.: 321
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-19

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