Heiko Mell

Vergessen Sie das Anforderungsprofil

Antwort:

Eine gute Stellenanzeige – immer noch die beste Basis einer Bewerbungsaktion – enthält u. a. eine Tätigkeitsbeschreibung und ein Anforderungsprofil. Stimmen Sie dem zu? Sie stimmen.Ein gewissenhafter und auch kluger Bewerber prüft, ob er den Vorgaben des Anforderungsprofils entspricht. Und wenn er alles mitbringt, was dort gewünscht wird, bewirbt er sich. Richtig? Eben nicht, eher falsch.

Die Begründung ist etwas verzwickt. Das „Anforderungsprofil“ heißt falsch. Richtig wäre etwa „Ergänzende Informationen zu den Anforderungen an den idealen Bewerber, soweit sie sich nicht bereits aus der Tätigkeit ergeben“. Aber würden Sie das jedes Mal hinschreiben? Sehen Sie, wir Personalleute auch nicht. Also verwenden wir nur die Kurzversion. Und hoffen, Sie wüssten das. Wie das eben so geht, wenn man Fachmann ist und seinen Job täglich macht.

Gelegentlich trifft man dann auf Vertreter der sich durch eine solche Anzeige angesprochen fühlenden Bewerber, die sich entweder um die völlig falsche Position oder mit der völlig falschen Qualifikation bewerben, selbst überhaupt nicht wissen, was sie falsch gemacht haben könnten und auch noch stolz darauf verweisen, sie deckten das Anforderungsprofil zu 100 % ab.

Richtig ist: Der gesuchte neue Inhaber der ausgeschriebenen Position soll dort etwas tun. Was das ist, steht unter Aufgabenschwerpunkt, Tätigkeitsbeschreibung o. ä. m. Und was er tun soll, muss er grundsätzlich auch können. Das gilt ebenso für die Branche, die Firmenart und -größe. Jedenfalls als Idealvorstellung, von der Sie praktisch immer ausgehen können. Abweichungen davon sind Bewerbern erlaubt, aber in Maßen (etwa 10 – 20 %). Das eigentliche Anforderungsprofil wiederholt nun nicht mehr „automatisch“ alle Begriffe aus der Aufgabenbeschreibung, es ergänzt sie nur noch um Dinge, die in der Aufgabenbeschreibung nicht so deutlich werden.

Früher war das absolut nicht besser, aber unter dem hier behandelten Aspekt einfacher. Da schrieb man in die Anzeige schlicht: „Wir suchen einen Entwicklungsingenieur. Der Gesuchte muss dieses haben, jenes können und solches beherrschen.“ Punkt. Das war klar, das Anforderungsprofil war umfassend und eindeutig – wer das erfüllte, war Idealbewerber. Bloß waren diese Inserate nicht sehr werbewirksam – weil sich ein Leser nicht wegen des passenden Anforderungsprofils, sondern wegen der von ihm als interessant eingestuften Tätigkeit bewirbt. Also wird heute jener Aspekt stärker betont, unter „Anforderungen“ steht oft nur noch der Rest.

Wenn sich also ein mittelständisches Industrieunternehmen vorstellt, das eine Position besetzen will, in der es um die Projektierung von kundenorientierten Verpackungsanlagen geht, wobei viel gereist und Englisch gesprochen werden muss – dann ist das alles auch Teil des Ideal-Profils des gesuchten Bewerbers. Einschließlich Industrieerfahrung, Mittelstand und Kundenkontakt. Und Anlagen/Sondermaschinen sowie Englisch und Reisebereitschaft. Zuzüglich dessen, was noch extra unter „Anforderungen“ aufgelistet ist.

So wie ein Gebrauchtwagen ja „nebenbei“ auch noch bei Regen anspringen sollte, obwohl das nie in Anzeigen steht. Man muss es nur wissen.

Kurzantwort:

Eine gute Stellenanzeige – immer noch die beste Basis einer Bewerbungsaktion – enthält u. a. eine Tätigkeitsbeschreibung und ein Anforderungsprofil. Stimmen Sie dem zu? Sie stimmen.

Frage-Nr.: 292
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-04

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