Heiko Mell

Fachliches contra Persönlichkeit

Antwort:

Die größte Hürde bei der Besetzung einer offene Position ist keineswegs etwa der Personalleiter mit vielleicht überzogenen Vorstellungen hinsichtlich Examensnoten, Auslandspraktika, Dienstzeiten pro Arbeitgeber und Qualität der Firmenzeugnisse. Mit diesem HR-Spezialisten kann man in der Regel ganz offen über alle Aspekte der Bewerbersuche reden.

Nein, die besonders „engen“ Vorstellungen über den idealen Bewerber kommen von den künftigen Fachvorgesetzten – und die haben in diesem Prozess das entscheidende Wort. Was sie wollen, ist klar: Das fachliche Profil des Kandidaten soll gefälligst deckungsgleich sein mit dem künftigen Aufgabengebiet. Konkret: Er soll das, was da zu tun ist, in den letzten Jahren gemacht haben – in dieser Branche, in einer Firma dieser Art und Größe. Taucht so etwas im Bewerberfeld auf, schmilzt der Fachvorgesetzte dahin wie Butter in der Sonne. Und etwaige Bedenken aus dem Bereich der Persönlichkeit verlieren an Bedeutung. „Aber er kommt aus unserer Branche!“ – das erschlägt fast alles.

Diese Haltung mag menschlich verständlich sein („der Mann kann vom ersten Tag an ohne große Einarbeitung losmarschieren“), klug ist sie nicht! Weil nämlich

– so gut wie nie neueingestellte Mitarbeiter daran scheitern, dass sie fachlich nicht mit der Aufgabe zurechtkommen;

– die zentralen Ursachen für ein eventuelles Versagen des Neuen nahezu ausschließlich im Bereich der Eigenschaften und persönlichen Fähigkeiten liegen;

– Fachwissen lern- und Erfahrungen erwerbbar sind, Eigenschaften und Fähigkeiten

– von Kreativität über Zuverlässigkeit bis Durchsetzungsvermögen – jedoch nicht.

Jeder, der heute als „erfahrener Fachmann“ gilt, hat vor einigen Jahren noch nichts von diesem Fachgebiet, von dieser Branche oder der Art seiner Tätigkeit verstanden – er konnte es lernen, also kann ein anderer das auch! Wenn das Unternehmen zum Ausgleich für diese Toleranz darauf achtet, einen geistig beweglichen Bewerber einzustellen, der vielleicht schon einmal erfolgreich einen sachlichen Neuanfang hinter sich gebracht hat, profitiert es ganz sicher mehr davon, jedenfalls mittelfristig.

Natürlich muss man auch den Druck sehen, unter dem die Fachvorgesetzten heute stehen – lieber ein fast eingearbeiteter mittelmäßiger Mitarbeiter als ein brillanter Neuer, der in den ersten Monaten vor allem lernen muss. Ich halte das für falsch, habe aber noch keinen Weg gefunden, um mit dieser Meinung einen Hedge-Fond als bestimmenden Eigentümer zu überzeugen.Was heißt das für Sie als Bewerber? Kratzen Sie argumentativ alles zusammen, was Sie fachlich in die Nähe der Branche und der Tätigkeit einer Zielposition führt. Und setzen Sie nicht zu sehr auf die Hoffnung, der Bewerbungsleser möge in Ihnen die universell begabte Persönlichkeit, den Generalisten, erkennen und dafür über fachliche Lücken großzügig hinwegsehen. Es gibt solche Fälle, aber eine Mehrheit denkt anders.

Mit dem Blick auf den „roten Faden“ im Werdegang sind Sie auf der sicheren Seite – wenn dann noch Ihre Persönlichkeit stimmt, sind Sie fast ein Idealkandidat.

Kurzantwort:

Die größte Hürde bei der Besetzung einer offene Position ist keineswegs etwa der Personalleiter mit vielleicht überzogenen Vorstellungen hinsichtlich Examensnoten, Auslandspraktika, Dienstzeiten pro Arbeitgeber und Qualität der Firmenzeugnisse. Mit diesem HR-Spezialisten kann man in der Regel ganz offen über alle Aspekte der Bewerbersuche reden.

Frage-Nr.: 249
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-08-12

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