Heiko Mell

Heureka, das Rad ist da!

Antwort:

Jeder von uns hat seine empfindliche Stelle – wird sie berührt, zuckt man. Ich zucke noch immer, trotz der vielen Jahren, in denen man schon auf meinen Empfindlichkeiten herumtritt. Dabei tut mir eigentlich niemand etwas, die Leute, die sich meine, schaden sich lediglich selbst.

Also ich meine, niemand muss beispielsweise das Rad für sich neu erfinden, es ist ja schon da, Vor- und Nacheile sowie sonstige Eigenschaften sind hinlänglich bekannt. Das wussten Sie natürlich bereits. Aber so manches andere wird täglich neu „erfunden“, sagen wir besser „entdeckt“. Obwohl das Prinzip längst bekannt ist und eigentlich zum Allgemeinwissen gehören sollte. Insbesondere junge Menschen investieren große Mengen an Energie darin, ihr individuelles „Rad“ neu zu erfinden. Oft stecken sie Jahre in diese Versuche und landen schließlich dort, wo sie nach jenen den Fachleuten bekannten Regeln zwangsläufig auch landen mussten.

Meine intensive Bitte: Wenn Sie mit Menschen zu tun haben, dann sagen Sie denen vorher, dass auf diesen Gebieten hinreichend viele Erfahrungen vorliegen und dass eigene Fehlversuche nicht mehr lohnen:

– Wer das Abitur macht, legt nicht nur eine Prüfung ab. Er muss bis zu diesem Zeitpunkt auch wissen, was er danach anfangen will. Beides gehört untrennbar zusammen. Sonst verliert er leicht ebenso viel Zeit wie er durch ein Sitzenbleiben vorher verloren hätte. Die Strategie „erst die Prüfungen, dann denke ich nach“ ist keine. Ein Abitur und kein Ziel ist fast noch schlimmer als ein Studienziel, aber noch kein Abitur. Letzteres nachzuholen ist eine Fleißsache, ersteres ein Entscheidungsproblem. Fleiß ist für viele Menschen leichter zu erbringen.

– Mit einem Abiturergebnis von 3,x ist der Besuch einer Uni/TH/TU ein äußerst gewagtes Unterfangen, mit einem Scheitern nach etwa zwei Semestern ist zu rechnen. Mit einem Abitur bis hinunter auf etwa 2,4 und einem Mathematik-Leistungskurs jedoch hat man für die Uni eine solide Basis (ich rede von Natur-, vorzugsweise Ingenieurwissenschaften, habe diese Erkenntnis aber auch schon bei BWL bestätigt gefunden).

– Mit höchster Wahrscheinlichkeit endet ein Uni-/TH-/TU-Studium mit der gleichen Note wie das Abitur, etwa 0,5 Noten Abweichung inbegriffen. Deutliche Schwäche-Tendenzen im Abitur verstärken sich im Studienexamen eher noch. Niemand aber will diplomierte Kandidaten mit „ausreichendem“ Resultat.

– FH-Abschlüsse (mit den neuen Bachelor-/Master-Examen gibt es noch keine Erfahrungen) liegen mit ähnlicher Wahrscheinlichkeit eine ganze Note (± 0,5) besser als das Abitur. Aus 3,x beim Abitur werden dann – gleichbleibende Leistungen vorausgesetzt – häufig 2,x beim Examen.- Ein 1,x-Abitur würde danach zum FH-Abschluss von 0,x führen. Der Versuch gilt nicht als originell.

– FH-Absolventen mit 1,4 oder besser werden später im Beruf oft (natürlich nicht zwangsläufig immer) unzufrieden. Das geht sicher auch auf die Erkenntnis zurück, dass sie über Potenzial verfügen, das im Studium nicht völlig ausgeschöpft wurde.

– Einser-Kandidaten aller Studienarten tun sich generell eher etwas schwer mit dem gesamten beruflichen System. Der Effekt tritt nicht beim Start, sondern bevorzugt im Alter „um 38“ auf. Meist sind einfach ihre Ansprüche an das doch stark auf durchschnittliche bis gute Begabungen ausgerichtete System zu hoch, sie kommen vor allem mit den zahlreichen menschlichen und organisatorischen Unzulänglichkeiten nicht zurecht.

– Im Beruf ist früher oder später – besser früher – eine zentrale Entscheidung zu treffen: Gebe ich den hochinteressanten, fachlich herausfordernden Aufgaben oder den „karriereträchtigen“ Funktionen den Vorzug? Vor einer unüberlegten Festlegung auf Fachaufgaben sei ausdrücklich gewarnt! Alle Menschen werden älter – und es gibt kaum einen Markt für sachbearbeitende Fachleute von 50 Jahren mit 24 Jahren Praxis im gleichen Metier. Wer dann wechseln will oder muss(!), hat mehr Probleme als ein Abteilungsleiter dieses Alters. Und: Das berufliche System spricht Führungskräften ein deutlich höheres Einkommen zu als sachbearbeitenden Fachleuten!

– Ohne definiertes Ziel ist die Festlegung des optimalen Berufsweges nicht möglich; ein zielloser, nur von den Versuchungen des Augenblicks gesteuerten „Spaziergang“ von Attraktion zu Attraktion hat zwar auch seine Reize, führt aber letztlich nirgendwohin.

– Nach fünfzehn Dienstjahren bei einem Arbeitgeber sinkt der Wert auf dem Arbeitsmarkt („unflexibel, auf ein Unternehmen blind ausgerichtet“), was durch diverse interne Veränderungen (Beförderungen, Versetzungen) gemildert, durch gleichbleibende Tätigkeiten jedoch verschärft wird. Fast noch schlimmer ist die damit verbundene fehlende Wechselroutine (Auswahl passender Stellenanzeigen, Bewerbungstechnik, Entscheidung für den richtigen Arbeitgeber nach Vorstellungsgesprächen). Resultat: Nach so langer Dienstzeit gerät der erste Wechsel oft zum Reinfall. Also: Nach etwa zehn Dienstjahren zumindest über einen möglichen Wechsel nachdenken.

– Arbeitgeberwechsel ohne Umzug bringen die Gefahr mit sich, dass die neue Position nur „schöngeredet“ wurde, ohne wirklich ein Optimum zu sein. Das täglich erreichbare Umfeld von Wiesweiler-West umfasst höchstens ein Fünfzigstel der in ganz Deutschland gegebenen Chancen.

– Fünf Dienstjahre pro Arbeitgeber im Werdegang beruhigen Bewerbungsleser, fünf Jahre pro gleichbleibender Aufgabe sind generell genug – die Lernkurve verläuft dann stark degressiv. Bei Interesse am (weitergehenden) Aufstieg gilt: Nach deutlich mehr als fünf Jahren in gleichbleibender Position fährt der „Aufstiegszug“ langsam ab.

– Generalisten in unteren Hierarchieebenen verkaufen sich extern schwer, der durchgängige fachliche „rote Faden“ verkauft sich entscheidend besser. Wilde Sprünge in den Bereichen Branche, Fachgebiet, Hierarchiestufe wirken auf Bewerbungsleser chaotisch.

– Jede heute eingenommene berufliche Position ist nur dann wirklich „gut“, wenn jederzeit ein Wechsel auf dem Arbeitsmarkt in eine ähnliche Position möglich wäre. Dazu muss es davon jederzeit mehrere geben und man muss nach den Regeln des Systems dafür ein begehrter Partner sein.

– Wenn die Zeitungen und Stellenbörsen voller offener Positionen sind, man sich aber niemals in den Profilen wiederfindet, hat man etwas falsch gemacht (und gegen ein Grundprinzip der Marktwirtschaft verstoßen). Also überprüfe man seine gewählte Ausrichtung daraufhin in regelmäßigen Abständen.

– Das Berufsleben ist wie ein Marathonlauf. Nicht der „Spaß“, den man bei Kilometer 5,3 hat, sondern die eigene Position bei Kilometer 42 ist entscheidend. Wer richtig „eingestellt“ ist, dem macht die Teilnahme am gesamten Lauf Spaß, der widmet sich mit Engagement und Freude dem, was gerade anliegt (wobei er sich den Einstieg dort ja selbst ausgesucht hatte).

– Wer sich für die Angestellten-Laufbahn entscheidet, will abhängig beschäftigt sein. Das passt grundsätzlich nicht zu einer Verweigerung jeglicher Anpassung und zu einem Streben nach maximalen persönlichen Entfaltungsspielräumen. Dazu gehört auch die Akzeptanz der besonderen Bedeutung des Urteils der Vorgesetzten für den eigenen beruflichen Erfolg, ja für die berufliche Existenz.

 

So, das alles ist weitgehend bekannt, nur eben vielen Betroffenen nicht. Es ist in dieser Serie mehrfach vorgestellt worden, die Erkenntnisse haben jeweils überwiegend Zustimmung bzw. Akzeptanz gefunden. Niemand, der sich auf den schwierigen, mitunter steinigen, gelegentlich auch gefährlichen, stets aber auch „spannenden“ und reizvollen beruflichen Weg macht, muss seine Kraft damit vergeuden, das alles über Versuch und Irrtum neu zu entdecken. Dennoch wird es gern „genommen“, wie ich aus diversen, nahezu täglichen Kontakten mit Studenten und Berufstätigen nur zu gut weiß.

„Heureka“ (ich habe gefunden) wird dem griechischen Mathematiker Archimedes (3. Jhd. v. Chr.) anlässlich der Entdeckung des hydrostatischen Auftriebs zugeschrieben. Sein Vorteil: Er konnte seine Erkenntnis beweisen. Mir hingegen bleibt nur die Überzeugung, richtig zu liegen. Wodurch offenbar ein großer individueller Reiz ausgelöst wird, genau das Gegenteil zu tun und wenn schon nicht mich, dann doch das System zu überlisten. Was mich schließlich fast bedenklich stimmt: Als ebendieser Archimedes später an römische Soldaten, die in sein Haus eindrangen, den Appell richtete: „Störe meine Kreise nicht“ (die er auf den Boden gezeichnet hatte), wurde er erschlagen. Diesmal war er auf die bloße Überzeugungskraft seiner Worte angewiesen gewesen …

Kurzantwort:

Jeder von uns hat seine empfindliche Stelle – wird sie berührt, zuckt man. Ich zucke noch immer, trotz der vielen Jahren, in denen man schon auf meinen Empfindlichkeiten herumtritt. Dabei tut mir eigentlich niemand etwas, die Leute, die sich meine, schaden sich lediglich selbst. …

Frage-Nr.: 304
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-16

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