Heiko Mell

„Dann lern ich eben Sozialkompetenz“

Antwort:

– sagte ein Berufsanfänger auf dem Absolventenkongress und fragte gleich nach Seminarangeboten. Für ihn war das logisch gedacht: Viele Jahre lang hat man ihm etwas beigebracht, von CAD über Technisches Englisch bis zum wissenschaftlichen Arbeiten. Da müsste sich doch auch hier ein Lösung durch einfache Wissensvermittlung finden lassen.

Geht das? Fangen wir eine Stufe darunter an: Was ist Sozialkompetenz überhaupt? „Die Fähigkeit einer Person, in ihrer sozialen Umwelt selbstständig zu handeln“, sagt der Duden. Das mag sein, aber gefordert wird mehr als das: Man könnte in seiner sozialen Umgebung auch selbstständig handelnd viel Porzellan zerschlagen, das wäre jedoch nicht gemeint gewesen. Was aber steckt dann hinter dem Begriff, was erwartet die durchschnittliche Stellenanzeige oder der typische Personalchef, wenn dieses Wort fällt?

Nun, sie erwarten die Fähigkeit, sich im personellen betrieblichen Umfeld erfolgreich und reibungsarm bewegen zu können. Noch konkreter: Der entsprechend geforderte Bewerber soll mit den Menschen, die er dort trifft, harmonisch zusammenarbeiten, soll sich unter Kollegen, Vertretern der Nachbarabteilungen und Projektpartnern ebenso behaupten wie gegenüber Chefs und ggf. Kunden, soll Teams in ihrer Effizienz fördern, andere für die von ihm vertretenen (Arbeits-)Ziele einnehmen, sie motivieren, soll in komplexen (zunehmend globalen) Strukturen funktionieren.

Gegeben hat es diese Anforderungen schon immer – nur genannt hat man sie nicht so. Ein Blick in ein mehrbändiges Lexikon von 1980: Fehlanzeige, viele Begriffe mit „Sozial-„, aber „-Kompetenz“ noch nicht.

Überlassen wir die – offensichtlich schwierige – Definition den zuständigen Fachdisziplinen, konzentrieren wir uns auf den Kern: Was immer das ist, kann man es lernen?

Nun, soviel steht fest: In einem einzigen Seminar sicher nicht. Durch langjährige Übung mehr Sozialkompetenz zu erwerben, das geht durchaus. Hoffnungslos Unbegabte zu vorbildlichen Leistungsträgern machen zu wollen, wird nicht zum Erfolg führen. Wie immer werden die besten Werte erreicht durch eine Kombination von Talent + Training, ähnlich wie beim Klavierspielen.

Das andere Problem ist der Beweis entsprechender Kompetenz in Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen. Auch hier hilft eine Seminarbescheinigung nicht weiter. Zunächst müssen Sie im Gespräch den Eindruck hinterlassen, mit Menschen in Ihrer Umgebung gut zurechtzukommen. In dem Zusammenhang kritisch sind: ein introvertiertes, verschlossenes Auftreten, Arroganz/Überheblichkeit, die nicht nur den Gesprächspartner, sondern später auch Ihr betriebliches Umfeld gegen Sie aufbringen, das Einnehmen extremer Standpunkte in beliebigen Diskussionen in Verbindung mit der Weigerung, auch nur den kleinsten Schritt auf den Gesprächspartner zuzugehen, offen zur Schau getragene Menschenverachtung oder autoritäres/elitäres Gehabe.

Dagegen gelten soziale Engagements in Vereinen oder sonstigen Gruppierungen von Menschen als stark positives Indiz, insbesondere, wenn man Ihnen dort Verantwortung übertragen hat, wenn Sie Führungsaufgaben übernommen hatten.

Nur eines dürfen Sie nicht: sagen, Sie hätten sie (die Sozialkompetenz). Oder es gar schreiben. Weil, dann hätten Sie schon wieder keine mehr (so wie ich keine Ahnung habe, wie man Sätze , die mit „weil“ beginnen, anständig zu Ende bringt. Vielleicht aber doch, und ich tue es bewusst. Irgendwie fordert mich „Sozialkompetenz“ härter als andere Themen).

Kurzantwort:

– sagte ein Berufsanfänger auf dem Absolventenkongress und fragte gleich nach Seminarangeboten. Für ihn war das logisch gedacht: Viele Jahre lang hat man ihm etwas beigebracht, von CAD über Technisches Englisch bis zum wissenschaftlichen Arbeiten. Da müsste sich doch auch hier ein Lösung durch einfache Wissensvermittlung finden lassen.

Frage-Nr.: 296
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-01-04

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