Heiko Mell

Pech gehabt

Antwort:

Niederlagen, das weiß der lebenserfahrene Mensch, sind unvermeidlich. Sie scheinen sogar das Salz in der Suppe zu sein, in der die Persönlichkeit so langsam „gar“ wird.

Aber: Beim Studium von Lebensläufen gut ausgebildeter und nachweislich tüchtiger Akademiker fallen eklatante Häufungen auf, die jeder Wahrscheinlichkeit widersprechen. Drei, manchmal vier kurze Dienstzeiten nacheinander, ausgelöst jeweils durch gut begründete und im Einzelfall sogar beweisbare sachliche Gegebenheiten, kommen durchaus vor. Die Erklärung mit dem „Pech“, das man gehabt hat, liegt scheinbar auf der Hand. Überzeugt das? Nun, Vorsicht und Skepsis scheinen angebracht.

Da ist zunächst die Warnung fällig, dass „Pech“ als Ausrede oder Erklärung auch dann nichts taugte, wenn es denn zuträfe: Wer will schon ausgewiesene Pechvögel? Erfolgreich sei der Mensch, gewinnorientiert und durchsetzungsstark (sehr frei nach Goethe). Für Verlierer bleibt da wenig Raum. Ist der Mensch ein Manager, gilt das verstärkt.

Man kann natürlich irgendwann einmal völlig ohne eigenes Verschulden Probleme bekommen, aber Häufungen einzelner Vorfälle sind nicht mehr so einfach zu erklären. Entweder liegt die zentrale Ursache in der Person des Betroffenen oder die einzelnen Katastrophen bedingen einander. Kurz: Für die erste geht „Pech“ noch an, die zweite ist dann schon Folge der ersten. Und ganz klar ist die dritte das Resultat der Situation, die nach der zweiten bestand.

Da braucht nur unmittelbar nach dem Wechsel der neue Vorgesetzte gefeuert zu werden; der Nachfolger hat ein anderes Konzept, der neu eingetretene Manager wird überflüssig und in der Probezeit problemarm entlassen. Diese Phase im Lebenslauf fällt für immer unangenehm auf. Das würde schnell überdeckt durch sieben erfolgreiche Jahre beim folgenden Arbeitgeber. Aber durch den Druck der drohenden Arbeitslosigkeit kommt Hektik in den Bewerbungsprozess – der Kandidat nimmt, was kommt. Das nächste Unternehmen ist wirtschaftlich angeschlagen. Die Top-Bewerber aus ungekündigter Position spüren das, können sich einen Rückzug leisten, suchen weiter. Unser Kandidat kann nicht, unterschreibt, die Firma geht in die Insolvenz, die Dienstzeit wird kurz, nun sind es schon zwei nacheinander. Jetzt werden erstklassige Angebote rar. Der Bewerber gerät an einen Job, auf dem die Vorgänger alle gescheitert sind. Er unterschreibt, ist aber inzwischen nervös, sein Selbstbewusstsein ist im Keller. Dort, wo schon mehrere vor ihm nicht zurechtgekommen sind, packt er es jetzt natürlich auch nicht mehr.

Akzeptieren wir bei der Analyse dieses beispielhaften Falles unglückliche Umstände als Ursache des ersten Problems. Aber der Rest ist eine Kombination aus Fehlern und einer in Bewegung gekommenen Lawine.

Was kann man dagegen tun? Die auslösende Geschichte unseres Falles – oder eine beliebige andere Katastrophe – kann jedem jederzeit widerfahren. Risiken dieser Art sind systemimmanent.

Die erste Abwehrmaßnahme zielt im Lebenslauf nach „hinten“, betrifft also die kluge Strategie in den Anstellungsverhältnissen davor: Je mehr Solidität und Erfolg dort sichtbar werden, desto leichter wird ein (ein!) Misserfolg danach verkraftet. Wenn man also einen soliden, vorzeigbaren Job hat, der keinesfalls aufgegeben werden muss und nur gegen einen noch besseren eingetauscht werden soll, dann prüfe man: Bin ich fünf, gern auch sieben oder acht Jahre in diesem Unternehmen, übe ich die heutige Tätigkeit (nach der letzten Beförderung oder dem letzten internen Wechsel) mindestens drei Jahre aus? Kann ich mit einem sehr guten, wohlwollenden Zeugnis rechnen? Wenn ja, ist ein beruhigendes „Polster“ vorhanden, das auch „Pech“ beim nächsten Wechsel abfedert. Wenn nein: Finger weg von unnötigen Experimenten (jeder Firmenwechsel ist eines)! Leider zeigt die Praxis, dass in vielen Fällen diese Vorsorge („Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“) sträflich versäumt wurde.

Auf der Basis einer grundsoliden Lebenslaufposition wäre bei der nach der ersten Katastrophe fälligen neuen Suche zwar ein Zeitdruck vorhanden, aber Panik unangebracht.

Zwei oder drei Monate Arbeitslosigkeit im Anschluss sind ziemlich unkritisch – bei nur sechs Monaten Dauer des jüngsten Arbeitsverhältnisses lässt sich der „Flop“ ohnehin nicht verbergen, ein „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ im Zeugnis (sonst sehr empfehlenswert) würde kaum jemand glauben.

Zweiter Teil der Strategie: Bei der Erringung der nun dringend erforderlichen Position gehört Sicherheit auf Platz 1, Karrierefortschritt ist zurückzustellen. Gefährlich ist vor allem der Versuch, jetzt eine Top-Position zu erringen, mit der man die Scharte auswetzt. Das geht nicht! Angeschlagen, wie man nach dem Scheitern ist und unter Zeitdruck, sowie mit reduziertem Marktwert („Was er erzählt, klingt einleuchtend, aber stimmt das auch?“ zweifeln Partner im Vorstellungsgespräch) ist das nicht zu machen.

Also hängt man die gerade verlorene Position im Lebenslauf etwas tiefer als sie war und strebt in der neuen eher nach weniger als nach mehr. Was man braucht, ist eine neue Chance, Solidität und Erfolg nachzuweisen. Natürlich „kostet“ das etwas – Verlust an Karrierefortschritt. Aber einen Preis für die Niederlage zahlen Sie ohnehin – dieser ist noch am besten zu verkraften.

Sollte es zu einer zweiten Katastrophe in Folge kommen, ist die vorrangige Orientierung an den Aspekten Sicherheit und langfristige Solidität umso wichtiger, wenn der nächste Arbeitgeber ausgewählt wird. Am besten sagt man dann „Kommando zurück“, gibt Aufstiegspläne vorläufig auf und bemüht sich um eine Position wie diejenige, aus der man ursprünglich einmal gestartet war. Die entsprechende Aufgabe wird ja beherrscht – und das kann man sogar beweisen!

Kurzantwort:

Niederlagen, das weiß der lebenserfahrene Mensch, sind unvermeidlich. Sie scheinen sogar das Salz in der Suppe zu sein, in der die Persönlichkeit so langsam „gar“ wird.

Frage-Nr.: 317
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-10-19

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