Heiko Mell

Die Tatwaffe des „Gutmenschen“: Das gute Gespräch

Antwort:

Es könnte ja sein, dass Sie Mitarbeiter führen müssen oder dürfen – die Definition überlasse ich Ihnen. Und es ist ganz bestimmt so, dass Sie selbst geführt werden. In beiden Fällen könnten Sie zu denen gehören, die von diesem Phänomen betroffen sind.Die Geschichte beginnt mit dem – auf welcher Ebene auch immer angesiedelten – Mitarbeiter Tunichtgut. Der erregt das Missfallen seines Chefs. Beispielsweise indem er zu langsam arbeitet, unpünktlich ist, zu wenig Einsatz zeigt, nicht genügend Überstunden leistet oder was auch immer. Vielleicht ist er auch zu destruktiv, widerspricht immer, ist gegen alles. Seien Sie versichert: Niemand ist völlig perfekt in den Augen seines Vorgesetzten, irgendetwas ließe sich nach dessen Bewertung immer verbessern.

Nun sind Chefs, ich weise vorsichtshalber darauf hin, eigentlich sehr (eigentlich sogar viel zu) zurückhaltend mit Kritik: Nur wenige Mitarbeiter dürfen sich schmeicheln, ziemlich genau zu wissen, was der Vorgesetzte an ihnen auszusetzen hat, aber das ist ein anderes Thema.

Tunichtgut jedoch hat es übertrieben. Sein Chef beschließt: Das Maß ist voll, es muss etwas geschehen. Er hat sich einen Rest von Idealismus bewahrt und glaubt noch immer an das Gute im Menschen. Er beschließt zu handeln. Sein Instrument: das „gute Gespräch“.

Dazu nimmt er sich Zeit. Dann erklärt er seinen Standpunkt, hört sich geduldig die – unvermeidlichen – Gegenreden von Tunichtgut an. Der Chef argumentiert, empfiehlt, regt an, begründet, bittet sogar. Er kann nicht anders: Das Gespräch, wenn es nur richtig geführt ist, muss doch beim Gegenüber sofort zur Verhaltensänderung führen! Tunichtgut muss einfach einsehen, dass … – und dann wird vielleicht nicht ab morgen alles gut, aber doch schon vieles besser.

Erschöpft, aber irgendwie auch glücklich, lehnt sich der Chef zurück – er hat das Seine getan. Was in Tunichtgut vorgeht, weiß man nicht.

Zunächst die Erfolgsbilanz des „guten Gesprächs“. Was geschieht in den nächsten drei Wochen auf Tunichtguts Seite? Seien Sie versichert: nichts, jedenfalls keine Wendung zum Besseren. Warum das so ist? Fragen Sie jenen Tunichtgut in uns allen.

Daher ist das gute, einfühlsame, anteilneh­mende Gespräch fast immer ein untaugliches Instrument. Und kein Angestellter darf sich wundern, wenn er auf Vorgesetzte trifft, die das schon wissen und sich im Ernstfall auf zwei oder drei knallharte Sätze beschränken, verbunden mit der handfesten Ankündigung, mit Konsequenzen sei ansonsten zu rechnen. Ob das besser hilft? Nun, es spart in jedem Falle Zeit und emotionalen Aufwand.

Und die Tunichtguts, die ich gelegentlich traf? Sie schworen, man habe ihnen gekündigt und sie wüssten nicht einmal andeutungsweise, warum. Sie dürften Chefs gehabt haben, die ihre Phase der „guten Gespräche“ schon hinter sich hatten und nur noch zur „großen Keule“ griffen, wenn ihnen etwas auf Dauer missfiel. Das ist im Sinne einer modernen Führung nicht richtig, aus der Sicht dieser Chefs aber effizient. Denn „mit denen zu reden nützt ja doch nichts“. Wir haben es in der Hand, hier etwas zu bewegen. Indem wir jemandem ein Erfolgserlebnis bescheren, der sich als Chef oder Kunde zum „guten Gespräch“ mit uns entschließt. Denn ändern kann man sich immer. Die Frage ist nur, ob man es auch will.

Kurzantwort:

Es könnte ja sein, dass Sie Mitarbeiter führen müssen oder dürfen – die Definition überlasse ich Ihnen. Und es ist ganz bestimmt so, dass Sie selbst geführt werden. In beiden Fällen könnten Sie zu denen gehören, die von diesem Phänomen betroffen sind.

Frage-Nr.: 263
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-12-11

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