Heiko Mell

Elternzeitvertretung, selbstherrlicher Autor etc.

Eine meiner Lieblingsseiten in den VDI nachrichten meines Mannes war früher die „Karriereberatung“. Doch seit 1,5 Jahren schüttle ich immer wieder den Kopf, höre auf zu lesen und denke mir, „der Mann ist aus einer anderen Zeit“ oder „seine Empfehlungen haben nichts mit einer modernen Arbeitswelt gemein und sie entmutigen mitunter junge Menschen, die sich mit der Bitte um Rat an ihn wenden“. Doch heute war ich zum ersten Mal wütend über eine Formulierung und die dadurch zum Ausdruck gebrachte Einstellung, die meines Erachtens fatal ist, wenn sie an die nächste Generation weiter und weiter gegeben wird.

In Frage 2.838 stellt sich die Frage, ob eine Elternzeitvertretung sinnvoll für den jungen Mann scheint oder nicht. Ich bin leider nur bis zum vierten Satz der Antwort gekommen, dann musste ich wütend die VDI nachrichten aus der Hand legen. Was geht in Ihnen, Herr Mell, vor, wenn Ihnen zum Thema Schwangerschaft nur die Formulierungen „äußerst ärgerlich“ und „Katastrophe“ einfallen?

Ich nehme an, Sie glauben hier die Arbeitgebersicht, die Sicht der Führungskraft wiederzugeben und damit die richtigen Worte gefunden zu haben. Und genau diese Sichten sollte es nicht mehr geben, und ich sehe durchaus auch Sie in der Pflicht, dazu beizutragen, dass diese alten Ansichten nicht mehr weiter in die Welt getragen werden.

Eine Schwangerschaft ist normal, sie kann eine Auszeit zunächst für die Angestellte und später auch für den Angestellten bedeuten, und moderne Führungskräfte rechnen damit und sehen durchaus auch das Positive an der Bildung einer Familie, den gesellschaftlichen Beitrag.

Antwort:

Also man kann mir durchaus mit massiver Kritik Ärger machen oder schaden. Aber nicht so – ich sage Ihnen gern auch noch, wie man das anstellen müsste.

Zunächst zu Ihrem Kernvorwurf: Ich bin ganz sicher, dass schon sehr viele Schwangere selbst „äußerst ärgerlich“ oder „Katastrophe“ formuliert haben, als sie die Gewissheit hatten. Das soll mich nicht entlasten – denn ich fühle mich gar nicht angegriffen. Sie zitieren auch nicht meine Aussagen, sondern ich habe die zu vermutenden Gedanken eines Vorgesetzten wiedergegeben.

Zitat aus meiner damaligen Antwort: „Ihr Chef hat u. a. das Problem, dass er einen bestimmten ‚Markt/Kontinent mit großem Potenzial‘ entwickeln, also zu Umsätzen von erheblicher Bedeutung führen soll. Nun wird die zuständige Dame schwanger. Äußerst ärgerlich, so etwas. Aber Katastrophen sind dazu da, überstanden zu werden. Einen berufserfahrenen externen Spezialisten, der für ein Jahr vertretungsweise einspringt, findet er nirgends …“

Das war etwa der Punkt, an dem Sie wutentbrannt die Zeitung aus der Hand legen mussten. Weil ich geschrieben hatte, was ein durchschnittlicher Chef, der seinerseits hohe Ziele (einen ganzen Kontinent muss er vertrieblich erschließen) zu erfüllen hat, in dem Moment in etwa denkt.

Ich bleibe dabei: So denkt er eben. Das folgt zunächst einmal aus den Konsequenzen dieser „Umstände“ für ihn. Persönlich mag er seiner Mitarbeiterin den Nachwuchs gönnen, vielleicht schickt er sogar Blumen zur Geburt. Aber er hat erst einmal den Ärger, für ihn kann das durchaus sehr schwerwiegende Folgen haben, denn seine Zielerreichung ist in Gefahr.

„Seine Empfehlungen haben nichts mit einer modernen Arbeitswelt gemein“, sagen Sie über mich – und genau der Schuss geht weit an mir vorbei. Mein Anliegen, das ich hier oft erläutert habe, besteht in der Schilderung der Arbeitswelt wie sie – mit all den üblichen Abweichungen nach oben und unten – nun einmal IST. Ist sie „modern“ (wie immer das zu interpretieren wäre), berichte ich über eine moderne Welt. Ist sie es nicht, schreibe ich über eine nicht so zu nennende Wirklichkeit.

Viele Angestellte in der Industrie, junge Menschen ganz besonders, machen entsetzliche, ihnen oft nachhaltig schadende Fehler, weil sie über die tatsächlichen berufsrelevanten Zusammenhänge so wenig wissen. Mein mir nun einmal eigenes Engagement lässt nicht zu, dass ich etwa Gegebenheiten verschweige, weil ihre Niederschrift zarte Gemüter betrüben könnte. Ich bin eher Kriegsberichterstatter als Schönfärber.

Und da sind wir an der versprochenen Angriffsfläche, die ich biete und an der Sie mich packen könnten: Sagen Sie überzeugend, das sei alles falsch, was ich da aus dem real existierenden Berufsalltag berichte. Nicht nur falsch in einem seltenen Einzelfall, sondern in der großen Mehrheit der Fälle. Vor allem unter Berücksichtigung der vielen mittelständischen Betriebe, in denen die meisten Menschen beschäftigt sind.

Neulich rief mich ein fröhlich klingender Ingenieur um 45 an und sagte tatsächlich, so toll sei das alles nicht, was ich da schriebe und besonders richtig sei die Praxis auch nicht wiedergegeben. Nein, meinte er, in Wirklichkeit sei das alles in seinem Umfeld noch viel, viel schlimmer.

PS. Und glauben Sie wirklich, die (berufliche) Welt wäre besser, wenn ich hier nicht über sie schriebe?

Frage-Nr.: 2862
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-02-16

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