Heiko Mell

Das „Schwiegermutter-Prinzip“

Antwort:

Stellen Sie sich vor, Sie hielten ein Seminar. Und dann verzeihen Sie mir noch, dass ich Ihnen rein aus Gründen der Anschaulichkeit ein banales, aber einprägsames Thema vorschlage: „Warum ich meine Schwiegermutter nicht umbringen darf, auch wenn sie nervt.“ Wie gesagt, seien Sie erst einmal nachsichtig mit mir ob dieser Plattitüde.

Wenn Sie dann Ihre Veranstaltung abgeschlossen hätten – was glauben Sie, würde in dem Moment geschehen (außer frenetischem Beifall)? Ich sage es Ihnen: Ein Teilnehmer kommt auf Sie zu und bittet höflich, noch eine speziell ihn betreffende Frage stellen zu dürfen. Sie sind einverstanden – und hören mit absoluter Sicherheit: „Das war jetzt alles sehr interessant. Aber bei mir ist es gar nicht die Schwiegermutter, die Ärger macht, sondern der Schwiegervater. Darf ich den auch nicht …?“ Und die Umstehenden nicken – genau so sei es auch bei ihnen.

Vermutlich wären Sie erst einmal ebenso verblüfft wie ratlos. Können „die Leute“ denn eine Aussage nicht generalisieren, können sie nicht das zentrale Prinzip dahinter erkennen und das auf ihren konkreten Fall anwenden? Falls es Ihnen ein Trost ist: Sie können generell eher nicht. Sie kleben am gesprochenen und geschriebenen Wort – und sind hilflos, wenn das Gesagte auch nur um Haaresbreite von der eigenen Konstellation abweicht.

Zutage tritt das Handikap bei der Interpretation des Anforderungsprofils von Stellenanzeigen, bei der Nutzung von Erkenntnissen aus öffentlich vorgestellten Fällen „anderer Leute“ für sich selbst und bei der Adaptierung genereller Regeln und Empfehlungen auf die eigene Situation.

Und die Moral von der Geschichte? Beide Seiten können daraus lernen. Der „Seminarhalter“ (oder Karriereberatungsautor) muss jedes Beispiel so breit anlegen, dass dahinter das Prinzip deutlich wird – und er muss Hilfestellung geben, damit der Zuhörer diesen Grundsatz auf die eigene Situation anwenden kann.

Und der Adressat solcher Ratschläge soll sich zumindest des Adaptions-Problems bewusst sein, was stets der erste Schritt zur Lösung ist. Sonst liest auch er die Empfehlung „du sollst deinen Chef nicht anspucken“, nickt sie als selbstverständlich ab – geht hin und weist seinem eigenen Vorgesetzten in großer Runde im Beisein der Geschäftsführung einen groben fachlichen Schnitzer nach. Und wundert sich, wenn anschließend jemand feststellt: Das war ein Anspucken – wie aus dem Bilderbuch!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 32
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-07

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