Heiko Mell

Gott ist mit die Maßlosen

Antwort:

Ich weiß gar nicht mehr, wo ich den als Überschrift verwendeten Spruch herhabe – der noch dazu so nett die Regeln der Sprache missachtet. Aber kürzlich wurde ich wieder einmal daran erinnert, in engstem Zusammenhang mit unseren Themen.

Da war ein junger deutscher Akademiker diverse Monate lang arbeitslos gewesen. Dass Letzteres als einer der größten anzunehmenden Unfälle des Arbeitslebens gilt, dürfte allgemein bekannt sein. Nur wenige Lebenskünstler finden diesen Status besonders lustig, unser Akademiker gehörte eigentlich nicht dazu.

Dann aber fand er ein neues Engagement. Alles war gut, er unterschrieb den Vertrag und war vorübergehend glücklich. Wieviele Stunden pro Woche er für sein Geld würde arbeiten müssen, wusste er – es stand ja im Vertrag. Und es schien ihm akzeptabel zu sein.Bis er herausfand, dass es in diesem Unternehmen Mitarbeiter gab (die schon länger dort waren und noch einen „alten“ Vertrag hatten), deren vertragliche Arbeitszeit um ein paar Stunden kürzer war, während alle „Neuen“ länger arbeiten müssen.

Seitdem klagt er engagiert über sein besonderes Schicksal. Fragt man ihn, wie es ihm gehe, hört man nach spätestens zehn Sekunden von der besonderen Katastrophe, die ihn getroffen hat. Alles andere ist zweitrangig, die vorher so drückende Arbeitslosigkeit ist vergessen, Aufgabe und Perspektiven spielen in der Wertung keine Rolle mehr – aber das(!) hatte man ihm(!) angetan.

Ich erinnere mich an ein Cartoon in einer Zeitung oder Illustrierten: Ein fast verdursteter Wanderer kriecht durch die hitzeflimmernde Wüste, arbeitet sich mit letzter Kraft Meter um Meter vorwärts, überall nur Dünen von Sand. Plötzlich ein Kiosk mitten im Nichts. Drei Sorten Mineralwasser verkauft man, der Betreiber bietet ihm ein Glas davon an. Entschieden wendet sich der fast Verdurstende ab, murmelt „Nicht meine Marke“ und kriecht weiter, die nächste Düne hinauf.

Es geht hier nicht darum, ob es klug ist von diesem Unternehmen, eine Zweiklassengesellschaft in Arbeitszeitfragen aufzubauen. Und wer aus ungekündigter Position kommend sich aufregen würde, dürfte nicht maßlos genannt werden. Aber wenn die Alternative Arbeitslosigkeit heißt, dann ist die Aufregung wohl doch ein wenig überzogen. Vor allem wenn man bedenkt, dass ja die absolute Länge der täglichen Arbeitszeit aus dem Vertrag bekannt war. Jetzt also geht es nur noch um den Neidfaktor gegenüber jenen, die etwas weniger lange arbeiten müssen. Und der überstrahlt plötzlich alles.

Schließlich ist diese Vermutung erlaubt: Hätte unser junger Akademiker bei Vertragsabschluss die „Falle“ erkannt, wäre er wohl weiter arbeitslos geblieben. Das dürfte er denn konsequentes Handeln nennen.

Und die Moral von der Geschicht’? Es ist in diesem unserem Lande nicht unüblich, auf hohem bis höchstem Niveau zu klagen – worüber auch immer. Gelegentlich ist ein Blick aus höherer Warte auf die eigene Situation angebracht. Mit dem Ziel, wieder Boden­haftung zu gewinnen.

Kurzantwort:

Ich weiß gar nicht mehr, wo ich den als Überschrift verwendeten Spruch herhabe – der noch dazu so nett die Regeln der Sprache missachtet. Aber kürzlich wurde ich wieder einmal daran erinnert, in engstem Zusammenhang mit unseren Themen.

Frage-Nr.: 279
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-09

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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