Heiko Mell

„Ein Tiefpunkt Ihrer Beiträge“

Anmerkung von Heiko Mell: In Frage 2.584 stellte sich eine gebürtige Russin vor, die in St. Petersburg Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte, dann in drei kurzen Anstellungsverhältnissen in Russland in verschiedenen Branchen tätig geworden und nach Deutschland gekommen war. Hier hatte sie noch einmal studiert (Master) und geheiratet. Nun bewarb sie sich hier – seit fast einem Jahr, hatte ca. hundert erfolglose Bewerbungen geschrieben – und suchte Rat & Hilfe. Ich hatte zu erklären versucht, woran die Bewerbungen gescheitert sein könnten.

Leserreaktion:

Wie Sie diese Frage beantwortet haben, ist einfach unakzeptabel. Soll Ihre Antwort die Denkweise der deutschen Wirtschaft widerspiegeln und begründen, dann packt mich das Entsetzen, dann ist Deutschland kein weltoffenes Land, dann leiden wir wahrlich nicht unter Ingenieurmangel.

Die Frau hat in Summe bessere Referenzen als die Mehrzahl (bluts-)deutscher Absolventinnen: ein Diplom in St. Petersburg, einen Master in Deutschland, Berufserfahrung in Russland, ein langes Betriebspraktikum in Deutschland. Das ist keine Berufsanfängerin mehr. Was wollen die Unternehmen noch?

Dass Sie Russland als einen „anderen Kulturkreis“ benennen und „wer in Deutschland weiß schon etwas über die Qualität von Wirtschaftsingenieur-Studiengängen in St. Petersburg?“ schreiben, ist ein Witz und ein Armutszeugnis für deutsche Personaler.

Russland und namentlich St. Petersburg sind Europa, und wir haben seit 1990 mehrere Millionen von denen ins Land geholt.

Und dann noch diese kleinlichen Bemerkungen bezüglich Ehemann, Muttersprache und vermeintlich übersteigertem und zur Schau getragenen Selbstbewusstsein.

Ehrlich, Herr Dr. Mell, dass ein Tiefpunkt Ihrer Beiträge.

Antwort:

Wir haben alle so unsere Tiefpunkte. In Ihrem Brief war das der unkorrigiert abgedruckte letzte Satz. Aber lassen wir einmal alle Kleinigkeiten beiseite und konzentrieren wir uns aufs Grundsätzliche.

Es gab klar benannte Fakten, an denen wir nicht vorbeikommen: ein bestimmter auslandsgeprägter Lebenslauf, hundert weitgehend erfolglose Bewerbungen und zwanzig total erfolgslose Vorstellungsgespräche in Deutschland sowie fast ein Jahr Arbeitslosigkeit. Originalzitat: „Ich weiß nicht mehr weiter.“

So gefordert, kann ein Ratgeber zwischen zwei Möglichkeiten wählen:

1. Er nimmt die geschilderten Fakten als Basis der Geschichte und versucht – aufbauend auf umfassender Berufspraxis – zunächst Erklärungen zu geben, zeigt zu vermutende Denkstrukturen der Entscheidungsträger auf und gibt, soweit auf diesem Wege möglich, Hinweise für Verbesserungen im Bereich der schriftlichen Bewerbung und der Vorstellungsgespräche.

Es ist nicht sicher, dass er alle Probleme der Einsenderin löst, aber denkbar ist es schon, dass einige seiner Hinweise die Erfolgsquote verbessern.

2. Oder er schreibt im Stile Ihres Beitrages. Er kommt über „armes Deutschland“ zum Ergebnis, dass diese Bewerbung bessere Qualität zeigt als die Masse der deutschen, stellt die Qualifikationsbasis in Russland mit unserem Kulturkreis mindestens gleich und stempelt Personaler, die nichts über die Qualität eines Wirtschaftsingenieurstudiums in St. Petersburg wissen, zu einer Art von Banausen. Er haut noch ein Satzfragment unklarer Bedeutung in die Tasten und lehnt sich zurück.

Ja selbst wenn die Variante 2 sachlich völlig richtig wäre, was ich engagiert bezweifle, ergibt sich doch die Frage: Was in aller Welt hätte irgendjemand davon, vor allem aber, wo liegt der Gewinn für die Einsenderin?

Selbst wenn man diese völlig abschreibt und auf den erzieherischen Effekt eines solchen Zeitungsartikels und vor allem auf seine verhaltensändernde Wirkung auf die deutschen Entscheidungsträger setzt – wäre das bloß naiv. Man kann ebenso gut einen Stein in den Bodensee werfen und hoffen, damit dessen Wasserstand sichtbar zu verändern.

Natürlich dürfen Sie kritisieren. Z. B. indem Sie zu dem Ergebnis kommen, diese und jene meiner Erklärungsversuche wären falsch, in Wirklichkeit lägen die Ursachen ganz woanders. Und meine Verbesserungsansätze wären auch falsch, man sollte es stattdessen so und so versuchen.

Aber mit einem Rundumschlag auf den Autor und die „Umstände“ einzudreschen und nichts zur Lösung des Problems beizutragen, ist „nicht hilfreich“, wie es Diplomaten so vornehm ausdrücken.

Hier war eine Art Klausuraufgabe gestellt: „Nachfolgend dargestellte Fakten umreißen ein Problem. Analysieren Sie die möglichen Ursachen und zeigen Sie Lösungsansätze auf.“ Es tut mir leid, aber mit Ihrem Vorgehen würden Sie „Thema verfehlt“ als Kommentar riskieren.

Frage-Nr.: 2877
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-04-27

Von Heiko Mell

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