Heiko Mell

Unterschätzen Sie Ihren Chef nicht!

Antwort:

Es macht Spaß, (Arbeits-)Zeugnisse zu lesen. Wenn man ein Gespür für Formulierungen hat, ein paar tausend Exemplare als Grundmuster kennt und viele davon im Kopf gespeichert hat, spürt man sehr oft die Absicht des Schreibers, Bewerbungsempfängern etwas Besonderes mitzuteilen. Dass er dies wegen der diversen rechtlichen Vorschriften nicht immer offen tun kann, macht die Geschichte so reizvoll.

Ich sitze sehr oft in Vorstellungsgesprächen Kandidaten gegenüber, die natürlich ihre Zeugnisse vorgelegt hatten. Diese sind – selbstverständlich, sonst wäre gar keine Einladung erfolgt – fast immer formal gut oder sehr gut in der zentralen „Schulnote“. Und doch erkennt man als fachkundiger Leser, der dann auch noch die Schilderung eben dieses Arbeitsverhältnisses aus Bewerbermund hört, dass es unter der glatten Oberfläche des Textes Auffälligkeiten gibt:

Es beginnt mit der Gesamtlänge des Dokuments in Relation zur Firmengröße (je größer das Unternehmen, desto knapper ist oft das Zeugnis) und zur Beschäftigungsdauer (je länger, desto länger; eine halbe Seite bei fünf Jahren Tätigkeit dort bedeutet nichts Gutes).

Besonders auffällig ist ein seitenlanges Dokument, bei dem fast nur Fakten geschildert werden – während die eigentliche Beurteilung nur einen kleinen Absatz umfasst.

Es gibt ganz eindeutige Kernformulierungen, die für eine bestimmte „Schulnote“ stehen. Diese wird aber erst dann so richtig glaubwürdig, wenn auch „Fleisch am Knochen“ ist, wenn also in den Absätzen davor und/oder danach durch diverse Aussagen zu Details der Tenor der „Note“ gestützt wird. Fehlt dieses Fleisch, ist das sehr „verdächtig“.

Oft verraten auffällig gewählte einzelne Wörter, die nach Sprachgefühl „dort nicht hingehören“, dass jemand um Formulierungen gerungen hat: Wer schlicht nur Begeisterung zum Ausdruck bringen will, schreibt einfach flüssig drauflos.

Häufig fehlt das Quäntchen Wärme, das ein wirklich wohlmeinender Vorgesetzter in das Dokument hineingebracht hätte.

Und gelegentlich fällt auf, dass bei unwichtigen Details sehr wohl positive Superlative gebraucht werden – die dann aber bei entscheidenden Aussagen fehlen. Oder es wird das Harmonieren mit den Mitarbeitern euphorisch gelobt – aber über das Verhältnis zum Chef steht nichts derart Gutes.

Niemals kann man sicher sein, genau erkennen zu können, was gesagt sein sollte. Aber recht oft räumt der Kandidat, wenn er frontal mit der Vermutung konfrontiert wird, da wäre doch sicher „irgendetwas gewesen“, das Zeugnis enthalte doch Signale, tatsächlich etliche Probleme ein.

Vergessen wir nicht: Eigentlich sind Zeugnisse ja genau dazu da, solche Signale zu senden, sofern es erwähnenswerte Details während der Beschäftigung gab. Meine Empfehlung geht auch weniger dahin, nun misstrauisch gegenüber jeglichem Zeugnistext zu werden. Ich warne mit tiefergehendem Ansatz: Vorgesetzte, die Grund für eine kritische Aussage zu haben meinen, finden nur zu oft auch einen Weg, ein entsprechendes Signal im Zeugnis unterzubringen. Die weitaus beste Absicherung dagegen ist ein aktives, erfolgreiches Bemühen um ein harmonisches Verhältnis mit dem Chef – während der langen Jahre der Zusammenarbeit.

Kurzantwort:

Es macht Spaß, (Arbeits-)Zeugnisse zu lesen. Wenn man ein Gespür für Formulierungen hat, ein paar tausend Exemplare als Grundmuster kennt und viele davon im Kopf gespeichert hat, spürt man sehr oft die Absicht des Schreibers, Bewerbungsempfängern etwas Besonderes mitzuteilen. Dass er dies wegen der diversen rechtlichen Vorschriften nicht immer offen tun kann, macht die Geschichte so reizvoll.

Frage-Nr.: 302
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-11

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