Heiko Mell

Warum mach ich ein Praktikum?

Antwort:

Verzeihen Sie mir. Ich konnte der Versuchung in diesem Moment nicht widerstehen, ich verspreche aber, nicht allzu oft solche Wortspiele als „Überschrift“ zu wählen.Die Frage jedoch bleibt: Warum eigentlich?

Die Antwort auf das vermeintlich so einfache Thema hat es in sich:

1. Am einfachsten ist der Hinweis darauf, was nicht Sinn und Zweck des Praktikums ist: Sie sollen dem – eventuell auch noch sehr großen – Unternehmen nicht vorrangig epochale Kenntnisse vermitteln oder dort in acht Wochen Probleme lösen, an denen die Leute bisher schier verzweifelt sind. Die jeweilige Firma will lediglich im Vorfeld Kontakte zu möglichen späteren Mitarbeitern knüpfen oder pauschal ihr Image auf dem Arbeitsmarkt pflegen – praktische Hilfe sucht sie in Ihnen kaum. Konsequenz: Berichten Sie in späteren Bewerbungen nüchtern und sachlich, wo Sie in dieser Zeit waren, aber blasen Sie Ihren Anteil am Firmenerfolg in jener Zeit nicht unnötig auf, es glaubt ja ohnehin niemand.

 

2. Das Praktikum ist vorrangig ein Hineinschnuppern. In eine bestimmte Branche, in einen bestimmten Firmentyp, in eine bestimmte Tätigkeitsrichtung. Vor allem dient es Ihrer späteren Festlegung im Hinblick auf eben diese Details hinsichtlich des ersten Arbeitgebers. Sie sollen nach dem Absolvieren mehrerer Praktika sagen können:

– Ich will in einen Großkonzern (oder zu einem Mittelständler oder zu einem Engineeringdienstleister etc.).

– Ich strebe gezielt in die Entwicklung (oder in Projektaufgaben oder in die Fertigung oder in den Vertrieb).

– Ich suche gezielt den Sondermaschinenbau (oder die allgemeine Großserienfertigung oder die speziellen Gegebenheiten des Kfz-Zulieferers).

Basis dafür sind dann die Erkenntnisse, die Sie während Ihrer Praktika gesammelt haben. Jeder Bewerbungsempfänger – auch später im Verlauf des Berufsweges – freut sich, wenn wesentliche Praktika zur Einstiegsposition passen.

 

3. Den so begehrten Auslandstouch schon während Ihrer Ausbildung können Sie sehr gut mit ein oder zwei Auslandspraktika unter Beweis stellen. Auf Branchen oder Tätigkeitsrichtungen kommt es dabei nicht so sehr an (eine gute Alternative wären etwa zwei Auslandssemester innerhalb des Studiums).

 

4. Man macht Praktika – weil „man Praktika macht“: Vielfach erwarten potenzielle Arbeitgeber einfach, dass Sie sich breit in der Praxis umgesehen haben. Selbst wer also schon vorher genau weiß, was er will, kommt um den Nachweis von Praktika kaum herum.

 

5. Insbesondere manche große Konzerne (Beispiel: Premium-Hersteller im Kfz-Bereich) erwarten von Berufseinsteigern eine aktive, erkenn- und beweisbare Hinwendung zu ihrem Metier (Beispiel: Automobiltechnik). Ein gutes Argument in dieser Hinsicht sind Praktika, die auch ruhig bei anderen, aber ähnlich strukturierten Unternehmen absolviert worden sein dürfen.

 

6. Es steckt schon eine gewisse Logik in diesem Komplex: Woran es Berufseinsteigern besonders mangelt, ist Praxisbezug. So vier oder fünf Praktika, von denen einige in die Richtung der jetzt angestrebten Startposition weisen, mildern diesen Nachteil und steigern Ihren Marktwert.

 

7. Und da sogar Extremes öfter einmal versucht wird, auch dazu ein Kommentar:Manchmal sind alle Praktika eines Studentenlebens bei einem Unternehmen oder doch bei einem Unternehmenstyp absolviert worden (Beispiel: mittelständisches Unternehmen in der Provinz oder Kfz-Hersteller). Und dann sagt dieser Bewerber, dass ihm dabei eines klar geworden sei: Dort sei seines Wirkens nicht – das Gegenteil interessiere ihn. Die Wirkung dieser Negativ-Argumentation ist etwas schwach, wie sich sicher nachvollziehen lässt.

Kurzantwort:

Verzeihen Sie mir. Ich konnte der Versuchung in diesem Moment nicht widerstehen, ich verspreche aber, nicht allzu oft solche Wortspiele als „Überschrift“ zu wählen.

Frage-Nr.: 314
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-31

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