Heiko Mell

Basiswissen

Antwort:

Ich habe schon vor Jahren in dieser Rubrik geschrieben, dass ich die Produktivitätsreserve im Management unserer Unternehmen auf etwa 80 % schätze. Immer wieder einmal an die Öffentlichkeit gelangende „Geschichten“ aus großen und größeren Konzernen bestätigen mich mehr als dass sie mich widerlegten.

Und doch muss ich mir vorwerfen, diesen Gedanken nicht zu Ende gedacht zu haben. Dabei liegt doch eigentlich eine Konsequenz auf der Hand: Wenn meine Annahme für das Management auch nur teilweise stimmt – wie groß muss dann wohl erst die Reserve bei den Mitarbeitern der Hierarchieebenen unterhalb der Führungskräfte sein?

So langsam dämmert es mir: Sie ist gewaltig! Und zwar liegt sie gar nicht so sehr im täglichen Tun am Arbeitsplatz – da haben viel zu viele intelligente Prozessoptimierer, Organisatoren und Systemanalytiker sowie natürlich fachkundige Vorgesetzte für halbwegs geregelte Abläufe Sorge zu tragen (schön mit Betonung auf halbwegs, aber doch immerhin). Nein, die enormen Verluste, auf denen diese Produktivitätsreserve beruht, liegen in den Bereichen „Grundwissen über die Berufswelt“, „Wissen darüber, was ich will“, „Setzen vernünftiger Prioritäten“, „Kenntnis meiner eigenen Stärken und Schwächen“.

Und damit wir, liebe Leser, uns so richtig wohlig zurücklehnen und uns völlig unbefangen mit dem Thema befassen können, will ich schnell erklären, dass hier ausnahmsweise die Ebenen unterhalb der akademischen Bildung betroffen sind, also beispielsweise Menschen mit Lehre etc. Natürlich kenne ich die nicht alle, vielleicht ist mir nicht einmal ein repräsentativer Querschnitt vertraut. Aber anlässlich einer Beratungsaktion habe ich gerade Einblicke gewonnen, bei denen ich leider davon ausgehen muss, dass sie in weiten Teilen repräsentativ sind:
Junge Menschen nach dem Schulabschluss haben nicht nur keine oder unpräzise, sondern absolut chaotische, nicht zueinander passende und auf der Skala menschlicher Begabungen extrem weit auseinander liegende Berufswünsche. Dass eine einzige Person „Pilot oder Maskenbildner oder Computerspezialist“ als Ziel der Ausbildung nennt, scheint völlig normal zu sein. In der Praxis spielen diese drei Berufsvertreter kaum jemals Skat miteinander.

Wer einen Lehrabschluss mit „ausreichendem“ Gesamtresultat einschließlich zweier mangelhafter Noten hat, ist imstande, sich danach um eine höchst anspruchsvolle, viel mehr fordernde Weiterbildung zu bewerben. Das ist als würde ein Fußballer sagen: „Wenn ich in der Kreisklasse keine Tore schieße, probiere ich es eben in der Nationalmannschaft.“Besonders beeindruckt hat mich ein Programmierer mit durchweg guten Arbeitszeugnissen, der – egal wohin – nur „weg vom beruflichen Arbeiten mit dem Computer“ wollte. Auf meine etwas verblüffte Frage nach dem Grund: „Der PC frisst mich auf, beherrscht mich langsam.“ Na schön, fast hätte ich verstanden. Dann aber kam der Nachsatz: „Weil ich mich ja auch in der Freizeit nur damit beschäftige.“ Eigentlich klar: Weil der Beruf nicht zum Hobby passt, muss er radikal geändert werden, Begabung oder Existenzsicherung hin oder her. Mein Lösungsvorschlag, sich ein anderes Hobby zu suchen, etwa Radfahren oder Mädels oder Radfahren mit Mädels wurde nicht einmal verworfen, sondern mit unendlicher Verblüffung tatsächlich erwogen. Muss da erst ein Fremder kommen, um solche Banalitäten ins Gespräch zu bringen?

Wenn man Beobachtungen dieser Art auf die gesamte arbeitende Bevölkerung hochrechnet, bekommt man eine Vorstellung von der Dimension der Probleme: Es findet eine gewaltige Verschleuderung von personellen Ressourcen statt, weil die Betroffenen ungeheure Fehler begehen, zeitaufwändigen Umwegen nachhängen, sich mit Ideen beschäftigen, die keinerlei Chance auf Realisierung haben. Laufbahnen enden in Sackgassen oder gar in der Arbeitslosigkeit – es ist als hätte man Fahrschüler ohne weitere Schulung in die Formel I übernommen und ließe sie dort allein.

Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Die Informationen liegen auf der Straße. Aber viele Menschen haben offensichtlich nicht einmal gelernt, sie aufzuheben.

Ich glaube, dass wir alle, auch jeder von Ihnen, aufgerufen sind, unser jeweiliges Wissen über diese Zusammenhänge bei jeder sich bietenden Gelegenheit an die Menschen in unserer Umgebung zu vermitteln. Und obwohl ich sonst bewusst zurückhaltend bin mit allgemeinen Verbesserungsvorschlägen: Vielleicht brauchen wir ein durchgängiges Schulfach „Berufskunde“.

Ich glaube auch, dass dieses Land seinen ja so heiß ersehnten Ruck nach vorn machen könnte, gelänge es auf diesem Wege, wenigstens einen Teil der schlummernden Produktivitätsreserven zu erschließen.

PS. Sollten Sie meine Schilderung unglaubwürdig finden: Hören Sie sich einmal gezielt im Bekanntenkreis um, reden Sie mit jungen Leuten über ihr Verhältnis zum Beruf, lassen Sie sich Probleme, Wünsche und Ziele schildern. Und dann urteilen Sie selbst.

Kurzantwort:

Ich habe schon vor Jahren in dieser Rubrik geschrieben, dass ich die Produktivitätsreserve im Management unserer Unternehmen auf etwa 80 % schätze. Immer wieder einmal an die Öffentlichkeit gelangende „Geschichten“ aus großen und größeren Konzernen bestätigen mich mehr als dass sie mich widerlegten.

Frage-Nr.: 257
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-21

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