Heiko Mell

Reicht es nicht, einfach nur ein guter Ingenieur zu sein?

Antwort:

Sie werden diese Frage kennen. Vor allem jüngere Kollegen formulieren so. Vielleicht haben ja auch Sie schon Stoßseufzer dieser Art ausgestoßen. Verstehen könnte ich es.

Die Antwort darauf ist recht einfach: Nein, absolut nicht; ja, es reicht unbedingt. Beides ist irgendwie richtig. Es kommt halt darauf an. Wie so oft im Leben – und hier schlicht auf die Frage, wie Sie „guter Ingenieur“ definieren. Wobei wir einschränkend sagen müssen: Wie immer in dieser Serie geht es um Angestellten-Tätigkeiten.

Werfen wir einen Blick auf die beiden großen Gruppen, die den fraglichen Begriff in der Praxis verwenden:
Da sind zunächst die Betroffenen, also die Ingenieure selbst. Und von denen sind es speziell die jungen, kurz vor oder kurz nach dem Einstieg ins Berufsleben, die einfache, klare Vorstellungen haben: Für sie ist ein guter Ingenieur ein in seinem Bereich der Ingenieurwissenschaften fundiert ausgebildeter Mensch, der dazu passende fachliche Aufgaben überzeugend löst. Viele Professoren werden sie in dieser Auffassung bestätigen.

Die Definition hat einen Nachteil: Sie kommt von einer Gruppe, die zwar eine Meinung haben darf, aber die wesentlichen Entscheidungen auf diesem Gebiet nicht zu treffen hat. Sie ist bloß Anbieter der Leistungen, nicht Käufer.

Letzteres trifft zu auf die andere große Gruppe, die sich in dieser Frage engagiert: die Vorgesetzten von angestellten Ingenieuren (also Arbeitgebervertreter, die über Einstellungen, Beförderungen oder Entlassungen entscheiden). Und für die ist ein guter Ingenieur jemand, der – natürlich – zunächst einmal die Qualifikation mitbringt, um entsprechende fachliche Aufgaben überzeugend zu lösen. Bis dahin ist das deckungsgleich mit der Definition der ersten Gruppe. Aber dann kommt es: Ein guter Ingenieur hat in ihren Augen damit höchstens 50 % seines Prädikats verdient. Dann muss er noch teamfähig sein und sozial kompetent (oder sozialkompetent?), durchsetzungsfähig und mit Blick für das Wesentliche, dynamisch und zum besonderen Engagement bereit, kommunikativ und präsentationsstark. Beispielsweise. „Hakt“ es hier in seinem Qualifikationsprofil, ist der Arbeitgeber des Ingenieurs mit diesem nicht zufrieden; einen entsprechend „unter Verdacht stehenden“ Bewerber stellt er gar nicht erst ein.

Nun ist in einer Marktwirtschaft die Meinung des zahlenden „Käufers“ wichtiger als die des „Kaufgegenstandes“ selbst. Damit gilt eine Definition, die deutlich in Richtung „Fachqualifikation + diverse zusätzliche Eigenschaften und Fähigkeiten“ zielt. Das ist die maßgebende Umschreibung für „gut“, die wir uns alle zu eigen machen müssen.

Das Schöne daran: Wenn wir so weit gekommen sind, gilt tatsächlich, dass es reicht, einfach nur ein guter Ingenieur zu sein! Sie müssen nur die richtigen Leute fragen, wie das gemeint sein muss. „Gut“ ist eben relativ, oder: Das wahre Gute liegt im Auge des Betrachters – sofern der maßgeblich ist.

Kurzantwort:

Sie werden diese Frage kennen. Vor allem jüngere Kollegen formulieren so. Vielleicht haben ja auch Sie schon Stoßseufzer dieser Art ausgestoßen. Verstehen könnte ich es.

Frage-Nr.: 270
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-03

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