Heiko Mell

Wer liest heute noch?

Frage/1:

In Ihrer Einleitung zur Antwort 2735/1 erlauben Sie sich ein mildes Kopfschütteln, wenn man Ihr Informationsangebot nicht kennt. Meine erste Reaktion war: Nimmt Herr Dr. Mell sich nicht ein wenig zu wichtig?

Frage/2:Ich arbeite als Professor an einer kleinen FH. In einer meiner Vorlesungen gehe ich explizit auf Ihre Kolumne ein. Etwa ein Drittel der Studierenden kennt die VDI-nachrichten-Karriereberatung, Ihren Namen bei Weitem weniger (das ist pures „Herrschaftswissen“ jenes Drittels – wird das vor den Kommilitonen geheim gehalten? H. Mell).

Nun können wir dies für gut oder weniger gut halten, interessant ist die Frage, warum dies so ist. Die Studierenden lesen einfach weniger Zeitung, bisweilen gar nicht mehr. Gedrucktes Papier ohne Bilder, lange Texte – das funktioniert auch bei Vorlesungsskripten nicht mehr. Selbst Geisteswissenschaftler beschweren sich über die Unlust an gedruckten Texten. Die Frage ist, was machen wir nun daraus? Wenn Information anders gehandhabt wird, ist dies aber sicher nicht der Untergang des Abendlandes. Wichtig ist, wie Altkanzler Kohl einmal sagte, was hinten heraus kommt. Und dazu liefern Sie seit Jahrzehnten einen soliden Beitrag. Nur, nehmen Sie bitte nicht an, alle kennen Ihre Kolumne.

Antwort:

Antwort/1:

Sicher tut er das – wie fast alle Autoren. Hinter der Schreiberei steckt immer auch ein gewisses Sendungsbewusstsein – für das Honorar allein schreibt man nicht. Und Ihren rhetorischen Schachzug, eine kleine Bosheit nicht einfach als Behauptung hinzustellen, sondern ihn in eine harmlos klingende Frageform zu kleiden, kennt ein erfahrener Autor auch.

Wir müssen aber auch kurz den Hintergrund des Falles 2735 sehen: Die Überschrift hieß „Noch kein Jahr dabei – und schon zwei Katastrophen“. Das ließ bereits nichts Gutes ahnen. Es ging um einen weiblichen Master des Maschinenbaus, der nach dem Studium ein halbes Jahr arbeitslos war, den dann gefundenen ersten Job nach drei Monaten „schmiss“ (zum großen Bedauern des Arbeitgebers), einen neuen fand – bei dem der Chef „nach wenigen Wochen“ zum Ausdruck brachte, dass die Mitarbeiterin weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Der Vorgesetzte riet ihr intern zu anderen Jobs, woraufhin sie erkannte, dass sie sich in der Gegend ohnehin unwohl fühlte.

Daraufhin habe ich nicht etwa die Contenance verloren, sondern u. a. mit „mildem Kopfschütteln“ darauf hingewiesen, dass hier seit dreißig Jahren erläutert wird, wie das System funktioniert. Dann schrieb ich noch: „Ich erwarte nicht, dass alle Menschen diese Beiträge lieben, aber das darin enthaltene Wissen über berufliche Zusammenhänge sollten Berufsanfänger schon haben.“

Also ich bleibe dabei: Wer als Neuling erstmals zu einer Himalaja-Durchquerung aufbräche, der wäre nicht nur gut beraten, vorher so viel wie irgend möglich über jenes Gebirge und seine Tücken, über Erfahrungen anderer Expeditionen etc. in sich aufzunehmen, er würde es mit absoluter Selbstverständlichkeit auch tun!

Der nun fällige Vergleich mit dem Studenten, der antritt, im Berufsleben zu bestehen, schmeichelt fast schon dem Himalaja. Denn in den vierzig Jahren im Beruf kommt so viel zusammen, da können drei Monate Hochgebirge nur schwer mithalten.

Es ist nun einmal so: Die Ausbildung an der Hochschule ist keine zielführende Vorbereitung auf das Berufsleben. Natürlich steht auch das in meinen Artikeln – und es trägt zu meinem „milden Kopfschütteln“ bei, wenn Ingenieurstudenten der letzten Semester dieses Informationsangebot nicht wahrnehmen. Ich sage nicht, sie sollen es lieben, ich sage ja nur, sie sollen es kennen.

Dabei schreibe ich ja gar keine belehrende Darstellung speziell für Studenten. Ich berichte „aus der Welt des Himalaja“ – für erfahrene Expeditionsführer, für gestandene Bergsteiger und u. a. auch für Einsteiger. Die sich z. T. lieber beim ersten Aufstieg die Zehen abfrieren als sich vorher um Informationen zu bemühen, die ihnen „auf dem Silbertablett serviert“ werden. Da darf ich mir dann wenigstens ein mildes Kopfschütteln erlauben. Und jetzt lesen Sie noch einmal den Fall 2735. Den es nicht gäbe, wäre mir die Einsenderin früher gefolgt.

Antwort/2:Tue ich nicht, ich weiß ja um das Wissensdefizit vieler Studenten. Ich weiß hingegen nicht, ob ich mich Ihnen so richtig verständlich machen kann, starte aber gern ungebrochen einen neuen Versuch:

Ich habe nichts davon, wenn alle Ingenieurstudenten meinen Namen kennen. Was ich will (mein persönliches Sendungsbewusstsein) ist, dass möglichst viele der Teilnehmer am Prozess „Berufsleben“ dessen Spielregeln kennen – damit sie dort möglichst erfolgreich wirken können. Was wiederum uns allen nutzt. Und wenn ich so etwas lese wie die Geschichte aus 2735, dann werde ich fast ein bisschen wütend. Weil sie eben nicht nötig gewesen wäre.

Übrigens: Wir bedienen auch „Papiermuffel“: Die Beiträge dieser Serie aus vielen Jahren sind kostenlos nachzulesen unter www.ingenieur.de/Arbeit-Beruf/Heiko-Mell.

Und das ist jetzt Sarkasmus pur:

So, also die künftigen Berufseinsteiger mögen (können?) keine längeren Texte mehr lesen, zumal wenn keine Bildchen drin enthalten sind. Die Unternehmen, in denen diese Menschen dann arbeiten wollen, werden in den Grundfesten erschüttert sein, wenn sie das hören – und sofort ihre Systeme umstellen. Beispielsweise die „buchdicken“ Verträge im Anlagenbau etc., die Lastenhefte für Neuentwicklungen, die Investitionsanträge etc.

Hat sich schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht, warum Berufseinsteiger in der Wirtschaft so wenig begehrt sind?

Oder: Die erfolgreiche Bewährung in der Berufswelt erfordert mehr als die Fähigkeit, sich massenhaft Videos herunterzuladen (Bilder!), in denen Osterhasen auf Nilpferden herumhopsen (oder war es umgekehrt?). Sehen Sie, ich will gar nicht Deutschlands beliebtester Studenten-Autor werden …

Frage-Nr.: 2783
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-29

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