Heiko Mell 02.01.2016, 10:49 Uhr

Leserreaktion – Woher kommt der Knabe?

Frage:

Einsender D“ hat mich irritiert. Ich grüble darüber nach, was denn der Knabe mit 30 für ein Geheimnis um seinen Geburtsort macht. Frage mich und Sie, warum der dann im Beitrag nicht genannt wird.

Antwort:

Habe mir erlaubt, einen Satz aus Einsendung Ihrerseits zu streichen. War überzeugt, dass wir politisch nicht korrekte Volksgruppenbezeichnungen einerseits und auf 1000 Jahre hinaus mit extrem kritischen Erinnerungen belastete Städtenamen andererseits hier besser nicht breittreten. Sichere Ihnen zu, dass wir das alles auch nicht brauchen, weil Ihre Annahmen allesamt falsch sind. Muss dann auch noch Originaleinsender D gegen Sie in Schutz nehmen – hat „Knabe“ nicht verdient: Ist erstens, wie dort stand, Ende 30 und führt, wie ebenfalls erwähnt, heute als Produktionsleiter immerhin 300 Leute. Frage mich, ob Sie größere Einheit führen – oder woher sonst „Knabe“ stammen soll, wenn nicht vom Blick von oben runter.

Falls ein Leser damit nicht so vertraut ist: Eine solche Sprache hat es tatsächlich gegeben, z. B. im preußischen Offizierscorps zu Kaisers Zeiten („Habe mir erlaubt, Herrn Oberst kleines Präsent aus väterlicher Weinhandlung mitzubringen. Hoffe, Herr Oberst werden Qualität angemessen finden.“).

Heute jedoch formulieren wir eher in ganzen Sätzen nach der Grundregel „Subjekt, Prädikat, Objekt“. So viel dazu.Also die „Stadt X“ in jenem Beispiel „D“ ist eine ganz normale deutsche Mittelstadt wie Schwetzingen, Herzogenaurach oder Paderborn. Der Einsender hatte sie natürlich benannt, ich habe sie meinem Versprechen gemäß neutralisiert, um ein Mindestmaß an Anonymität zu wahren. Denn jeder Schwetzinger oder Paderborner Leser würde sofort überlegen, wer das denn sein könnte oder zumindest würde er den Namen des Arbeitgebers erraten wollen. Und alle 300 Mitarbeiter des Einsenders würden wissen, um wen es geht und ihre Familien auch.

Kern der Geschichte ist, dass wir in Deutschland keine Kultur haben, die es erlaubt, „Ich bin ein berufliches Erfolgsbeispiel“ zu sagen. Man darf das denken – aber bei der öffentlichen Darstellung bleibt man besser anonym. Schließlich haben unsere Einsender selbst ihren Hut in den Ring geworfen, ich habe nur eine Art Feinauswahl vorgenommen.

Und schließlich ist es ja Tradition in dieser Serie, dass die Einsender darauf vertrauen können, anonym zu bleiben.

PS: Vielleicht werden wir noch mehr Leserreaktionen zu den „Erfolgsbeispielen“ abdrucken. Fest steht aber, dass mir bisher keine Zuschrift untergekommen ist, in der auch nur einer der Beispielkandidaten A – I für seine Leistungen einfach nur gelobt oder anerkannt wurde. Ich weiß schon, warum wir nicht einmal „Herzogenaurach“ (als Beispiel) offen aussprechen, von Einsendernamen ganz zu schweigen.

Und das haben Sie, geehrter Einsender, nicht gewusst?

Frage-Nr.: 2740
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-03-05

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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