Heiko Mell

Bei Rücksendung: Mappe geknickt und unbrauchbar

Antwort:

Vor allem Berufseinsteiger beschweren sich, dass sie im Falle einer Absage ihre Unterlagen in einem Zustand zurückbekommen, der eine weitere Verwendung ausschließt. Bevor sich die Betroffenen in nutzlosen Wutausbrüchen verschleißen, will ich versuchen, durch Aufklärung zu helfen:

 

1. „Bewerbung“ ist keine spezielle Bezeichnung für die Bemühungen des Berufsanfängers um eine Einstiegsposition! Das gehört zwar auch dazu, ist aber nur ein Teilaspekt, noch nicht einmal ein besonders wichtiger (aus gesamtwirtschaftlicher Sicht gesehen). In den fast 40 Jahren eines durchschnittlichen Berufslebens bewirbt man sich in der Regel mehrfach – drei verschiedene Arbeitgeber sind sehr häufig, deutlich mehr kommen durchaus vor, manche Menschen bringen es auf acht oder sogar zehn.

Alles, was mit dem Prozess „Bewerbung“ zusammenhängt, alle Regeln und Gepflogenheiten sind auf den Durchschnittsfall der Bewerbung eines bereits berufstätigen Menschen zugeschnitten. Der Berufseinsteiger stellt nur einen Sonderfall in dieser großen Menge täglich zirkulierender Bewerbungen dar. Dessen muss er sich bewusst sein – und versuchen, so gut wie irgend möglich mit dem Standardverfahren zurechtzukommen.

 

2. Standard ist, dass sich ein berufstätiger, Geld verdienender Akademiker aus ungekündigter Position bewirbt. Für den sollten die Sachkosten, die mit Bewerbungen verbunden sind, unerheblich sein.

 

3. Ausgedruckte Anschreiben und Fotokopien von sonstigen Unterlagen sind absolut keine Wertgegenstände, an deren Wiederverwendung gedacht ist.

Bleiben a) die Fotos. Wenn die zwar unverlierbar, aber lösbar aufgeklebt werden, überstehen sie mehrere Einsätze.

Bleiben b) die Mappen.

Warum lassen sich so viele Bewerber im Schreibwarenhandel auch die teuren, unpraktischen und empfindlichen Papp-Kreationen aufschwatzen? Die kann sich ein Student gar nicht in genügend großer Anzahl leisten. Ich empfehle seit Jahren die üblichen schmiegsamen Plastikordner zum Klemmen oder Heften. Die sehen anständig aus, vertragen einen Knuff und sind für den lesenden Entscheidungsträger viel praktischer und angenehmer im Ge­brauch. Sie werden im Großhandel (Studenten sind findig) für ca. 22 Cent angeboten, etwas bessere (stabilere) für 41 Cent (inkl. der Mehrwertsteuer vor der großen Erhöhungswelle von 2007). Die reichen völlig. Und: Ein Profi, der sich von einer elegant aussehenden Mappe über den dümmsten Inhalt hinwegtrösten lässt, ist kaum vorstellbar. Die Mappe „hebt“ nie, sie kann, so sie schmutzig oder zerknittert ist, die Bewertung höchstens „herunterdrücken“ (man kann also zwar damit etwas verlieren, aber nichts gewinnen).

 

4. Nur 10 % aller Bewerbungen haben in den Augen des Empfängers eine ernstzunehmende Qualifikation. Das reduziert generell den Respekt, den man in den Unternehmen innerhalb des hektischen Tagesgeschäfts Bewerbern entgegenbringt. Die Personalabteilungen gehen noch professionell damit um, aber nach dem Weiterleiten an die Fachabteilungen sind Ihre Unterlagen etwa dort, wo Karl May das „wilde Kurdistan“ vermutete. Das ist einfach so.

 

5. Bewerber, die vom Arbeitgeber XY eingestellt wurden, sind mit der Behandlung (ihrer Person wie ihrer Unterlagen) durch dieses Unternehmen meist hochzufrieden. Absagen sind – wie alles, was man als „Niederlage“ empfindet – schwerer gelassen wegzustecken.

Kurzantwort:

Vor allem Berufseinsteiger beschweren sich, dass sie im Falle einer Absage ihre Unterlagen in einem Zustand zurückbekommen, der eine weitere Verwendung ausschließt. Bevor sich die Betroffenen in nutzlosen Wutausbrüchen verschleißen, will ich versuchen, durch Aufklärung zu helfen:

Frage-Nr.: 264
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-12-18

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