Heiko Mell

Wer die Macht hat, will auch Recht haben

Antwort:

Wenn Sie als Bewerber im Vorstellungsgespräch sitzen, dann haben Sie auf der anderen Seite des Tisches einen Partner, der letztlich über den Erfolg Ihrer Bemühungen entscheidet. Er hat die Macht, Ihnen den Job zu geben oder auch nicht.

Ihm kommt das übrigens gar nicht so vor. In seinen Augen entscheidet er keineswegs souverän über Sein oder Nichtsein eines Bewerbers – nicht einmal auf die Idee, das so zu definieren, kommt er. Für ihn ist das im Regelfall keine Entscheidung, die er da trifft, aus seiner Sicht vollzieht er nur, was sich ihm geradezu aufdrängt: „Ich habe nicht entschieden, dass dieser Kandidat ungeeignet ist, ich habe es gesehen – und diese Erkenntnis dann bloß noch umgesetzt.“ Das gilt auch im positiven Fall. Dort hat er dann schlicht „gesehen“, dass dieser Bewerber gut in die personelle Lücke passt.

Daraus folgt: Sie als Bewerber müssen ihm „nur“ ein Bild von sich liefern, das er als positiv empfindet – mehr braucht es gar nicht. Da das nun nicht immer ganz einfach ist, fangen wir einen Schwierigkeitsgrad darunter an: Geben Sie ihm zumindest kein negatives Bild. Und eine Kernregel dabei lautet: Widersprechen Sie ihm nicht unnötig. Aber natürlich sollen Sie auch als Persönlichkeit überzeugen, die einen eigenen Standpunkt und eine eigene Meinung hat, Ja-Sager sind nicht gefragt und gelten als rückgratlos.

Die Lösung: Verpacken Sie Ihre Sicht der Dinge in Zustimmung. Das sieht nur aus wie die Quadratur des Kreises, ist aber machbar. Ein Beispiel:
Der Entscheider E fragt Sie, den Bewerber B: „Meinen Sie nicht, Sie haben etwas arg lange studiert?“

Daraus können Sie entnehmen: E denkt felsenfest, Sie hätten zu lange gebraucht. Davon wird er weder für Geld noch für gute Worte abgehen. Er glaubt nicht, Sie hätten – er weiß es! Was nun?Sie könnten sagen: „Das stimmt. Ich bin unfähig. Ein Wurm.“ Das bringt wenig, da niemand Würmer einstellt.

Sie könnten sagen: „Nein, das kann ich so nicht akzeptieren. Weil …“ Was immer Sie sagen, taugt nichts. Er weiß, was er weiß und Sie setzen dagegen. „Der wird mir auch später ständig widersprechen und eine überlegene Meinung (nämlich meine) nie anerkennen. Schließlich behauptet er noch, dass ich das falsch beurteile. Falsch. Ich. Ha!“Sie könnten ihm aber klug entgegenkommen: „Ich stimme Ihnen völlig zu, genau so sieht es leider aus. Und auch mir wäre wohler, wenn ich vier Semester weniger im Lebenslauf stehen hätte.“ Jetzt lehnt sich E entspannt zurück. Sie haben ihm Recht gegeben, seine Auffassung bestätigt. Das ist doch schon einmal ein positiver Anfang! Jetzt haben Sie Boden gut gemacht, aber immer noch das Problem mit Ihren zu vielen Semestern „am Hals“. Und „Wurm“ wollten Sie auch nicht sein. Also kommt jetzt Ihr Part, schön nach dem „Ja, aber-Prinzip“: „Bei mir gab es damals ganz spezielle Gründe …“

Dann haben Sie sich gerechtfertigt und er hat das Gefühl, Sie hätten ihm zugestimmt: Beide sind glücklich.Das funktioniert auch bei der Behauptung von B, Ihr Arbeitgeberzeugnis von Müller & Sohn sei miserabel und bei seinem Hinweis, Sie hätten 1998 liebes dieses und jenes machen sollten („Aus heutiger Sicht stimme ich Ihnen absolut zu. Damals jedoch war ich …“).

Sie erkennen aus seiner Frage/Bemerkung, was er denkt und treten ihm nicht frontal entgegen, sondern weichen erst einmal elastisch zurück. Dann kommen Sie aus der Deckung heraus wieder nach vorn – und machen den Eindruck eines klugen, abgewogen urteilenden, vernünftigen Menschen.

Ach und auch in der Behandlung Ihres jeweiligen Chefs lässt sich das Verfahren gut anwenden. Und bei Kunden. Und gelegentlich bei sehr kritischen Leserbriefschreibern, wenn man Autor ist. Sogar bei Ehepartnern, die völlig verblüfft reagieren, wenn man ihren vorwurfsvollen Angriff erst einmal stoppt mit: „Du hat absolut Recht, mein Schatz.“ Probieren Sie es einmal aus. Vergessen Sie nur die zweite Phase nicht, die dann mit „aber“ beginnt. Denn „Wurm“ wollen Sie auch dort nicht sein (hoffe ich jedenfalls).

Kurzantwort:

Wenn Sie als Bewerber im Vorstellungsgespräch sitzen, dann haben Sie auf der anderen Seite des Tisches einen Partner, der letztlich über den Erfolg Ihrer Bemühungen entscheidet. Er hat die Macht, Ihnen den Job zu geben oder auch nicht.

Frage-Nr.: 255
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-07

Top Stellenangebote

Fachhochschule Münster-Firmenlogo
Fachhochschule Münster Professur für Digitale Produktion und Informatik Münster
Fachhochschule Münster-Firmenlogo
Fachhochschule Münster Professur für Fahrzeugentwicklung und Informatik im Fachbereich Maschinenbau Münster
Deutsche Rentenversicherung Bund-Firmenlogo
Deutsche Rentenversicherung Bund Diplom-Ingenieur/in (FH)/Bachelor (m/w/div) Berlin
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten Professur (W2) Geschäftsentwicklung und Vertrieb Kempten
Duale Hochschule Gera-Eisenach-Firmenlogo
Duale Hochschule Gera-Eisenach Professur für Softwaretechnik (m/w/d) Gera
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Stiftungsprofessur (W2) Wasserinfrastruktur Hof
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Embedded Software Entwickler (m/w/d) Berlin
Hays AG-Firmenlogo
Hays AG Senior Project Engineer (m/w/d) München
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover-Firmenlogo
Fakultät für Maschinenbau Leibniz Universität Hannover Universitätsprofessur (m/w/d) W3 für Sensorsysteme der Produktionstechnik Garbsen
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Professur (W2) Immissionsschutz (w/m/d) Schwerpunkt Luftreinhaltung Bingen am Rhein
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: N…