Heiko Mell

Der Chef versteht Sie anders

Dass nicht immer jeder sagt, was er auch meint, gehört zum Standardwissen. Hochinteressant aber ist die Frage, wie der Zuhörer das Gesagte interpretiert. Gerade im Vorstellungsgespräch wird er seine Auswertung schön für sich behalten – und der Kandidat erfährt nie, was er angerichtet hat.Nehmen wir einmal an, Sie bauen ein Haus. Als Bauherr, mit Architekt. Und letzterer sagt im Auftragsgespräch: „Falls der Rohbau unmittelbar nach Fertigstellung zusammenstürzt, …“ Was dann kommt, ist gar nicht mehr so wichtig. Entscheidend ist, dass dieser Mann es immerhin für möglich hält, seine Konstruktionen könnten sich als Versager erweisen. Keine Frage: Damit empfiehlt er sich nicht gerade als Partner Ihres Vertrauens.

Jetzt aber sind Sie Kandidat in einem Vor­stellungsgespräch. So wie der Architekt seinen Auftrag will, so wollen Sie Ihren Arbeitsvertrag. Sie sind berufserfahren, haben etwas vorzuweisen, sind ausgewiesener Fachmann Ihres Metiers, noch dazu stehen Sie in ungekündigtem Arbeitsverhältnis. Sie qualifizieren sich, erhalten einen Vertragsentwurf – und nehmen Anstoß an einer Probezeit mit der üblichen kurzen Kündigungsfrist (und vereinfachter Kündigungsmöglichkeit). Das bedeutet eine Verschlechterung gegenüber Ihrem heutigen Status und ist für die ersten sechs Monate im neuen Job ein ziemlich hohes Risiko. Bei dieser Einschätzung stimmt Ihnen jeder Stammtisch zu. Und er äußert auch breites Verständnis für Ihre Ankündigung, sich diese „Zumutung“ nicht bieten lassen zu wollen: „Ich werde sehr nachdrücklich darauf hinwirken, dass dieser Passus gestrichen wird.“

Damit gehen Sie dann zu Ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber, zählen dort Ihre guten Gründe auf, verweisen auf das unzumutbar große Risiko und bitten, man möge auf die Probezeit verzichten. So weit, so gut. In den Augen der Entscheidungsträger dort aber sagen Sie damit:“Ich habe Angst, ich könnte hier scheitern. Vielleicht arbeite ich nicht so, dass Sie mit mir zufrieden sind, vielleicht vertragen wir uns ja auch menschlich nicht. In dem Fall möchten Sie mich dann loswerden. Für mich ist es wünschenswert, Ihnen das so schwer und so teuer wie möglich zu machen.“ Finden Sie, dass dies eine Empfehlung wäre? Stellt man einen Bewerber ein, der so denkt? Seien Sie versichert: Genau so interpretiert man Ihre Bedenken – ein Nebeneffekt, an den Sie vermutlich gar nicht gedacht haben!

Und die andere Seite der Medaille, die in einer Probezeit liegt? Schließlich könnte der potenzielle Arbeitgeber Sie ja auch aus Bosheit, Willkür oder wegen erblich bedingter Sprunghaftigkeit mit vierwöchiger Frist entlassen. Im Prinzip ja, in der Praxis jedoch würden Ihre Gesprächspartner das kategorisch ausschließen oder Ihnen bei einer Diskussion über diesen Punkt nicht einmal zuhören. Nein, es bleibt nur: „Ich habe Angst zu versagen.“ Und das empfiehlt Sie nicht!

In diesem Beitrag ist die Probezeit nur ein beliebiges Beispiel. Es geht um das, was Sie mit nicht zu Ende durchdachten Äußerungen anrichten, wenn Sie Nebenwirkungen nicht beachten. So erzählen Sie: „Ich wurde dort gemobbt“ – und drücken aus: „Ich bin jemand, der alle anderen gegen sich aufbringt und nicht harmonisch mit Chefs und Kollegen arbeiten kann.“ Und „Ich bin unterbezahlt“ heißt: „Mein Chef glaubt nicht, dass ich mehr wert bin. Ich habe mich dieser Meinung bisher auch angeschlossen – sonst wäre ich ja schon vor drei Jahren gegangen.“

Frage-Nr.: 258
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-28

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