Heiko Mell

Ihr Chef, das unbekannte Wesen

Antwort:

Es ist erstaunlich, wie wenig viele Mitarbeiter – ob sie nun selbst Führungskraft sind oder nicht – über ihren Chef wissen. Über die konkrete, spezielle „lebende“ Person. Dabei ist er die Basis für die Erfüllung ihrer Wünsche nach beruflicher Zufriedenheit und/oder Karrierefortschritt. Und von ihm geht vorrangig jede mögliche Bedrohung der Angestellten-Existenz aus.

Schön, seinen Namen wussten alle, die ich gefragt habe. Und fast jeder hat bei dieser ersten Frage etwas mitleidig zu mir herübergeblickt ob meiner vermuteten Naivität. Ich hatte beides erwartet, wollte aber meine Gesprächspartner am Anfang bewusst mit einem Erfolgserlebnis verwöhnen.

Wie alt er ist, das löste echte Denk- und Spekulationsprozesse aus. Präzise Antworten kamen jetzt schon sehr viel seltener. Dabei muss man doch wissen, welche Existenzängste er vielleicht hat, wie weit er noch von der Pensionierung entfernt ist und ob er noch wechseln könnte.

Große weiße Flecken auf der „Landkarte“ ergaben sich dann bei der Frage nach seiner speziellen Ausbildung: Ein ganz schwerer Fehler, das nicht zu wissen – und sei es nur „TU“ oder „FH“, beispielsweise.

Noch schlimmer wurde es, wenn ich nach Examensnoten fragte. Aber fast jeder sah nach kurzer Diskussion ein, dass dies eine interessante Information sein könnte. Weniger als absolute Aussage denn vor allem wegen der Relation zum eigenen Status und dem der Kollegen in der Abteilung. Ich sprach neulich mit einem Entwicklungsingenieur (TU) über seinen Chef. Dieser hatte nicht promoviert, es gab auch keine promovierten Mitarbeiter. Warum nicht? Er wusste keine Antwort. Die Lösung lag in der FH-Qualifikation des Chefs. Viele (nicht alle!) FH-Ingenieure scheuen sich, Dr.-Ingenieure zu nahe an sich herankommen zu lassen. Warum auch sollten sie mit Zeitbomben jonglieren, die hochgehen könnten? Umgekehrt ist es denkbar, dass ein promovierter Chef instinktiv vorrangig zu TU-Leuten greift, wenn er die Ebene unter sich besetzt, wobei dann wieder FH-Ingenieure leer ausgehen. Nicht jeder Chef folgt dem Klischee, aber Sie brauchen solche Basis-Informationen.

„Hohe Schule“ dieser Art von Wissen über den Chef wäre es, seinen Werdegang vor Übernahme dieser Position zu kennen: als was wo gewesen, wie lange jeweils geblieben, welche Erfolge gehabt, welche vermutlichen Niederlagen erlitten?

Was Sie an Fakten noch brauchen können, sind Details zum privaten Umfeld: Wo und wie wohnt er, Familienstand, Beruf des Ehepartners, Kinder mit Details dazu?

Dann: Welche Hobbys hat er, womit beschäftigt er sich?Vor allem aber: Was sind seine beruflichen Ziele, Hoffnungen, Träume, mit welchen Problemen schlägt er sich selbst gerade herum? Muss z. B. sein eigener Vertrag demnächst verlängert werden und macht er sich Sorgen deswegen?

Mehr kann nicht schaden – was immer Ihnen noch einfällt. Von seinen bevorzugten Urlaubsorten bis zur Frage seiner politischen Einstellung.Womit – mindestens – drei Fragen aufgeworfen werden:

 

1. Was soll das alles? Nun, das ist in etwa das, was er auch wissen möchte, wenn er jemanden unter sich einstellt. Offenbar braucht man die meisten dieser Informationen schon, um einen relativ unwichtigen Menschen auf der Seite unterstellter Mitarbeiter richtig einschätzen zu können. Da der Chef für jeden einzelnen seiner Mitarbeiter ungleich wichtiger ist als umgekehrt, ist es schon von daher selbstverständlich, dass auch der Mitarbeiter mindestens(!) eine adäquate Informationsbasis für die Zusammenarbeit haben muss. Das diktieren schon Vernunft und allgemeine Vorsicht.

 

2. Wie kommt man an diese Kenntnisse? Nun, weder durch einen Fragebogen, den Sie dem Chef etwa vorlegen, noch durch Einsatz eines Privatdetektivs oder persönliche Schnüffeleien spezieller Art! Selbstverständlich bleiben Sie völlig seriös, tun nichts, was man Ihnen vorwerfen könnte. Sie legen auch kein Dossier an, sondern speichern die Dinge im Kopf. Ich möchte gerade in dieser Frage nicht missverstanden werden!

Die beste Quelle ist der Chef selbst. Er erzählt schon gelegentlich – und wie so viele Manager auch gern von sich. Im Laufe einer längeren Zusammenarbeit kommt hier einmal ein Informationsbröckchen und fällt dort eine Bemerkung, die eindeutige Schlüsse zulässt. Oft wissen auch dienstältere Kollegen etwas, mitunter kennt man andere Leute im Betrieb, die ihrerseits etwas wissen. Und wo würde nicht gern und oft über den Chef gesprochen? Gelegentlich, in passender Situation, kann man ihn auch einmal vorsichtig nach einem Detail fragen – aber natürlich darf er sich nie ausgeforscht vorkommen.

 

3. Was machen Sie im Detail mit diesem Wissen? Die Antwort ist vielschichtig: Nichts, vieles, monatelang gar nichts, dann hilft Ihnen in einer bestimmten Situation ein Informationsbröckchen weiter.In jedem Fall müssen Sie mehr wissen über diesen Ihnen gegenüber so mächtigen Menschen.Sie sollen nicht Golf spielen, nur weil er Golf spielt. Aber es kann nicht schaden, sein Handikap zu kennen (und zu wissen, was das ist). Das hilft Ihnen vielleicht eines Tages, wenn Sie gemeinsam mit einem wichtigen Geschäftspartner reden und Golf das zentrale Thema ist.

Es ist erstaunlich, wie klar plötzlich eine Ihnen völlig verworrene Situation werden kann, wenn Sie eine einzige Information haben: Sie verstehen nun, warum jemand so heftig reagiert, wenn man seine wunde Stelle berührt.

Und dann sollten Sie sich bemühen, aus möglichst vielen Mosaiksteinchen ein Persönlichkeitsbild Ihres Chefs zusammenzusetzen. Das wird nie ganz vollständig sein, aber es hilft Ihnen auf jeden Fall.

Sehen Sie, ich habe einen Kunden, der durch verschiedene kleine Details auffiel, die alle in der Einzelbetrachtung keinen Sinn zu ergeben schienen. Er regte sich hier über etwas auf, tolerierte dafür Vorkommnisse, die mir wesentlich schlimmer zu sein schienen. Ich konnte nur die Schultern zucken – Marotten eben. Eines Tages kam ein winziges Detail aus einem Gespräch hinzu – das fehlende Stück im Puzzle: Entgegen dem nahezu perfekt vorgetäuschten Bild eines absolut selbstbewussten Mannes war er in Wirklichkeit voller Minderwertigkeitskomplexe, voll von Selbstzweifeln und fürchtete, dass dies jemand merken könnte. Als Warnsignal für mich: Er war extrem empfindlich gegen jede Form von Missachtung. Ihn erst morgen anzurufen, wenn man es für heute zugesagt hatte, führte zu echten Problemen. Andere stecken das souverän weg, akzeptieren die Ausrede – und vermuten keinesfalls, man habe sie nicht wichtig genug genommen.

Sie sollen ja Ihrem Chef nicht etwa nach dem Munde reden, die weitaus meisten mögen das nicht einmal. Aber wenn Sie etwas über ihn wissen, verstehen Sie ihn und seine Empfindlichkeiten besser. Wissen dieser Art ist nichts, was Sie unbedingt noch heute anwenden müssen. Man speichert es und wartet ab. Die Chance, es erfolgsfördernd anzuwenden, kommt – und sei es, dass Sie in drei Jahren ein extrem tiefes Fettnäpfchen elegant umgehen.

Was Sie dann unbedingt noch wissen müssen – ein Feld, auf dem es auch nicht gut aussieht für die meisten Mitarbeiter -, ist: Was denkt mein Chef über mich, wie beurteilt er meine Stärken und Schwächen, was traut er mir zu, wie schätzt er mich ein? Aber das ist ein anderes Thema.

Kurzantwort:

Es ist erstaunlich, wie wenig viele Mitarbeiter – ob sie nun selbst Führungskraft sind oder nicht – über ihren Chef wissen. Über die konkrete, spezielle „lebende“ Person. Dabei ist er die Basis für die Erfüllung ihrer Wünsche nach beruflicher Zufriedenheit und/oder Karrierefortschritt. Und von ihm geht vorrangig jede mögliche Bedrohung der Angestellten-Existenz aus.

Frage-Nr.: 301
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-03-08

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft (m/w/d) für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände Lüneburg
Bauhaus-Universität Weimar-Firmenlogo
Bauhaus-Universität Weimar Leiter (m/w/d) Sachgebiet Liegenschaftsverwaltung Weimar
Freie Universität Berlin-Firmenlogo
Freie Universität Berlin Technische/-r Beschäftigte/-r (m/w/d) Berlin
Technische Universität Braunschweig-Firmenlogo
Technische Universität Braunschweig Universitätsprofessur (W3) Intermodale Transport- und Logistiksysteme (m/w/d) Braunschweig
Hochschule für angewandte Wissenschaften München-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften München W2-Professur für Fertigungstechnik und Produktionsprozesse (m/w/d) München
Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung-Firmenlogo
Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Ingenieur für Messtechnik und Datenerfassung (w/m/d) Potsdam
Fachhochschule Bielefeld-Firmenlogo
Fachhochschule Bielefeld W2-Professur Lehrgebiet Projektmanagement; insbesondere Kostenermittlung und Controlling Minden
Ernst-Abbe-Hochschule Jena-Firmenlogo
Ernst-Abbe-Hochschule Jena Professur Virtuelle Produktentwicklung (W2) Jena
FH Aachen-Firmenlogo
FH Aachen Professur Technische Mechanik und Simulation Aachen
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Bau- oder Umweltingenieur/in als Technischer Sachverständiger (w/m/d) Frankfurt am Main
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.