Heiko Mell

Trau keinem, der sich bewirbt

Antwort:

Wer mich kennt, weiß: Ein gewisses Sendungsbewusstsein ist mir nicht abzusprechen. Eines der Felder, auf denen ich mich gelegentlich austobe, ist die Qualität von Bewerbungen. Sie ist grauenhaft – ein weites Feld für Menschen wie mich.Wenn ich Ihnen das einfach so erzähle, glauben Sie es nicht. Nicht einmal vor mir sitzende Kandidaten im Vorstellungsgespräch glauben, solange ich mich nur allgemein beschwere, man sieht es ihnen deutlich an. Bis ich dann kurz in ihrer ureigenen Mappe blättere und zitiere. „Das glaube ich nicht“, ist die Standarderwiderung, kurz danach kommt, ich kann es ja beweisen, ein „Das hätte ich nicht geglaubt“. Sehen Sie, das ist ein Teil des Problems. Die Leute halten es schlicht nicht für möglich. Bis man es ihnen beweist. Was ich jetzt hier auch tun werde.

Vor mir liegen zwanzig Original-Bewerbungen. Damit sich kein Stammleser dieser Serie etwa persönlich getroffen fühlen muss, nehmen wir Kaufleute (die ohnehin näher dran am Ideal sein sollten, wenn das Ziel „anständige Aktenführung“ heißt). Um einen Elite-Anspruch zu dokumentieren, nehmen wir kaufmännische Geschäftsführer, alle aus dem industriellen Mittelstand. Und wissen Sie, was routinemäßig zu deren Ressort gehört? Das Personalwesen. Diese Kandidaten haben also in Bewerbungsangelegenheiten Experten zu sein. Geschäftsführer-Anzeigen bringen leicht 200 Zuschriften und mehr. Diese zwanzig hat ein Mitarbeiter nach vorgegebenen Anforderungen ausgewählt, sie sind nun tatsächlich die Crème de la crème des Arbeitsmarktes.

Bei diesen zwanzig Top-Bewerbungen gibt es folgende zehn Auffälligkeiten (über die Merkwürdigkeiten bei den weniger gut vorbeurteilten Unterlagen eine Liste zu erstellen, wäre sinn- und dieselbe uferlos):

– Ein Lebenslauf weist fünf Positionen bei verschiedenen Arbeitgebern aus. Drei davon stehen auf einer Seite. Zwischen der zweiten und der dritten Position steht ebenso einsam wie sinnlos die Überschrift „Beruflicher Werdegang“.

– Ein Lebenslauf anonymisiert den heutigen und den vorletzten Arbeitgeber (nennt nicht deren Namen, umschreibt diese Unternehmen). Der Name der vorletzten Firma geht problemlos aus dem korrekt beiliegenden Zeugnis hervor, der des heutigen aus der stolz beigefügten firmeninternen Bescheinigung zur Prokuraerteilung.

– Um Unklarheiten zu klären, rufe ich einen Bewerber an. Er ist lt. Anschreiben bereits freigestellt, braucht also dringend eine neue Anstellung. Ich erreiche zunächst die Ehefrau, erläutere mein Anliegen. Sie hält (unvollkommen) die Sprechmuschel zu und gibt an ihren Mann weiter. Ich höre deutlich: „Da ist irgend so“n Berater dran, der will irgendwas von dir.“ Wenn der Mann seine Familie nicht besser zur Mitwirkung an der gemeinsamen Existenzsicherung motiviert, wie will er eine Motivation bei seinen künftigen Mitarbeitern erreichen?

– Das wichtigste Arbeitgeberzeugnis einer Bewerbung hat drei Seiten. Die dritte fehlt. Haben dort die kritischen Bemerkungen gestanden, ist es Nachlässigkeit, fehlen später in seinen Bilanzen auch die Seiten, auf denen der Verlust steht? Die Bewerbung ist stets auch eine Arbeitsprobe.

– Der Werdegang weist eine zurückliegende längere Zeit bei einem größeren deutschen Konzern aus, hier war der Kandidat bei drei unterschiedlichen Unternehmen tätig. Es findet sich aus der ganzen Phase nur ein Zeugnis, das etwa ein Drittel der Gesamttätigkeit dort abdeckt. Wo ist der Rest?

– Im einleitenden Satz des Anschreibens bewirbt sich ein Kandidat vorsichtshalber „um auf Ihre Ausschreibung“ – nur eine Nachlässigkeit, aber für den Empfänger stets auch ein Zeichen einer nicht perfekten Endkontrolle (oder mangelnder Wertschätzung gerade dieses Falles?).

– Es liegt ein Schwarz-weiß-Foto bei, das insgesamt eine zarte Tönung in Richtung „rosa“ aufweist. Scheußlich sieht das aus. Sicher keine Empfehlung. So etwas passiert, wenn man sich ein Bild aufschwatzen lässt, das einem Farbprozess entstammt, bei dem der Printer dann auf „ohne Farbe“ gequält wird. Richtiges Schwarz-Weiß ist anders!

– Im Lebenslauf fehlt eine Phase von immerhin acht Jahren völlig – über die aber ein Zeugnis beiliegt. Dieser Mann soll u. a. die Steuererklärungen gegenüber dem Finanzamt verantworten.

– Ein Lebenslauf ist furchtbar schwer nachzuvollziehen. Dafür kann der Kandidat nur zum Teil etwas, sein Werdegang innerhalb der Firmengruppe war nun einmal geprägt von Firmenkäufen und -verkäufen, Namensänderungen, internen Versetzungen und diversen, sich überschneidenden Parallelfunktionen. Irgendwann glaube ich die Zusammenhänge trotz der nicht optimalen Darstellung verstanden zu haben. Als dann aber in den zugehörigen Zeugnissen keine Übereinstimmung bei den Daten und Fakten festzustellen ist und neue, im Lebenslauf nicht erwähnte Firmennamen in den Briefköpfen der Dokumente auftauchen, muss ich entnervt aufgeben.

– In etwa der Hälfte aller Fälle fehlen teilweise die wichtigen Fakten zu den einzelnen Anstellungsverhältnissen (Branchen, Größe der Firmen nach Umsatz und Mitarbeitern). Nur so aber ist eine solide Antwort auf die Frage möglich, ob der Bewerber halbwegs zur offenen Position passt. Das kann man erst beantworten, wenn man weiß, ob „Müller & Sohn“, bei dem der Kandidat beispielsweise Einkaufsleiter war, ein Büromöbelgroßhändler mit 30 Mitarbeitern oder ein Automobilzulieferer mit 3.000 Mitarbeitern war. Von Rechtschreibfehlern rede ich gar nicht erst, ebenso nicht von unlogischen Argumentationen im Anschreiben oder sprachlich unbefriedigenden Lösungen.

 

So, nun könnten Sie noch fragen, welche Konsequenzen ich daraus ziehe. Eines steht fest: Niemand kann es sich erlauben, eine Bewerbung wegen einer einzigen Auffälligkeit dieser Art gleich gnadenlos auszusortieren, er stünde bald vor der Erkenntnis, dass niemand zur Einstellung übrig bleibt. Aber oft addieren sich die Beobachtungen: Da ist dann die entscheidende Dienstzeit nur kurz gewesen, das wichtigste Zeugnis ist ziemlich schwach oder eine bestimmte Fachqualifikation fehlt – und wenn dann noch ein formaler Aspekt aus obiger, zufällig entstandener Aufstellung dazukommt, kann dies jener Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Und sagen Sie nicht, Ihnen könnte das nicht passieren. Das ist ja genau das Problem: Die Betroffenen glauben es erst, wenn man sie mit ihrer eigenen Fehlleistung konfrontiert, dann fallen sie aus allen Wolken. Nehmen Sie die Fehlleistungen dieser „hochkarätigen“ Kaufleute stellvertretend für Ihre eigenen.

Ach ja, seien Sie nachsichtig, wenn Sie im Umgang mit einem Profi dieses Metiers den Verdacht haben, ihm fehle es an pauschaler Hochachtung vor Bewerbern. Der arme Mensch kann ja nicht wissen, dass er ausgerechnet in Ihrem Fall die große Ausnahme kennen lernt.

Kurzantwort:

Wer mich kennt, weiß: Ein gewisses Sendungsbewusstsein ist mir nicht abzusprechen. Eines der Felder, auf denen ich mich gelegentlich austobe, ist die Qualität von Bewerbungen. Sie ist grauenhaft – ein weites Feld für Menschen wie mich.

Frage-Nr.: 298
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-01-18

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