Heiko Mell

Wenn die Leistungselite sich verstecken muss …

Antwort:

Derzeit steht unser Schulsystem, Basis aller berufsrelevanten Bildung, ebenso auf dem Prüfstand wie zur Diskussion. Einhelliger Tenor aller Kritik und aller Verbesserungsideen: Schwache sind mehr zu fördern, Migranten besser zu integrieren, Abiturfähige länger mit den potenziellen Hauptschülern gemeinsam zu unterrichten, um das Klassenniveau anzuheben oder wenigstens ein gutes Bespiel zu geben. Klingt alles irgendwie nach besten Absichten.

Dabei wird jedoch ein Problem übersehen, das besondere Aufmerksamkeit verdient hätte: Unser Land verschenkt Ressourcen, die zu seinen kostbarsten überhaupt gehören, nämlich Teile des Leistungspotenzials seiner künftigen geistigen Elite. Sicher nicht überall, aber doch weit verbreitet, herrscht an den Elite-Schulen unseres Ausbildungssystems, den Gymnasien, ein gegenüber Spitzenleistungen feindliches Klima.

Ich bin im eigenen Familienkreis, bei Freunden, Bekannten und bei beruflichen Kontakten inzwischen so oft auf dieses Phänomen gestoßen, dass es kein Zufall mehr sein kann: Besonders leistungsstarke Schüler mit der Fähigkeit zu sehr guten Noten verstecken ihre Fähigkeiten, halten sich zurück, vermeiden es, Einsen zu schreiben, fahren ihre Beteiligung am Unterricht bewusst nach unten. Alles nur, um den Angriffen und Zurücksetzungen durch ein leistungsfeindliches Umfeld zu entgehen. Gemeint sind nicht Lehrer, sondern offenbar vom Elternhaus entsprechend vorgeprägte Mitschüler.

Da sich so etwas in einer wichtigen Entwicklungsphase des jungen Menschen abspielt, schüttelt er diese Erfahrungen und die daraus abgeleitete, künstlich auf Leistungsreduzierung abgestellte Verhaltensweise später nicht so einfach wieder ab. Daran kann uns allen nicht gelegen sein, wir brauchen dringend jede Art von Brillanz – und sei es geistige (wenn jemand schnell laufen kann, was der Menschheit kaum etwas bringt, gibt es mit der Akzeptanz keine Probleme).

Ich behaupte absolut nicht, über den zentralen Lösungsansatz schlechthin zu verfügen – aber dass eine Leistungselite ihre Fähigkeiten verstecken muss, um im allgemeinen Klima nicht anzuecken, kann nicht hingenommen werden. Und wenn dies nur zehn Kinder pro Jahr in Deutschland beträfe, wären es zehn zuviel.

Schließlich hängen in einem Land wie dem unseren vielleicht an den Ideen und Entwicklungen eines herausragenden Leistungsträgers auch wieder Existenzmöglichkeiten vieler anderer Menschen. Darunter solchen, die aus Neid und Missgunst vielleicht den Durchbruch mancher junger Talente verhindert haben. Möglich sein müsste ein Wandel im Denken: Wenn Kinder lernen können zu akzeptieren, dass andere schneller laufen oder höher springen, dann müsste man ihnen auch Verständnis dafür vermitteln können, dass andere die Fähigkeit zu besseren schulischen Leistungen haben. Es muss nur ernsthaft versucht werden …

Kurzantwort:

Derzeit steht unser Schulsystem, Basis aller berufsrelevanten Bildung, ebenso auf dem Prüfstand wie zur Diskussion. Einhelliger Tenor aller Kritik und aller Verbesserungsideen: Schwache sind mehr zu fördern, Migranten besser zu integrieren, Abiturfähige länger mit den potenziellen Hauptschülern gemeinsam zu unterrichten, um das Klassenniveau anzuheben oder wenigstens ein gutes Bespiel zu geben. Klingt alles irgendwie nach besten Absichten.

Frage-Nr.: 309
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-07-06

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