Heiko Mell

Sensibilitäts-Kompetenz

Antwort:

Haben Sie dieselbe? Seien Sie ganz beruhigt: können Sie auch (noch) nicht, diese Art von Kompetenz habe ich gerade erst „erfunden“. Wer würde denn schon einen Artikel lesen unter der Überschrift: Seien Sie sensibel. Obwohl ich eben dieses meine. Wobei von den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs die „feinfühlige“ gemeint ist.

Sensibel nämlich sind die meisten Menschen nicht. Nicht einmal, wenn es um ihre berufliche Existenz geht: Bevor sie merken, was der Vorgesetzte an ihnen auszusetzen hat, sind viele bereits gefeuert worden. Und möchten schwören, sie wüssten nicht, warum. Meine Analyse ergibt jedoch: weil sie nicht sensibel sind, mehr oder minder zarte Andeutungen nicht aufnehmen, auf Zeichen nicht reagieren. Sie sehen keine Ampel am Straßenrand, die mit unaufdringlich-zartem Gelb signalisiert, dass Bremsen angesagt ist, sie scheinen erst bei Barrikaden mitten auf ihrer Spur zu reagieren.

Jetzt möchten Sie ein konkretes Beispiel aus unserem Themenbereich: Bewerber rufen an, wenn sie ein Stellenangebot gelesen haben. Sie tun das nicht nur leidenschaftlich gern, sie begründen das auch: „Ich möchte Ihnen unnötige Arbeit ersparen, indem ich Ihnen etwas über mich erzähle. Dann können Sie beurteilen, ob sich eine Bewerbung überhaupt lohnt. Ist das nicht der Fall, müssen Sie eine Zuschrift weniger lesen.“

Greifen wir einen von ihnen heraus, der für alle stehen kann: Er erzählt nun, so ab Schul-ende vorwärts. Als wir viele Minuten später auch die heutige Position gestreift haben, erkenne ich, dass die hier so wichtigen speziellen Branchenerfahrungen gar nicht vorliegen. Ich rate ab. Er diskutiert. So wichtig sei das doch alles nicht. Außerdem habe er die anderen Branchen kennen gelernt, da werde er auch diese … Ich rate immer noch ab. Er verweist auf „Nebenkriegsschauplätze“, auf denen er doch aber überzeugend qualifiziert sei. Ich rate immer noch ab, diesmal entschiedener. Die Diskussion gleitet ab, wir sind jetzt bei dem Drama der ewig falschen Bewertungsmaßstäbe. Ich bedauere diese pflichtgemäß, rate weiterhin ab und setze mich endlich durch.

Der „Sieg“ hat mich sieben Minuten am Telefon gekostet. Das Lesen einer als ungeeignet einzustufenden Bewerbung kostet ohne Vor- und Nachbereitung etwa zwanzig Sekunden. Auch andere Profis sind auf die Lösung des Problems gekommen: Nicht ab-, sondern zuraten am Telefon. Das kostet eine Minute und macht den Anrufer glücklich. Plus jene zwanzig Sekunden fürs spätere Lesen reduziert das meinen Aufwand auf etwa ein Fünftel. Der Bewerber hingegen hat nun die Mühe des vergeblichen Schreibens.

Vielleicht haben die Chefs der so „überraschend“ Gekündigten auch genug davon gehabt, den Mitarbeitern in vorsichtiger Form ihre Meinung zu fachlichem Tun und persönlichem Handeln nahe zu bringen. Und haben beschlossen: Schluss ist mit zarten Andeutungen, jetzt wird gehandelt.

Es wird noch so weit kommen, dass ich diese Chefs verstehe. Und vielleicht sollten wir neben der sozialen tatsächlich auch die Sensibilitäts-Kompetenz fordern. Bei der wüssten wir wenigstens genau, was gemeint ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 26
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-05-26

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