Heiko Mell

Panta rhei – alles fließt?

Antwort:

Man wird für einen ziemlich großen Abschnitt in der Entwicklung der deutschen Wirtschaft Zeitzeuge, wenn man so lange dabei ist wie ich. Was bedeutet, immer irgendwie mittendrin gewesen zu sein, Veränderungen hautnah miterlebt zu haben. Also wird man gelegentlich gefragt: Was eigentlich hat sich verändert in dieser Zeit? Die Antwort ist mehrteilig: alles, nichts – es kommt auf den konkreten Aspekt an!

Nehmen Sie als relativ leicht zu erfassendes Beispiel die Bezeichnung unserer Berufsgruppe: Nach meinem Examen war ich „Ingenieur“ (doch, das hieß einfach so), dann wurden die Nachfolger „Ing. (grad.)“, deren Nachfolger „Dipl.-Ing. (FH)“. Nun werden sie Bachelor of Engineering. Da sage niemand, es hätte sich nichts getan. Bei der Gelegenheit: „Ingenieure“ wurden seinerzeit nachgraduiert (DM 150,00), „Ing. (grad.)“ wurden nachdiplomiert (DM 150,00). Werden die aussterbenden Dipl.-Ing. nun „nachgebachelort“ – übrigens ein Wort, dass die Sehnsucht der Deutschen nach fremdsprachigen Ausdrücken so richtig befriedigen könnte? Ja, wird man in 20 Jahren überhaupt noch „Ingenieure“ – mit welchem Zusatz auch immer – kennen? Vielleicht sind das dann alles „People of Engineering“ oder so.

Aber zum Glück verlangt niemand auch noch Prognosen von mir.

Adäquat haben sich innerbetriebliche Strukturen, Methoden und Instrumente verändert, keine Frage. Die Skala reicht von Lean Management, Matrixstrukturen, Prozessorientierung und Projektorganisation auf der einen bis zum Einsatz immer leistungsfähigerer CAD-, SAP- oder anderer IT-Systeme auf der anderen Seite. Internet und Handy nicht zu vergessen. Vor allem das Handy nicht.

Das aber wissen Sie alles selbst – und wegen dieser allgemein bekannten Fakten schreibe ich nicht diesen Beitrag. Ich brauche den Aspekt nur zum Anwärmen. Nun die eigentliche Kernaussage zum Thema: Überhaupt nicht verändert hat sich das, was im Mittelpunkt dieser Serie steht, nämlich die Art der Probleme von Menschen kurz vor Eintritt in das oder mitten im Berufsleben. Da bringen Bewerbungen nicht den gewünschten Erfolg, kommt die Karriere nicht in Schwung, droht Ärger mit dem Chef, sind Zeugnisse nicht so gut wie erhofft etc.

Alles wie in den Anfangsjahren der Serie. Schön, einige Randprobleme sind, bedingt durch die fortschreitende technische Entwicklung, verschwunden bzw. neu hinzugekommen. Niemand braucht heute graduierten Ingenieuren mehr davon abzuraten, Bewerbungen in Normschrift-Druckbuchstaben auf kariertem Papier zu erstellen. Dafür wussten diese Menschen (und ich) nicht, was einmal eine E-Mail sein würde, beispielsweise.

Aber sonst? Menschen bleiben sich und ihren Fehlern treu, damit ähneln sich auch ihre Probleme. Und wenn ich auf meinem ureigenen Gebiet dann doch einmal eine Prognose wagen darf: Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern. Und ich kann die meisten meiner besonderen Erfahrungen täglich weiter verwerten, selbst die aus 1965. In meinem Hauptjob lernte ich damals die Programmierung eines lochkartengesteuerten Großrechners. Damit wäre heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Fließt also doch nicht alles, wie Heraklith im 5. Jhdt. v. Chr. gesagt haben soll? Nun, er äußerte damit einen philosophischen Gedanken vom „ewigen Wechsel der Dinge“ – was nicht zwangsläufig die Probleme berufstätiger Menschen einschließt. Die bleiben uns erhalten – und diesbezügliches Wissen veraltet kaum. Man könnte versucht sein, ein Studienfach „über den Umgang mit anderen Menschen“ anzuregen. Aber dann würde am Ende noch diese Karriereberatung überflüssig.

PS: Und, darauf lege ich Wert, „nachgebachelort“ ist meine eigene Wortschöpfung. Leider eine vergängliche – in wenigen Jahren ist der Begriff tot, was er bezeichnen könnte, stirbt aus.

Kurzantwort:

Man wird für einen ziemlich großen Abschnitt in der Entwicklung der deutschen Wirtschaft Zeitzeuge, wenn man so lange dabei ist wie ich. Was bedeutet, immer irgendwie mittendrin gewesen zu sein, Veränderungen hautnah miterlebt zu haben. Also wird man gelegentlich gefragt: Was eigentlich hat sich verändert in dieser Zeit? Die Antwort ist mehrteilig: alles, nichts – es kommt auf den konkreten Aspekt an!

Frage-Nr.: 315
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-14

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