Heiko Mell

An den „Perspektiven“ gescheitert

Antwort:

Wer möchte schon seinen Einstiegsjob direkt nach dem Studium oder gar nach der Promotion bis zur Pensionierung ausüben? Bei manchen Akademikern ergibt sich so etwas zwar letztendlich – aber verlangt wird so viel „Sitzfleisch“ niemals. Im Gegenteil, wer als Bewerber ein entsprechendes Ansinnen äußerte, würde mit allen Anzeichen des Entsetzens wieder nach Hause geschickt. Also sind Wünsche im Hinblick auf spätere Veränderungen des Aufgabengebietes, auf mehr Verantwortung, auf Übernahme von Personalführung, auf ein allgemeines „Besser-Größer-Schöner-Mehr“ im Verlauf der Tätigkeit erlaubt oder vielleicht sogar erwünscht? Darauf gibt es ein klares Ja.

Nun die scheinbar so logische Konsequenz: Wenn ich als Bewerber ohne jeglichen weiteren Ehrgeiz die Disqualifizierung riskiere und wenn Kandidaten mit Ehrgeiz gesucht sind – dann ist es doch sicher vernünftig, von Anfang an deutlich zu machen, dass ich zwar jetzt mit diesen Aufgaben anzufangen bereit bin, aber von Stund an nach „Perspektiven“ suche. „Wann geht es wie wohin weiter?“ – das bietet sich doch als Kernfrage geradezu an. Richtig? Darauf nun gibt es ein ebenso klares Nein!

Ich kann das zuspitzen: Wer erkennen lässt, dass ihm der Einstiegsjob bis zur Pensionierung reicht, hat keine Chance – und wer sofort und intensiv nach „Perspektiven“ fragt, riskiert ebenso die Absage.

Natürlich ahnen Sie, dass die Lösung irgendwo dazwischen liegt, nicht „schwarz“ lautet und auch nicht „weiß“, sondern – wie so oft im Leben – „grau“. Jetzt muss ich das nur noch begründen:
Abgesehen vom Sonderfall „Traineepro­gramm“ steht hinter jeder offenen Stelle ein Vorgesetzter, der ein Höchstmaß an Leistung für seine eingesetzten Kosten sehen will. Er stellt einen neuen Mitarbeiter ein, damit der diese hier und jetzt anstehende Aufgabe löst. Und das für allermindestens zwei, besser drei bis fünf Jahre! Und danach? Über mehr als zwei Jahre hinaus plant die Industrie im personellen Bereich schon lange nicht mehr. Und der Abteilungsleiter denkt: „In fünf Jahren bin ich befördert worden oder hier weg, mein Arbeitgeber wurde bis dahin verkauft oder zumindest organisatorisch auf den Kopf gestellt. Was dann sein wird, steht in den Sternen. Aber bis dahin will ich Leistung und vollen Einsatz auf dieser Position.“

Und der Typ des idealen Mitarbeiters dafür? Der erklärt, dass er diesen Job, so wie er jetzt ist, als „Traumposition“ sieht – und dass er hochmotiviert tun will und interessant findet, was jetzt dort ansteht. Nach weiteren Plänen gefragt, äußert er bescheiden, er habe schon den Ehrgeiz, „später“ (viel später) mehr Verantwortung zu übernehmen – wenn er sich in dieser „spannenden“ Position bewährt habe. Aber darum gehe es jetzt erst einmal nicht, es gehe um genau diesen hier diskutierten Job! Das macht dem Vorgesetzten Freude. Weniger schön wäre: „Guten Morgen, danke für die Einladung. Wissen Sie, die Aufgabe, um die es hier geht, in Ehren – aber wie steht es mit Perspektiven?“

Übrigens gilt das auch noch für die zweite und dritte Position nach dem Studium. Bis sich so mit Ende 40 das Thema von selbst erledigt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 259
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-11-04

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