Heiko Mell

Wanderer, triffst du Studenten

Antwort:

Am Anfang hat es mich amüsiert, heute sehe ich darin eher ein Ärgernis: Akademiker mit erster Berufserfahrung schreiben mir, als Studenten hätten sie meinen Beiträgen sehr skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden, hätten die Aussage als Glosse eingestuft oder sogar belächelt. Nun aber, nach zwei, fünf oder zehn Jahren Praxis wüssten sie und könnten es offiziell bestätigen: Ja, es sei „draußen“ tatsächlich so, ich gäbe die Verhältnisse realistisch wieder. Und oft steht dabei, am Anfang der Berufstätigkeit hätte man Fehler begangen, die man jetzt bedaure. Heute wünsche man sich, mir früher schon geglaubt zu haben.

So weit, so gut. Und so erfreulich – wer bekommt nicht gern wenigstens nachträglich Recht? Mein Problem dabei: Die Briefe kommen in dieser Form auch noch nach fast 22 Jahren Arbeit an der Serie. Ich war von der offenbar naiven Vorstellung ausgegangen, manches würde sich unter den Studenten bestimmter Fachrichtungen schlicht ein bisschen herumsprechen. Reden die nicht gelegentlich miteinander? Irgendwie müssen sich doch auch nette Kneipen mit akzeptablen Bierpreisen o. ä. herumsprechen. Und inzwischen haben Generationen von Ex-Studenten ihre Praxiserfahrungen gemacht; viele von ihnen sind ältere Brüder, Vereinskameraden, Freunde, ja inzwischen selbst Väter von Studenten. Und so könnte sich doch die Erkenntnis verbreiten: Alles was wir hier an der Uni tun, dient der Qualifizierung für die nächste Lebensphase, nämlich die Berufsausübung. Die fast 40 Jahre andauert, uns nähren und kleiden soll und auf deren Tücken – die es reichlich zu geben scheint – wir im offiziellen Uni-Betrieb kaum bis gar nicht vorbereitet werden. Aber es gibt ja noch die Karriereberatung in den VDI nachrichten. Was dort steht, klingt offenbar für uns Studenten zunächst unvertraut oder gewöhnungsbedürftig. Aber wir haben die Aussagen früherer Studenten oder diverser „alter Praktiker“, dass die Dinge „da draußen“ wohl doch so sind, wie es dort geschrieben steht.

Und dann fehlt nur noch der entscheidende Nachsatz: Wir werden uns vorsichtshalber mal darauf einstellen, dass dieser Mell vielleicht doch Recht hat – in unserem ureigenen Interesse. Und dann würde noch immer nicht alles gut, aber vieles schon besser.

Mit diesem hehren Ziel vor Augen rufe ich alle Kenner der Praxis auf, Kontakte mit Studenten zu nutzen, um jenen inzwischen etwas nervenden Effekt zu vermeiden, vom dem ich eingangs sprach: Jede neue Generation gewinnt mühsam und unter Opfern Erkenntnisse, die andere vor ihnen schon hatten.

Und damit Sie sehen, liebe Leser, dass auch ich mir bei diesem Thema besondere Mühe gebe, bin ich tief in die Historie eingestiegen und habe sogar den Dichter Schiller als Vorbild herangezogen. Er hat das – vermutlich in Altgriechisch – von Simonides verfasste Original der Gedenktafel am Thermopylenpass (ca. 480 v. Chr.) so übersetzt:
Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.

Was für ein tolles Gedenken an eine aufopferungsvolle Tat. Mit der kann ich nicht konkurrieren und auch Schiller ist mir über. Noch nicht einmal eine Gedenktafel ist mir sicher. Aber falls doch, dann könnte vielleicht darauf stehen:
Praktiker, triffst du Studenten, verkündige denen, das Leben sei dem Bilde entsprechend, das Heiko Mell oft beschrieb.

PS. Ich habe mich bemüht, Schillers Versmaß-Vorgabe so genau wie möglich zu treffen. Das war gar nicht so einfach. Also keine Angst, ich werde es so schnell nicht wieder tun.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 274
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-04-14

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