Heiko Mell

Sonderaktion „Erfolgsbeispiele“ (II)

Der erste Teil erschien am 5. 12. 14.

Antwort:

Einsender D: Rund um den Geburtsort X

Alter: Ende 30;Schule/Ausbildung/Studium: Abitur (1,8), Zivildienst, Facharbeiter (1), duales Studium Maschinenbau/Produktionstechnik (1,2 mit Auszeichnung); Berufsentwicklung:

– Betriebsingenieur beim Ausbildungspartner, einem namhaften Systemlieferanten der Automobilindustrie in X, in dieser Phase wechselweise Langeweile, Frustrationen etc.; über die Bewährung in einer Urlaubsvertretung erste Karriereerfolge – verbunden mit Stress bis zur Überlastung;

– nach ca. 3 Jahren dort Gruppenleiter eines Fertigungsbereiches (mehr als 100 MA) und stellvertretender Betriebsleiter;

– wirtschaftliche Probleme des Arbeitgebers überschatteten alle anderen Aspekte (später Insolvenz), daher Neuorientierung;

– Wechsel zu einem anderen größeren Industriebetrieb einer völlig anderen Branche in X, dort Betriebsleiter eines Fertigungsbereiches mit mehr als 50 MA);

– 4 Jahre später dort Betriebsleiter einer Schwesterabteilung mit mehr als 200 MA;

– heute dort Produktionsleiter mit beibehaltener Betriebsleiterfunktion und ca. 300 MA, direkt der GF unterstellt.

Spezielle Erkenntnisse des Einsenders:

1. Alternativ wäre (Leistungskurse Mathematik und Physik) auch ein Uni-Studium der Physik reizvoll gewesen. Den Ausschlag gaben mein „Auto-Tick“, zu dem der Ausbildungspartner passte und der finanzielle Anreiz beim dualen System.Das Studium fiel mir recht leicht, sodass Master und Promotion erwogen wurden, aber einem auch finanziell reizvollen Jobangebot des Ausbildungsbetriebs gab ich den Vorzug.

2. Ihre Karriereberatung hat mich durchs Studium begleitet, wobei ich damals Ihre Beschreibung der Praxis noch als zynisch empfand und den Verdacht hegte, dass auf diesem Weg die fleißigen Bienchen passend konditioniert werden sollten. 12 Jahre später sehe ich das (oh Wunder!) etwas abgeklärter.

3. Beim ersten Arbeitgeberwechsel ignorierte ich Ihre erste Regel und konzentrierte mich auf meine Heimatregion. Meine Freunde und meine Familie sind ein fester Dreh- und Angelpunkt in meinem Leben und helfen mir sehr, mit den Belastungen des Jobs umgehen zu können. Ein Weggang kam daher nicht infrage und kommt es immer noch nicht.

4. Beim Firmen- und Branchenwechsel musste ich den anderen Stallgeruch erst einmal annehmen. Dabei half mir, dass ich ein geselliger Typ bin und schnell Kontakte knüpfen kann. Ich konnte mich in kurzer Zeit im Kollegenkreis etablieren und erwarb mir durch Fleiß, Geradlinigkeit und Engagement einen guten Ruf bei Vorgesetzten und Mitarbeitern.

5. Obwohl mich mein neuer Arbeitgeber günstig eingekauft hatte, wurde mein Gehalt schnell auf das höhere Firmenniveau angehoben, ohne dass ich darum bitten musste.

6. Ich fühle mich wohl und habe Spaß an meiner Arbeit. Beinahe wöchentlich rufen mich Headhunter an, ich bin aber nicht zu einem Umzug bereit.

7. Ich habe viele Ihrer Hinweise berücksichtigt, aber auch einige bewusst missachtet (in der Ausbildung nicht alles aus mir herausgeholt, Fixierung auf Heimatort). Wenn ich in die Geschäftsführung strebte, stünde mir meine Heimatverbundenheit klar im Wege. Für mich war es immer wichtig, meine Stärken und Schwächen zu kennen, danach zu handeln und mir diesbezüglich nicht „in die Tasche zu lügen“.

8. Ich bedanke mich herzlich für die Jahre der interessanten und humorvollen Lektüre und für die vielen hilfreichen Ratschläge, die ihren Teil zu meiner positiven Entwicklung beigetragen haben.

 

Mein Kommentar:

Diesem Erfolgsbeispiel liegt ein spezielles Prinzip zugrunde. Haben Sie es spontan erkannt? Nein, es geht nicht um den Heimatort X, der springt nun unübersehbar ins Auge. Der Einsender weiß sehr wohl um diesen Aspekt seines Werdeganges, er spricht in seinem Punkt 7 ganz knapp darüber: „… in der Ausbildung nicht alles aus mir herausgeholt.“ Daraus resultieren Einschränkungen, die man praktisch als negative Investition in das „Geschäft“ einbringt: kein Uni-Studium, keine Physik, kein Master, keine Promotion (was alles bei einem FH-Ab­schluss „mit Auszeichnung“ möglich gewesen wäre).

So aber lief dieser Kandidat vom ersten Ausbildungstag an, was die geistigen Herausforderungen seines Studiums und seiner Jobs anging und angeht, quasi mit gedrosselter Leistung. Nur einmal, nach der ersten Beförderung, gab es „Stress bis an die Überlastungsgrenze“, aber das hatte andere Ursachen; manchmal ist es einfach die Menge an Arbeit, die den Mitarbeiter überfordert.

Der Einsender hat Vorzeigbares erreicht, keine Frage. Aber er hat sich – von ihm selbst aufgezeigt – zwei Beschränkungen auferlegt, mit denen er leben muss. Es ist eine Mentalitätsfrage, wie man damit zurechtkommt. Wenn man damit leben kann, ist diese Vorgehensweise eine interessante Alternative für die Gestaltung des Berufsweges.

 

Einsender E: Vom Handwerker zum Prof. Dr.-Ing.

Alter: Mitte 60; aufgewachsen im elterlichen Winzerbetrieb mit dem Ziel der Nachfolge; das Lernen ist mir anfangs nicht in den Schoß gefallen, Wiederholung einer Klasse in der Grundschule, Hauptschulabschluss; Ausbildung/Studium: Autoschlosser (wegen der vielen Maschinen im Weinbau), Berufsaufbauschule bis zur Fachhochschulreife auf eine Lehrerempfehlung hin; FH-Studium (Maschinenbau/Verfahrens­technik); da „die Lerninhalte mich so interessierten“ ein weiterführendes TU-Studium, Abschluss mit 26 Jahren; anschließend Promotion in Technischer Thermodynamik; Berufsweg:

– Projektmanager eines Großunternehmens (Planung, Bau und Inbetriebnahme von Chemieanlagen, 7 Jahre);

– in dieser Phase beginnende parallele Lehrtätigkeit als Lehrbeauftragter an mehreren Fachhochschulen;

– erste FH-Professur in X (3 Jahre);

– zweite FH-Professur in Y, Institutsleiter, weitere hochschulinterne Zusatzaufgaben.

 

Spezielle Erkenntnisse des Einsenders:

1. Ich erinnere mich mit großem Schaudern an meine erste Schulphase. Die Berufsaufbauschule war dann die schwierigste Zeit für mich, da ich zum ersten Mal mit den wissenschaftlichen Fächern und der englischen Sprache in Berührung kam. Aber mein Lerneifer war, auch um meinen Vater nicht zu enttäuschen, ungebremst …

2. In einem Nebenjob hatte ich schon früh Nachhilfe in technischen Fächern gegeben. Der anschließende Erfolg meiner Nachhilfeschüler (meist Studenten von der FH) weckte in mir den Wunsch, meine Wege in Richtung „Dozent“ zu lenken. So ganz nach dem Motto: „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.“

3. Um die Option für eine spätere Stelle als Fachhochschul-Dozent offen zu lassen, musste ich promovieren. Damals war das meine einzige Motivation, den Doktortitel zu erlangen.

4. Als Basis zur Berufung an die FH waren einige Jahre Berufspraxis erwünscht, also Berufseinstieg bei einem großen Anlagenbauer. Ich war mit Leib und Seele Anlagenplaner, Karriereambitionen hatte ich dort nicht. Dennoch stand nach 7 Jahren ein Aufgabenwechsel mit Personalverantwortung an, ich entschied mich jedoch für die zeitgleich eingehende Berufung an die FH.

5. Im Rückblick bin ich sehr damit zufrieden, wie mein Werdegang verlaufen ist, ich würde es wieder so machen wollen. Meinen Studenten habe ich Ihre Beratungsserie auch schmackhaft gemacht. Zu schwierigen Situationen, meistens solchen personeller Art, überlegen wir zusammen: Was würde wohl Heiko Mell dazu sagen? Mit einem großen Dankeschön an Ihre wohl einzigartige Betreuung der VDI nachrichten-Leser …

 

Mein Kommentar:

Es ist – eigentlich – Ehrensache, dass ich bei dieser speziellen Aktion auf kritische Anmerkungen zu kleinen Fehlern in den Einsendungen verzichte und sie stillschweigend korrigiere. Ich hatte mir das auch fest vorgenommen. Aber dann kam diese „professorale Steilvorlage“, an der ich einfach nicht vorübergehen konnte: Ihr selbsterstellter Lebenslauf sagt in der ersten Zeile „geb. XX.XX.2009“ – was ich nicht nur nicht glaube, sondern was auch keinerlei Ähnlichkeit zu Daten aus den nächsten Zeilen und schon gar nicht zum richtigen Geburtsdatum aufweist. Lieber Herr Professor, der Sie mir so nett geschrieben haben, verzeihen Sie diese platte Anspielung, an der ich nicht vorbeikomme: Seien Sie froh, nicht Winzer geworden zu sein – was hätten Sie da für Jahrgänge auf die Flaschen gezaubert (ich hoffe, Sie lachen mit mir darüber).

Die Geschichte mit den schwachen Schulleistungen ist schwer zu verstehen, die Differenz zum später Erreichten ist so groß, dass man mit dem simplen „Spätentwickler“ als Erklärung kaum noch auskommt. Was haben Sie in der Schulzeit mit Ihrem zweifelsfrei schon vorhandenen Talent angestellt, wo blieb das? Dass Menschen mit steigendem Alter immer intelligenter werden, glaube ich nicht so recht. Aber: Der Erfolg allein zählt und überstrahlt alles.

Auch hier wieder das Erfolgsmuster: Das eigene Talent erkennen und darauf einen Berufsweg (Wissensvermittlung) aufbauen. Ich garantiere: Jeder hat so ein Talent, viele erkennen es nicht oder ziehen nicht die richtigen Schlüsse daraus.

 

Einsender F: 29 – und alles ist gut

Alter: 29; Abitur mit 1,9; Zivildienst; Studium: Medizintechnik an der FH (Diplom 1,3); aufbauendes Masterstudium an einem College in GB; Berufsweg:

– Einstieg und heutige Tätigkeit (seit 2 Jahren) als Produktmanager für hochwertige Systeme der Medizintechnik bei einem weltweit operierenden größeren Unternehmen; Projektleitung von derzeit zwei Großprojekten mit externen Lieferanten.

 

Spezielle Erkenntnisse des Einsenders:

1. Mir wurde sehr früh umfangreiche Verantwortung übertragen. Wichtig war es für mich, dass ich schon früh einen Vorgesetzten bekam, der mich unterstützt und motiviert. Er half mir auch bei der Umsetzung schwieriger Maßnahmen. Ich lernte, welche große Rolle Kommunikation und Transparenz spielen und wie wichtig eine gute Beziehung zum Vorgesetzten ist.

2. Bei meinen derzeitigen Projekten merke ich, wie ich das bereits Gelernte ideal in den Projektablauf einbringen kann. Eines dieser Projekte birgt besonders große Chancen und Risiken; wenn aber daraus ein erfolgreiches Produkt wird, könnte es von besonderer Bedeutung für das Unternehmen werden.

3. Ich bin „aus Versehen“ im Produktmanagement gelandet. Ursprünglich hatte ich mich bei diesem Unternehmen, meinem Zielarbeitgeber, um eine Entwicklungsposition beworben. Man bot mir die Stelle im Produktmanagement an, die vom Inhalt her sehr gut zum Studium und zu den Erfahrungen passte, die ich bei der Erstellung meiner Diplomarbeit gesammelt hatte. Ich nahm an, um einen Fuß in die Tür dieses Unternehmens zu bekommen.

4. Während meines ersten Berufsjahres hatte ich die Vorstellung, später in die ursprünglich angestrebte Entwicklung zu wechseln. Ich habe aber auch erkannt, dass mein spezielles Schnittstellen-Studienfach ideal zur heutigen Stelle passt. Ein interner Wechsel in die Entwicklung wäre nur sehr schwer und unter Opfern zu vollziehen.

5. Mir macht meine berufliche Tätigkeit überwiegend Freude, ich sehe die umfangreichen Vorteile. Ich möchte mein Wissen als Projektmanager vertiefen und strebe einen entsprechenden Zertifizierungslehrgang an.

Falls ich noch einmal studieren könnte, würde ich Maschinenbau anstelle eines Querschnittsfachs studieren, als Medizintechnik-Entwickler beginnen und nach ein paar Jahren ins Produktmanagement wechseln.

6. Auch meine private Situation sehe ich sehr positiv: Ich bin verheiratet, wir haben einen kleinen Sohn. Meine Frau ist mit mir an den heutigen Wohnort gezogen. Wir haben bereits Kontakte aufgebaut, es geht uns gut, wir sind eine glückliche Familie.

 

Mein Kommentar:

Ja, wir wollten auch ein Einsteiger-Erfolgs­beispiel dabeihaben – dies ist eines. Natürlich muss man sehen: 38 Jahre muss er noch, zwei hat er schon, da kann durchaus eine Menge geschehen, wie erfahrene Leute wissen.

Aber ein guter Start ist von erheblicher Bedeutung, die von Anfang an übertragene große Verantwortung ist eine tolle Chance. Sie ist stets auch ein Risiko, aber das gehört dazu. Und ein wohlwollender, verständnisvoller Vorgesetzter ist Gold wert. Das muss einmal so deutlich gesagt werden.

Jetzt wird es gewagt: „Ein guter Mann/eine gute Frau hat solche Chefs.“ Wie man die bekommt, ist eines der großen (Erfolgs-)Ge­heimnisse. Aber: Ich z. B. hatte nie bösartige oder mich „drückende“ Lehrer oder Dozenten, trotz diverser Institutionen in zwei verschiedenen politischen Systemen. Ein bisschen liegt es auch an einem selbst („Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“). (Wird fortgesetzt.)

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2729
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 0
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-12-18

Top Stellenangebote

ZIEMANN HOLVRIEKA GmbH-Firmenlogo
ZIEMANN HOLVRIEKA GmbH Ingenieur (m/w/d) Automatisierungstechnik Ludwigsburg, Stuttgart
Tegel Projekt GmbH-Firmenlogo
Tegel Projekt GmbH Architekt / Bauingenieur / Projektsteuerer (m/w/d) Hochbau Berlin
Flughafen München GmbH-Firmenlogo
Flughafen München GmbH Bauingenieur (m/w/d) Hochbau München
Flughafen München GmbH-Firmenlogo
Flughafen München GmbH Ingenieur (m/w/d) für Prüfmanagement im Bereich Hochbau / TGA München
B&O Wohnungswirtschaft GmbH Chemnitz-Firmenlogo
B&O Wohnungswirtschaft GmbH Chemnitz Kalkulator / Arbeitsvorbereiter (m/w/d) für Wohnraumsanierung und Schlüsselfertigbau Chemnitz, Dresden, Jena, Nürnberg, Stuttgart
B&O Wohnungswirtschaft GmbH Chemnitz-Firmenlogo
B&O Wohnungswirtschaft GmbH Chemnitz Projekt- und Bauleiter (m/w/d) für Wohnraumsanierung und Schlüsselfertigbau verschiedene Standorte
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH (Senior) Requirements Engineer (m/w/d) Critical Care Schweinfurt
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH-Firmenlogo
BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH Ingenieur (m/w/d) TGA Bereich Property Management Berlin
Stadtwerke Rüsselsheim GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Rüsselsheim GmbH Planungsingenieur/-techniker (m/w/d) für Energiedienstleistungen Rüsselsheim
Viessmann Group-Firmenlogo
Viessmann Group Ingenieur für Systemsimulation und -test (m/w/d) Allendorf (Eder)

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: N…