Heiko Mell

Würde Ihr Chef Sie noch einmal einstellen?

Antwort:

Es gilt für den Angestellten aller Hierarchie- und Funktionsebenen, ein guter Mitarbeiter zu sein, das steht außer Frage. Das, da sind wir uns inzwischen einig, ist jemand, den sein Chef dafür hält.

Als ganz vernünftiger Maßstab dafür gilt die Frage: Würde Ihr Chef, wenn Ihre Position zu besetzen wäre, Sie heute noch (oder wieder) einstellen – auch wenn er die Auswahl aus zahlreichen Bewerbern hätte? Sie können das nicht absolut sicher wissen, aber Sie können das abschätzen.

Unterstellen Sie der Einfachheit halber, die Chefs dieser Welt dächten alle irgendwie ähnlich (was sie tatsächlich auch tun). Dann gilt:
Wenn Sie die Einstell-Frage positiv beantworten können, sind Sie auf der sicheren Seite. Ihr Beschäftigungsrisiko ist tragbar – würden Sie Ihre heutige Position verlieren, fänden Sie eine vergleichbare auch anderswo. Aber es muss ein uneingeschränktes Ja sein und auf Sie zutreffen, wie Sie heute sind: mit diesem Alter, dieser Berufserfahrung (in Jahren), diesem Einkommen. Gegenfragen lauten: Oder würde er nicht doch einen Jüngeren nehmen, würden ihm nicht fünf statt meiner fünfzehn Praxisjahre reichen und würde er nicht versuchen, mit X.000 Euro pro Jahr weniger auszukommen? Nur wenn Sie auch dann noch ganz sicher sein dürfen, ist alles in denkbar bester Ordnung.

Wenn Sie ziemlich oder ganz sicher sind, dass Sie heute Ihren eigenen Job als Bewerber nicht (mehr) bekämen, hätten Sie sehr schlechte Karten, falls Sie eines Tages gehen wollten oder müssten.

Nun gibt es eine – große – dritte Kategorie dazwischen. Die legt einen anderen Maßstab an: Ich bin bisher nicht entlassen worden und mein Chef hat auch noch nicht versucht, mich loszuwerden. Also ist alles im grünen Bereich. Und das ist abgrundtief falsch! Weil „wir entlassen ihn nicht“ und „wir würden ihn wieder einstellen“ auf höchst unterschiedlichen Stellen einer gedachten Skala liegen. Stellen Sie sich diese Skala vor mit einem Ausgangspunkt, der einer Idealqualifikation entspräche und dann – nach oben offen -Minuspunkte für alle möglichen Details. Dort gilt etwa: Ein Mitarbeiter wird erst ab 100 Minuspunkten entlassen – ein Bewerber wird schon ab 20 solcher Punkte nicht mehr eingestellt.

Bisher nicht entlassen bzw. nicht von Entlassung bedroht zu sein, beweist also nur genau das, gibt aber noch keine Sicherheit, dass mit der vorhandenen Qualifikation eine neue Anstellung gefunden werden könnte! „Meinem bisherigen langjährigen Chef war ich immer gut genug. Jetzt hat die Firma meinen Bereich geschlossen – und plötzlich will mich niemand“, ist also ein durchaus denkbares Szenario. Falsch in der Aussage ist nur „plötzlich“ – vermutlich hätte diesen Mitarbeiter schon sein alter Chef nicht wieder eingestellt.

Was Sie tun können, wenn Sie meine Kernfrage nach Wiedereinstellung ehrlicherweise negativ beantworten müssten? Zunächst einmal genau die Punkte herausfinden, an denen das liegt. Beispiel: „Ich mache meinen Job jetzt achtzehn Jahre in ziemlich unveränderter Form. Mein Chef würde ganz sicher nicht nach einem Bewerber mit achtzehn Jahren Praxis fragen, drei bis fünf würden ihm völlig genügen.“ Dann ist klar, wo der Lösungsansatz liegen muss: Eine Veränderung muss her. Ein anderes Gebiet, eine andere Tätigkeit, ein anderer Arbeitgeber, eine größere Verantwortung – es gibt viele Möglichkeiten.

Wobei Sie auf Gründe stoßen können, die nicht mehr korrigierbar sind. Das Alter gehört dazu. Aber auch dann ist die Erkenntnis, dass Sie die Kernfrage negativ beantworten müssen, durchaus wertvoll. Zeigt sie Ihnen doch, dass Ihre Strategie vorrangig auf Arbeitsplatzerhalt ausgerichtet werden muss – weil Sie das, was Sie haben, anderswo nicht wieder bekämen.

Ist Ihnen übrigens klar, was das bedeutet: Weil z. B. Führungskräfte über 50 nicht mehr damit rechnen dürfen, im Ernstfall problemarm einen neuen Job zu bekommen, sollten sie im Tagesgeschäft möglichst kein Risiko mehr eingehen. Manager aber müssen entscheiden und dazu gehören immer Risiken. Also müsste streng nach Logik die Wirtschaft alle Manager über 50 vorsichtshalber entlassen – oder viel toleranter mit älteren Bewerbern umgehen. Beides aber tut sie nicht, sie quält sich lieber mit den Symptomen herum. Wir haben es hier mit einem besonders gravierenden Fall von Unlogik zu tun, die in unserem beruflichen System häufiger vorkommt. Solange ein solches System von (und für) Menschen gemacht ist, muss es ebenso unvollkommen sein wie seine Schöpfer. Warten Sie nicht auf Veränderungen, die würden erfahrungsgemäß nichts wirklich verbessern.

Aber wiegen Sie sich wenigstens nicht in Sicherheit, bloß weil Sie bisher nicht von Entlassung bedroht sind oder waren. Das beweist fast gar nichts über Ihre Chancen, auf dem Arbeitsmarkt eine neue Position zu erringen, falls Sie die alte verlieren.Besonders hart kann dieses Prinzip Mitarbeiter treffen, die zwar in den Augen von Außenstehenden Handikaps mit sich herumtragen (Ausbildung, Äußerlichkeiten etc.), sich aber in langen Jahren in einer Firma nach oben gearbeitet haben. Wenn die plötzlich auf den Markt gehen (müssen), sieht jeder Bewerbungsleser nur die Probleme und nicht zuerst die Persönlichkeit

Kurzantwort:

Es gilt für den Angestellten aller Hierarchie- und Funktionsebenen, ein guter Mitarbeiter zu sein, das steht außer Frage. Das, da sind wir uns inzwischen einig, ist jemand, den sein Chef dafür hält.

Frage-Nr.: 284
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-08-26

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