Heiko Mell

Ihr Partner ist ein unvollkommener Mensch

Antwort:

Ihre Bewerbung an die „Weltmeister AG“ muss überzeugen, keine Frage. Aber wen – bestimmt nicht diese AG! Die gibt es so konkret gar nicht, die beurteilt keine Bewerbungen, die entscheidet nichts. Ja, eine Gesellschaft kann noch nicht einmal lesen. So etwas tun Menschen in ihrem Auftrag. Das sind Leute wie du und ich. Mit Fehlern und Schwächen, „Leichen“ im (Lebenslauf-)Keller und Niederlagen, die Spuren in ihrer Laufbahn hinterlassen haben. Leute, die auch Fehler machen – und sich dessen sehr wohl bewusst sind.

Wenn Sie diesen Entscheidungsträgern bei der Weltmeister AG ein technisches Produkt verkaufen wollten, dann dürfte das ruhig so perfekt wie nur irgend möglich sein. Optimal konstruiert, qualitativ überragend gefertigt und preislich ganz deutlich unterhalb des Wettbewerbs angesiedelt. Das alles würde der Mensch, der dort als entscheidungsberechtigt fungiert, begeistert aufnehmen.

Aber mit Ihrer Bewerbung „verkaufen“ Sie kein seelenloses Produkt, sondern sich selbst: einen Menschen wie er einer ist. Für dieses Angebot hat er einen Maßstab: Auch er ist Angestellter, auch er ist dort tätig – meist ist er sogar Ihr potenzieller Vorgesetzter. Und er hat auch einen Lebenslauf, hat auch studiert, hatte auch ein Alter beim Berufseintritt, ist auch irgendwann erstmals und dann erneut befördert worden etc.

Und wenn Sie als Bewerber jetzt instinktlos versuchten, ohne Rücksicht auf Verluste so „toll“ zu sein wie irgend möglich, dann könnte dies zwar im Sinne der fiktiven Weltmeister AG sein, aber vielleicht nicht den Herrn Müller erheitern, der dort die Entscheidung über Ihre Einstellung trifft. In manchen Bewerbungen steht im Anschreiben, man habe ein „Abitur (Note 1,0)“, steht im Lebenslauf unter „Schule“ noch einmal: „Abschluss Abitur, Note 1,0“, und dann liegt noch eine Kopie des Zeugnisses bei, aus dem die Abiturnote (1,0!) hervorgeht. Natürlich freut sich der potenzielle Vorgesetzte über den enormen Intelligenzzuwachs, den die Weltmeister AG nach Ihrer Einstellung zu verzeichnen hätte. Aber er denkt auch an seine eigene Personalakte, in der ein Abitur mit 2,3 friedlich schlummert – und fragt sich, ob er sich „das“ antun muss.

Das funktioniert auch umgekehrt, wenn Sie beispielsweise sagen, man hätte ja „in dem Alter“ ganz sicher auch noch andere Interessen als gewissenhaftes Lernen, deshalb sei ein Ausreichend im Vorexamen praktisch normal. Dann denkt vielleicht Ihr Gegenüber wehmütig an seine „vergeudete“ Jugend, in der er auf vieles verzichtete, um auch in dieser Phase schon beruflich relevante Leistung zu zeigen. Und plötzlich sind Sie ihm gar nicht mehr so furchtbar sympathisch.Wenn Sie der Größte sind, mag das ja vorteilhaft für die Weltmeister AG sein – aber ist das auch angenehm für den dort operierenden Entscheidungsträger?

Eine pauschale Lösung des Problems gibt es nicht – Sie können ja nicht wissen, wem Sie schreiben oder zu wem Sie sprechen. Aber ein wenig Vorsicht kann nicht schaden.Was nicht bedeutet, dass Sie Ihr Licht unter den Scheffel stellen oder sich in Sack und Asche gekleidet präsentieren sollen – Leistung kann und soll schon werbend dargeboten werden. Aber denken Sie daran, dass der Empfänger Ihrer Informationen, die Sie über sich verbreiten, nicht den „besten Bewerber aller Zeiten“ will, sondern einen, der ihm am besten in die vorhandene Lücke zu passen scheint. Was ein Unterschied sein kann.

Oder um es brutal auszudrücken: Sie sollen schon „gut“ sein – aber nicht unbedingt „um Klassen besser“ als der Bewerbungsempfänger.

Kurzantwort:

Ihre Bewerbung an die „Weltmeister AG“ muss überzeugen, keine Frage. Aber wen – bestimmt nicht diese AG! Die gibt es so konkret gar nicht, die beurteilt keine Bewerbungen, die entscheidet nichts. Ja, eine Gesellschaft kann noch nicht einmal lesen. So etwas tun Menschen in ihrem Auftrag. Das sind Leute wie du und ich. Mit Fehlern und Schwächen, „Leichen“ im (Lebenslauf-)Keller und Niederlagen, die Spuren in ihrer Laufbahn hinterlassen haben. Leute, die auch Fehler machen – und sich dessen sehr wohl bewusst sind.

Frage-Nr.: 277
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-05-12

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