Heiko Mell

Das „Schauen-wir-mal“-Konzept

Frage/1: Von Ihnen habe ich in den VDI nachrichten nahezu alles gelesen, was Sie verfasst haben. Genügend Lob haben Sie für die Nützlichkeit Ihrer Beiträge bereits von anderen erhalten. Viele Ihrer Ratschläge habe ich an andere (z. B. Studenten) weitervermittelt.
Ich blicke auf meine berufliche und private „Karriere“ einigermaßen zufrieden zurück. Aber ich habe mich offensichtlich nicht so verhalten, wie Sie stets raten.
In den „Notizen aus der Praxis“ vom 07.02.2014 raten Sie unter anderem, man solle nicht „Technik weit über Umsätze stellen“.

Frage/2: Sie raten weiter, man solle jedoch „sorgfältig, akribisch, detailfreudig, taktisch und strategisch und überhaupt“ planen. Man „plant und plant und plant. Mitunter bis zum Exzess.“
Das habe ich alles nicht getan, eher das Gegenteil.

Antwort:

Antwort/1: So einfach ist es auch wieder nicht. Ich, der 30 Jahre solcher und anderer Diskussionen überlebt hat (und also angemessen vorsichtig ist), schrieb dort: „Ja, dieser (wirtschaftliche Erfolg) ist der Sinn und Zweck des ganzen unternehmerischen Tuns. Das bedeutet, Märkte und Kunden extrem wichtig zu nehmen, ständig in Größen wie Umsätzen, Erträgen, Kosten und Investitionen zu denken. Welche Chancen, es in einem dieser Unternehmen zu etwas zu bringen und dort Karriere zu machen, hat wohl jemand, der wirtschaftliche Zwänge leugnet, Profite hasst, Kunden verachtet, Technik weit über Umsätze stellt und Kosten missachtet …?“

Ich glaube, sehr geehrter Herr Professor, das war eine etwas überzogene Vereinfachung von Ihnen. Auf die von mir gestellte Frage hätte es durchaus eine niederschmetternde Entgegnung gegeben: „Ich denke und handle so, wie Sie es als chancenarm hinstellen und liste Ihnen dennoch beiliegend meine Karriere zum Bereichsleiter bei VW mit 300 unterstellten Mitarbeitern auf. Jawohl, und mein Vorstand kann es ruhig wissen: Ich stelle Technik weit über Umsätze.“ Das hätte mir einen Schlag versetzt. Und dem Vorstand des Konzerns auch.

Sie jedoch waren lt. Lebenslauf nach TH-Studium und Promotion „beratender Ingenieur, ohne Angestellte, allein“ und dann, z. T. damit überschneidend, „Professor an der FH …, Beamter“. Bis zur Pensionierung. Sie legen eine lange, eindrucksvolle Liste Ihrer technischen „Entwicklungen und Konstruktionen“ bei – aber das alles geht doch in eine ganz andere Richtung.

 

Antwort/2: Wieder gilt: So habe ich das nicht gesagt und nicht geraten. Ich schrieb: „Unternehmen planen. Sorgfältig, akribisch … bis zum Exzess.“ Und dann fragte ich: „Welche Art von Mitarbeiter passt nun wohl am besten ins Management eines solchen Unternehmens? Sind es jene, die … bei der Gestaltung der eigenen Karriere planen … oder jene, die … irgendwo ungeplant hineinstolpern, … mal schauen, was dabei herauskommt …?“

Ich beschrieb Unternehmen und fragte, wer vom Typ her da wohl besser hineinpasst – ein ähnlich Denkender oder ein Gegenteil-Typ. Sie sagen: Ich bin ein Gegenteil-Typ. Aber Sie waren ja auch nach Abschluss Ihrer Promotion, also nach Abschluss Ihrer letzten Qualifizierungsphase, nicht als Angestellter und schon gar nicht als Manager in solchen Unternehmen tätig, sondern waren erst selbstständig, dann Beamter. Besser und eindrucksvoller hätten Sie mich und meine Aussage, die stets auf die Angestellten-Karriere mit Schwerpunkt in der Industrie zielt, doch gar nicht bestätigen können – Sie sind der lebende Beweis meiner These.

Die da lautet: Manager vom Typ „schauen wir mal“ passen schlecht in moderne, extrem planungsintensive Unternehmen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2696
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-06-12

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