Heiko Mell

Bildung tut not, expressis verbis

Da schreibt ein Leser „expressis verbis“ und Sie haben ihn freundlicherweise übersetzt. Aufgefallen ist mir, wie subtil Sie Menschen mitteilen können, wie geschwollen sie daherreden. Chapeau, Verzeihung, Hut ab! Machen Sie weiter so, danke.

Übrigens, ich habe das große Latinum, bin aber der Auffassung, dass keine Notwendigkeit besteht, damit zu protzen. Wenn das einzige Gymnasium am Ort ein humanistisches ist, dann kann man nichts dafür. Trotzdem bin ich froh darüber, denn Lateinkenntnisse sind eine gute Grammatik-Grundlage für ein besseres Sprachverständnis und korrektes Deutsch. Dass Orthographie und Sprache bei manchen Mitmenschen zu einer Art Tertiärtugend verkommen sind, macht mich traurig, aber auch hoffnungsvoll: Wer unter Bildung nur eine hohe Qualifikation und berufliche Verwendbarkeit versteht, wird als Fachidiot enden und nie Karriere machen. Bildung kann auch nicht mit Milliarden vom Staat verordnet werden, sondern muss von innen heraus kommen. Bildung ist auch eine Erziehungsaufgabe von klein an.

Antwort:

Meine Überschrift ist ein bisschen holprig, aber dafür schön plakativ.

Übrigens ist das große Latinum auch nicht mehr das, was es früher einmal war. Ich konnte das gut am Kenntnisstand meiner Frau und meiner Söhne ablesen. Ich glaube, man nennt es heute vorsichtshalber meist auch nicht mehr „großes“. Sic transit gloria mundi (So vergeht die Herrlichkeit der Welt).

Nein, ich protze nicht mit meinem Latein, ich habe gar keine solche Schulbildung. Aber ich nutze die Gelegenheit, Sie, liebe Leser, auf eine nicht ganz unwichtige Hürde hinzuweisen:

Es gibt spezielle Fremdwörter, Zitate aus den Werken großer Dichter und eben lateinische Begriffe und kurze Sätze, die werden von diversen einflussreichen Persönlichkeiten zum mehr oder weniger unverzichtbaren Basiswissen eines akademischen Menschen gezählt. Einer Ihrer ranghohen Chefs könnte dazugehören. Ich bin auf solche Menschen schon bei meiner beruflichen Arbeit gestoßen. Und wenn diese Leute merken, dass Sie mehrfach solche Wörter oder Zitate noch nie gehört haben, überhaupt nicht zuordnen können oder gar nicht verstehen, kommen sie zu einem recht kritischen Urteil, in dem beispielsweise das Wort „ungebildet“ vorkommt.

Es kann also ratsam sein, sich von früher Jugend an zumindest ein oberflächliches Grundwissen dieser Art zuzulegen. Das geht – man muss nur jedes Mal nachschlagen, wenn etwas aus dieser Kategorie auftaucht. Dabei gelten folgende Regeln:

1. Dieses oberflächliche Grundwissen sollte nur passiv eingesetzt werden. Sie müssen nichts selbst zitieren und sollten als Nicht-Lateiner auch nie selbst Zitate in dieser Sprache bringen (die Gefahr, sich zu blamieren, ist groß).

2. Wenn der ranghohe und gebildete Gesprächspartner etwas in der Art bringt, zeigt man nicht wie ein Schüler sein Wissen und sagt den deutschen Text oder gibt den zitierten Dichter an. Aber man kann zehn Minuten später lässig einwerfen: „Sie haben vorhin auf die Vergänglichkeit weltlicher Herrlichkeit angespielt. Da fällt mir ein Beispiel ein …“

3. Denken Sie nicht nur an die Meetings im Büro, denken Sie auch an gelegentliche Abendessen mit Partnern. Oder wollen Sie, dass die Chef-Gattin hinterher zu ihrem Gemahl sagt: „Das war also dein Herr Müller, von dem du mir vorgeschwärmt hast. Diesen ungebildeten Kerl kannst du aber nirgends präsentieren.“ Es gibt durchaus Karrieren, die so ihr frühes Ende fanden.

Als Trost: „Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen“ (Goethe, Faust I).

Frage-Nr.: 2667
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-01-23

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