Heiko Mell

„… wegen unterschiedlicher Auffassungen“

Antwort:

Es kann überhaupt nicht schaden, sich das unter allen (passenden) Umständen erstrebenswerte Ideal einer abschießenden Zeug­nisformulierung ins Gedächtnis zu rufen: „… scheidet aus auf eigenen Wunsch.“

Nur wenn der Lebenslauf nicht nahtlos anschließend ein neues Arbeitsverhältnis ausweist, ist diese Formulierung kontraproduktiv – wäre der Mitarbeiter doch dann „auf eigenen Wunsch in die Arbeitslosigkeit“ gegangen. Was das Interesse möglicher neuer Arbeitgeber erheblich reduzieren würde.

Im Normalfall jedoch geht der Arbeitnehmer auf eigenen Wunsch. Eine Begründung für sein Ausscheiden hat in dem Dokument dann grundsätzlich nichts zu suchen, sie geht den alten Arbeitgeber nichts an. Und spätere Bewerbungsempfänger, die das Zeugnis lesen, wissen ja aus dem Lebenslauf, was als nächste Station kam.

Schwieriger wird es, wenn kein eigener Wunsch des Mitarbeiter zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses geführt hat, sondern die Initiative beim Arbeitgeber lag (Achtung: Auch der formal durch Einigung beider Parteien entstehende Auflösungsvertrag wird stets als arbeitgeberseitige Kündigung interpretiert – mit allen Nachteilen, die damit verbunden sind). Dann liegt eine Begründung dieses für den Arbeitnehmer schnell etwas ehrenrührigen Schrittes durchaus in seinem Interesse. Damit der Leser des Dokumentes nicht denken soll, der Mitarbeiter sei etwa wegen Unfähigkeit, Faulheit oder Mitnahme der Portokasse „gegangen“. Und dann wird um Formulierungen gerungen.

Dabei gilt: Die einzige totale Entlastung des Mitarbeiters ist die Insolvenz des Unternehmens mit kompletter Betriebsschließung. Ausnahmen dazu: Geschäftsführer (die daran mitschuldig sein könnten). Schon bei Schließung nur von Teilbereichen fragt sich der Leser, warum man diesem angeblich so tollen Mitarbeiter nicht einen Job in einem anderen Betriebsteil angeboten hat. Allgemein so genannte „betriebliche Gründe“ gelten als nicht besonders überzeugend, werden sie doch oft als „Ausrede“ für Entlassungen aller Art verwandt.

Aber „unterschiedliche Auffassungen“, beispielsweise über die Geschäftspolitik, sind doch wohl eine akzeptierte Entlastung? Jedenfalls präsentieren insbesondere Führungskräfte oft mit erkennbarem Stolz eine solche Formulierung: Das kann ja wohl einmal vorkommen? Kann schon, darf aber nicht. Der nachgeordnete Mitarbeiter auf allen Ebenen gilt nicht vorrangig als gleichberechtigter Diskussionspartner, sondern als ausführender Erfüllungsgehilfe seines Chefs. Zwar hat er nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, eigene Meinungen vorzutragen, eigene Ideen beizusteuern. Aber wenn er damit nicht durchkommt, bleibt ihm nur die kompromisslose Umsetzung gegebener Anweisungen bzw. die Erfüllung ihm gesetzter Ziele. Das („moralische“) Recht zu unterschiedlichen Auffassungen hat er also nicht, die Ausnutzung des juristisch durchaus gegebenen Grundrechts dazu führt zur Entlassung. Und der potenzielle neue Chef, der so etwas im Zeugnis liest, denkt mit Schrecken daran, was ihm mit diesem Bewerber nach Anstellung bevorstehen könnte.

Also seien Sie nicht etwa stolz auf eine solche Formulierung im Zeugnis. Versuchen Sie lieber so zu „funktionieren“, dass Ihr Chef an Ihrer (abweichenden) Meinung keinen Anstoß nimmt.

Kurzantwort:

Es kann überhaupt nicht schaden, sich das unter allen (passenden) Umständen erstrebenswerte Ideal einer abschießenden Zeug­nisformulierung ins Gedächtnis zu rufen: „… scheidet aus auf eigenen Wunsch.“ Nur wenn der Lebenslauf nicht nahtlos anschließend ein neues Arbeitsverhältnis ausweist, ist diese Formulierung kontraproduktiv – wäre der Mitarbeiter doch dann „auf eigenen Wunsch in die Arbeitslosigkeit“ gegangen. Was das Interesse möglicher neuer Arbeitgeber erheblich reduzieren würde.

Frage-Nr.: 271
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-10

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