Heiko Mell

Darf ein Feldherr seine Soldaten lieben?

Antwort:

Der Krieg ist nicht nur „die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (frei nach v. Clausewitz, preußischer General und Militärtheoretiker, 1832), er ist auch der „Ernstfall“ soldatischer Existenz, mit dessen Eintreten grundsätzlich rechnen muss, wer z. B. Berufsoffizier wird. Da die wesentlichen Strukturen und Führungsgrundsätze der Wirtschaft dem Militärischen entstammen, ist ein Seitenblick auf jenes Metier grundsätzlich erlaubt. Schließlich hatte Cäsar (und Generationen vor ihm hatten schon) Legionen, da wusste man noch nicht einmal, wie „Industrie“ später überhaupt geschrieben werden würde.

Stellen wir uns also einen Feldherrn vor, am Vorabend einer Schlacht. Er strebt am nächsten Tag nach einem bestimmten Ziel: Es gilt beispielsweise ein definiertes Gelände zu besetzen, eine starke Befestigung zu erobern, die eigene Offensive zu forcieren. Wenn er halbwegs über die Stärke des Gegners informiert ist (Anzahl, Bewaffnung, Kampfkraft) und vorliegende Erfahrungswerte aus ähnlichen Situationen mit einbezieht, kann er recht genau ausrechnen, was ihn ein eventueller Sieg kosten wird. An Menschen, wohlgemerkt. 5 % Verluste seiner Truppen sind denkbar, ebenso 10 oder mehr – die Skala ist nach oben offen.Nehmen wir etwa 10 % an und gehen wir von einer Stärke seines Verbandes von 100.000 Soldaten aus. Das bedeutet für ihn: „Ich könnte morgen mit hinreichender Wahrscheinlichkeit siegen, dabei würde ich etwa 10.000 meiner Leute verlieren.“

Diese Situation ist Standard – wer Feldherr sein will, muss mit solchen Konstellationen und Entscheidungszwängen leben, muss sich Fragen dieser Art stellen und sie gegebenenfalls positiv beantworten. Viele Feldherren haben das getan. Hannibal rechnete mit Verlusten, als er über die Alpen zog, Napoleon wusste, dass Russland nicht ohne viele Tote zu haben sein würde (Beispiele aus jüngerer Vergangenheit lassen wir lieber außen vor).

Wenn also ein Feldherr um eines höheren Zieles willen (so denkt er, so hat man es ihn gelehrt) 10.000 Menschenleben in einer einzigen Operation riskiert – soll, ja darf er dann seine 100.000 Leute alle lieben, ins Herz schließen, sie als Individuen sehen, sich mit ihren Schicksalen beschäftigen? Er darf es nicht. Für ihn sind seine Soldaten Ressourcen, die er dem opfert, was für ihn den höheren Stellenwert hat. Liebte er sie alle, würde er nicht Tausende von ihnen mit einem einzigen Befehl zum Tode verurteilen.

Ich will darüber hier nicht richten. Die Gegebenheiten sind so – und ich brauche diesen Aspekt als Beispiel.Die Parallelen liegen auf der Hand: Auch der Chef eines großen Konzerns muss – ob schweren oder leichten Herzens – gegebenenfalls 10.000 Mitarbeiter „opfern“, um für ihn höherwertige Ziele (Rendite, Aktienkurs etc.) zu erreichen. Darf der nun alle seine Mitarbeiter lieben oder ist auch für ihn die Freiheit wichtiger, jederzeit im Interesse des aus seiner Sicht übergeordneten Ziels Entscheidungen zu Lasten vieler Mitarbeiter treffen zu können? Auch für ihn zählt diese Freiheit mehr – und lieben darf daher auch er alle seine Leute nicht.

Steht aber nicht der Mensch im Mittelpunkt? Auf diesen beiden Feldern steht er nicht. Vielleicht auf dem Papier, kaum jedoch in der Praxis. Zwar braucht auch der Leiter eines großen Unternehmens seine Mitarbeiter, allein kann er seine Vorgaben nicht erfüllen. Aber jederzeit muss er bereit sein, heute auf 1.000 oder 10.000 dieser gestern noch so umworbenen, gelobten und zum Teil gehätschelten Mitarbeiter zu verzichten. Die Fähigkeit dazu steht unter „zwingend“ im Anforderungsprofil seiner Position.

Natürlich hinkt mein Vergleich zwischen Feldherr und Unternehmensführer. Aber wenn Sie fragen, warum beide im Ernstfall bereit sind, für so viele Menschen pauschal Schicksal zu spielen, statt deren Würde als Individuen zu achten und sich ihrem Wohlergehen zu widmen, dann lautet die Antwort: Weil sie müssen. Täten sie es nicht, täten es andere.Wesentliche Unterschiede gibt es dennoch zwischen der Welt der Soldaten und der des betrieblichen Mitarbeiters im jeweiligen Ernstfall: Der „Vorgesetzte“ des Feldherrn bedauert die im Interesse hochrangiger Ziele geopferten Soldaten aufrichtig, schmälern sie doch die Kampfkraft seiner Armee. Demgegenüber nehmen die von Verkäufen, teilweisen Schließungen oder allgemeinen Personaleinsparmaßnahmen betroffenen Mitarbeiter zwar keinen unmittelbaren Schaden an Leib und Leben, dafür jedoch bejubeln die dem Konzernchef „vorgesetzten“ Aktionäre gemeinhin die „Verluste“ an Beschäftigten. Man muss eben wissen: Unternehmen sind nicht dazu da, um Menschen zu beschäftigen. Letzteres ist eher ein mehr oder weniger unabwendbarer Nebenaspekt.

Falls Sie also vermuten, Ihr Konzernchef liebe nicht jeden von Ihnen heiß und innig, wissen Sie jetzt: Das muss so sein – man würde nicht mehr unbefangen feuern oder verkaufen, wen man ins Herz geschlossen hatte.

Kurzantwort:

Der Krieg ist nicht nur „die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (frei nach v. Clausewitz, preußischer General und Militärtheoretiker, 1832), er ist auch der „Ernstfall“ soldatischer Existenz, mit dessen Eintreten grundsätzlich rechnen muss, wer z. B. Berufsoffizier wird. Da die wesentlichen Strukturen und Führungsgrundsätze der Wirtschaft dem Militärischen entstammen, ist ein Seitenblick auf jenes Metier grundsätzlich erlaubt. Schließlich hatte Cäsar (und Generationen vor ihm hatten schon) Legionen, da wusste man noch nicht einmal, wie „Industrie“ später überhaupt geschrieben werden würde.

Frage-Nr.: 297
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-01-11

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