Heiko Mell

Erst das Motiv macht die Geschichte „rund“

Antwort:

Gesucht wird, sagen wir einmal, der Entwicklungsleiter eines mittelständischen Unternehmens mit 500 Mitarbeitern der Branche A am Ort B. Es bewirbt sich jemand, der heute Entwicklungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen mit 500 Mitarbeitern jener Branche A ist, aber vom weit entfernten Ort C kommt.

Der Kandidat schildert in seiner Zuschrift seinen Werdegang und seine heutigen Aufgaben, macht seine Qualifikation deutlich, nennt vielleicht sogar noch heutiges Gehalt und Kündigungsfrist.

Nun soll aber die Bewerbung mindestens zwei Fragen beantworten:

a) Ist der Absender im Sinne der Anforderungen qualifiziert?

b) Was will er hier, warum will er wechseln, was erwartet er: Welches Problem will er mit der Bewerbung lösen?

Die Frage a ist hier absolut befriedigend beantwortet. Bleibt b. Dieser Aspekt ist dem potenziellen neuen Arbeitgeber keineswegs gleichgültig! Es gibt mehrere Ansatzpunkte, aus denen heraus im Verlauf des Bewerbungs- und Einstellprozesses hier Probleme entstehen könnten – und an die alle denkt der Bewerbungsleser spontan:

 

1. Vielleicht meint der Kandidat es gar nicht ernst mit seiner Bewerbung und testet nur einmal, ob – beispielsweise – andere Firmen bereit sind, für seinen Job mehr zu bezahlen. Solche Leute erscheinen dann gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch, möchten Termine möglichst am Sonntag (bloß deshalb keinen Urlaub vergeuden) u. ä. m. Hintergrund: Die Bewerbung um eine der heutigen absolut vergleichbare Position ist ja kein direkt logischer Schritt.

 

2. Kandidaten dieser Art merken oft die hohe Übereinstimmung der zu besetzenden mit ihrer heutigen Position erst im Gespräch – und ziehen dann ihre Bewerbung zurück („außer Spesen nichts gewesen“).

 

3. Manche treiben es bis zur Vertragsvorlage, merken dann, dass eigentlich kein rechter Fortschritt mit der neuen Position verbunden ist und unterschreiben nicht.

 

4. Was der Himmel verhüten möge, aber nicht immer schafft: Das könnte ein Kandidat sein, der erst Monate nach Dienstantritt solche Überlegungen anstellt, dann frustriert ist und schließlich wieder geht.Die Lösung: Der Bewerber schreibt, was ihn treibt, motiviert oder was auch immer. Dann versteht man die Gesamtsituation besser.

Beispiel: „Durch drohende Fusion mit einem anderen Unternehmen unserer Branche ist meine Position stark gefährdet.“ Dann ist klar: Sein heutiger Job ist schon weg oder doch gefährdet – da ist der „Tausch“ mit einem neuen, nicht gefährdeten schon ein toller Fortschritt.

Oder er gibt zu: „Aus persönlichen Gründen (meine Schwiegereltern wohnen in der Region … und werden zunehmend pflegebedürftig, von unserem heutigen Wohnsitz aus kann meine Frau diese Aufgabe nicht vernünftig wahrnehmen) wird ein Wohnortwechsel angestrebt.“ Das versteht man auch. Zwar gilt der Grundsatz: Kein Arbeitgeberwechsel aus persönlichen Gründen – aber der gilt vor allem für Sie; den Arbeitgeber freut es, wenn es seinen Zwecken nützt und seinen Interessen nicht schadet.

Oder der Bewerber ist 52. Dann weiß jeder, dass er gute Gründe haben muss, „nur so“ tut man es in diesem Alter nicht mehr.

Kurzantwort:

Gesucht wird, sagen wir einmal, der Entwicklungsleiter eines mittelständischen Unternehmens mit 500 Mitarbeitern der Branche A am Ort B. Es bewirbt sich jemand, der heute Entwicklungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen mit 500 Mitarbeitern jener Branche A ist, aber vom weit entfernten Ort C kommt.

Frage-Nr.: 266
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-01-11

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