Heiko Mell

Falsches und andere Unzulänglichkeiten

Mit Ihrer Karriereberatung in den VDI nachrichten erreichen Sie einen großen, interessierten Bereich von Ingenieuren. Ihren Anspruch verstehe ich so, dass Sie auch Entscheidungshilfen für Ingenieure geben wollen. Umso wichtiger ist dabei eine objektive und wirklichkeitsnahe Darstellung der Ausgangslage.

Ihre Aussage in Frage 2.713: „Bitte renommieren Sie nicht mit der Note der FH-Abschlussarbeit. Eine 1 ist dort praktisch Standard.“ Diese Aussage ist falsch!

Bitte informieren Sie sich vor solchen Aussagen, z. B. an der FH Mannheim, über die Faktenlage. Mit solchen Aussagen reihen Sie sich in jene ein, die öffentlichkeitswirksam einen Ingenieuresmangel beklagen, obwohl es diesen gar nicht gibt.

Ja, wir sind ein freies Land. Dennoch sind junge Leute bei ihrer Entscheidung auch nicht ganz frei für Aussagen von renoviertem Personalberater. Umso wichtiger wäre es das verantwortungsbewusste Personalberater an der Realität orientierte Entscheidungshilfen geben und nicht nur manipulative Aussagen von Politik und Wirtschaft wiederzugeben.

Antwort:

Sie tragen, ich sage das zur Sicherheit, einen deutschen Namen, nichts lässt auf eine Herkunft aus einem anderen Sprachraum schließen.

Vor diesem Hintergrund komme ich zu der Einschätzung: Sie hatten mit Ihrer Zuschrift einen guten, starken Beginn, dann ließ es irgendwie nach.

Sie wissen doch ganz sicher: Wenn man jemanden angreift, muss man ziemlich sicher sein, auch schlagkräftige Argumente zu haben. Und man darf in seinem Vorgehen nicht seinerseits unübersehbare Schwachpunkte zeigen. Als Leser kennen Sie mich – und enttäuschen dadurch, dass Sie sich nicht mehr Mühe gegeben haben. Sie hätten doch wissen müssen, dass man bei so einem Gegner auf seine Deckung achten muss.

Betrachten wir zunächst die erste Hälfte Ihrer Einsendung einschließlich des Satzes mit „Mannheim“: Alles sauber formuliert, in der Darstellung überzeugend, in der Formulierung nicht angreifbar. Hier bleibt nur die Betrachtung der angesprochenen „Sache an (und für) sich“:

Ich habe Ihre mir wie stets ausgedruckt vorliegende Zuschrift mehrfach umgewendet, sogar geschüttelt – mehr war aber nicht. Man haut doch einem Serienautor, der dreißig Jahre lang alle Angriffe auch ganz junger Leser überstanden hat, nicht um die Ohren „Das ist falsch!“ und sagt dann nichts mehr zum Thema. Das ist doch keine vernünftige Art zu diskutieren, wenn man ernstgenommen werden will. Lehrt man so etwas an unseren Hochschulen nicht mehr? Ich kann es kaum fassen. Wenn Sie Jungingenieur sind und bei innerbetrieblichen Meetings auch so vorgehen, fürchte ich sehr um Ihr Fortkommen.

Ihre Anklage schreit doch geradezu nach einer Fortsetzung wie: „Richtig ist hingegen, dass z. B. an der FH Mannheim in den Jahren 2008 bis 2013 in der Fakultät Maschinenbau x Diplom- und andere Abschlussarbeiten eingereicht und wie folgt benotet wurden: A % mit sehr gut, B % mit gut, C % mit befriedigend … etc. Siehe die beiliegende Aufstellung, abgestempelt vom Rektorat der Fachhochschule.“

Das wäre doch Ihre große Chance gewesen. So muss man Angriffe fahren. „Falsch“ zu rufen ist doch kein Argument, vor allem nicht, wenn es wie hier um Zahlen und Statistiken geht.

Im Übrigen hatten wir diese Diskussion um FH-Diplomarbeiten hier schon sehr ausführlich, mit Meinungen und Behauptungen aller Art, insbesondere auch vorgetragen durch Professoren. Aber keiner hat je ein solches offizielles Dokument vorgelegt. Aber die anderen Leser haben wenigstens argumentiert (auch in die Richtung, dass eine 1 grundsätzlich angemessen sei, weil meist so viel an Arbeit und Ingenieur-Wissen darin stecke).

Ich sauge mir so etwas ja nicht aus den Fingern. Zugrunde liegen dem Beobachtungen aus vielen Jahrzehnten eigener Praxis im Personalwesen. Ich habe extrem viele Bewerbungen gelesen und lese sie noch immer regelmäßig, darunter viele von Ingenieuren – sowohl mit sehr guten, mit guten und auch mit befriedigenden Gesamtnoten, aber extrem oft mit einer 1 in der Abschlussarbeit.

Daher meine Empfehlung: Der einzelne Bewerber darf still für sich stolz auf seine 1 für die Arbeit sein, aber er sollte wissen, dass der Bewerbungsempfänger diese Note praktisch bei allen Mitbewerbern auch sieht. Und wenn ich in seltenen Fällen einmal einen Ingenieur im Vorstellungsgespräch habe, der „nur“ eine 2 in der Arbeit hat, dann sage ich ihm auf den Kopf zu: „Na, da war Ihr Professor wohl nicht so begeistert.“ Und dann kommt irgendeine Bestätigung von ihm.So etwas könnte in einem Jahrgang an einer FH einmal anders sein, aber wir reden hier vom Deutschland-Durchschnitt.

Nun zum zweiten Teil Ihrer Zuschrift:Mit Ingenieurmangel hat das Thema „Diplomarbeitsnote“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Sie waren einfach so richtig in Rage, da haben Sie argumentatorisch um sich geschlagen. Übrigens habe ich als einer der ersten Fachleute in Deutschland an dem Medienrummel über Ingenieurmangel gezweifelt und öffentlich erklärt: „Ingenieurmangel sieht anders aus, typische Begleitsymptome für diesen Mangel fehlen.“ Sie treffen also auch noch den Falschen.

Nun, wer mich kennt, weiß schon, was noch kommen muss: Im zweiten Teil Ihrer Zuschrift machen Sie Fehler, die allein schon Ihrem Vorwurf das Fundament entziehen: Da ist der „Ingenieuresmangel“, der Ingenieurmangel heißen muss (man könnte das als Bagatelle einstufen, aber wir Ingenieure sind gehalten, unseren Beruf in allen Varianten stets richtig zu schreiben), dann muss ein „das“ richtig „dass“ heißen. Höhepunkt aber ist Ihr „… frei für Aussagen von renoviertem Personalberater“. „Renoviert“ wäre ich nach einer Schönheitsoperation, aber selbst mit „renommiertem“ hakt das an allen Ecken und Enden.

Nun könnte jemand sagen, ich hätte dies alles doch einfach souverän und mit einem Schulterzucken abtun und die Zuschrift gar nicht drucken sollen.

Da ich aber nun einmal angetreten bin, den Einsendern im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen, versuche ich es auch hier. Es geht nicht um mich, ich ertrage so etwas schon. Aber vielleicht kann ich dem einen oder anderen Leser zeigen, wie man so etwas besser nicht macht und wie ein allzu schneidig, aber schlecht geplanter Angriff nur zu leicht abgeschmettert werden kann.

In dem Zusammenhang: Das Internet hat der Streit- und Beschwerdekultur nicht gut getan. Für hitzige Gemüter ist die Versuchung zu groß, sich spontan an die Kiste zu setzen und eine „frischgebackene“ Empörung in die Tastatur zu hauen. Kürzlich habe ich ein Beispiel gelesen, das mir gut gefallen hat. Sagt der Offizier zu neuen Rekruten bei der Einweisung: „Beschwerden werden erst am nächsten Tag entgegengenommen.“ Das ist sehr vernünftig, verschafft es doch dem Beschwerdeführer die Zeit und die Gelegenheit, in Ruhe über sein Anliegen nachzudenken (eine Nacht darüber zu schlafen) und, wenn er es denn am nächsten Tag überhaupt noch für ratsam hält, es wenigstens mit der gebotenen Sorgfalt vorbereitet zu haben.

Frage-Nr.: 2774
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-09-24

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