Heiko Mell

Diese Serie und ihr Ziel

Antwort:

Gelegentlich muss ich dazu Stellung nehmen und also Klarheit schaffen: Neue Leser kommen hinzu, alte vergessen manches (und welcher Autor spräche nicht ganz gern über sich und sein „Werk“?).

Entstanden ist bei mir die Idee aus dem erstaunten Kopfschütteln darüber, wie wenig akademisch gebildete Angestellte und Bewerber vom und über das System und seine Gesetzmäßigkeiten wussten, in welch er­schreckendem Maße sie totale bis fallweise Unkenntnis über die Regeln zur Schau stellten, nach denen ihr Angestellten-Dasein „funktioniert“. Daraus abgeleitet wurde das zentrale Ziel dieser Beiträge: Ich will zeigen, wie die berufliche Praxis außerhalb des rein fachlichen Bereichs ist (mit Betonung auf „ist“)!

Das einigermaßen erreicht zu haben, wird mir heute von vielen Seiten engagiert bestätigt – und es wird auch von meinen Kritikern generell nicht bestritten. Da „die Praxis“ eine äußerst komplex zusammengesetzte Angelegenheit ist und von einer sehr heterogenen Gruppe von Entscheidungsträgern geprägt wird, kann nie jede Aussage von mir stets mit allen Erscheinungsbildern zu 100 % übereinstimmen. Aber im Durchschnitt aller Fälle scheine ich schon richtig zu liegen. Da die Ausbildung an den Hochschulen über dieses System und seine Regeln insgesamt – trotz des Engagements einzelner Professoren – kaum Wissen vermittelt und der Absolvent ebenso wie der spätere Berufstätige auf die Methode „Versuch und Irrtum“ angewiesen ist, konnte hier eine Informationslücke weitgehend geschlossen werden.

Bei der Gelegenheit: Dass junge Menschen, Studenten und Berufsanfänger vor allem, am Anfang nicht glauben wollen, was sie hier lesen, ist normal – und meist nach einigen Jahren Geschichte. Mit steigender Erfahrung nimmt die Bereitschaft deutlich zu, mir zuzustimmen: So sei es tatsächlich (bleiben wir realistisch: Wäre es nicht so, hätte sich die Serie nicht so lange halten können). Und nach wie vor ist die Zustimmung überwältigend, aber selbstverständlich nicht absolut.

Der erste Denkfehler von Kritikern ist harmlos, ihm kann schnell durch Information begegnet werden. Es heißt dann in Briefen an mich: „Sie schreiben in Ihrem Beitrag Nr. …“ – und dann wird gar nicht aus meiner Antwort zitiert, sondern aus der Frage eines einsendenden Lesers. Die Sache ist ganz einfach: Nach wie vor kommen alle „Fragen“ von Lesern. Gelegentlich werden sie gekürzt und stets anonymisiert. Aber wer glaubt, ich denke mir das alles aus – tut mir zuviel der Ehre an. Vieles von dem, was da kommt, könnte man gar nicht „erfinden“, das ist „Praxis pur“.

Andere Leser sehen in mir nicht nur einen glühenden Verfechter, sondern einen der Schöpfer dieses Systems. Beides ist absolut nicht richtig. Ich stelle öffentlich vor, was sich „da draußen“ täglich abspielt, aber ich habe – fast – alles schon so vorgefunden als ich anfing. Und: Die Menschen sind so – also ist ihr System auch so. Oder: Gebt mir bessere Menschen, dann gebe ich euch ein besseres System. Aber ich verstehe ja, dass mancher seine Frustrationen einfach einmal irgendwo abladen möchte. Und wer wäre dafür besser geeignet als jemand, der so aussieht(!) als verteidige er „das alles“ auch noch. Immerhin: Früher hat man den Überbringer schlechter Nachrichten schlicht geköpft.

Es sind auch keinesfalls meine Maßstäbe, die ich hier anlege – wer wollte die auf Dauer immer wieder lesend zur Kenntnis nehmen? Ich bin unvermindert täglich vor Ort im „Informationsgeschäft“, lese und höre, wie es in der Praxis zugeht: Ich verhandele mit und bei Kunden über durchzuführende Projekte und erfahre ihre Sicht der Dinge, ich telefoniere mit Bewerbern, erlebe sie und höre ihre Beweggründe und Klagen in Vorstellungsgesprächen, ich bin Partner in zahlreichen Karriereberatungsgesprächen mit Managern und Nachwuchskräften, in denen sie ihre Probleme und Motive ganz offen auf den Tisch legen und nicht gebremst werden von der Notwendigkeit, vor allem einen guten Eindruck zu machen.

Sagen wir es so: Ich schreibe die Antworten, von mir sind Aufbau und Stil, ich setze die Akzente, versuche Spannung zu schaffen und auch Unterhaltung zu bieten. Aber die eigentliche Sachaussage, die schreibt in der Regel „das Leben“. Und mein Akkumulator, der das alles speist, wird täglich erneut aufgeladen. „Mell pur“ hätte die vielen Jahre lang niemand lesen wollen, aber „Mell berichtet aus der Praxis“, das scheint zu gehen. Oder technischer: Mag sein, dass ich das „Auto“ nach meinem Geschmack lackiere und optisch in Szene setze für das Plakatfoto – aber was dort gezeigt wird, ist immer auch das Fahrzeug so, wie es letztlich ist. Ein anderer „Fotograf“ würde es anders ablichten, aber stets würde man die Substanz wiedererkennen.

Bleibt die Kernfrage so mancher Einsendung: „Sie haben doch die Chance, etwas zu verändern. Warum nutzen Sie sie nicht? Sie müssen Fehlentwicklungen anprangern, fällige Reformen propagieren, zu Verhaltens­änderungen aufrufen, für ein besseres System kämpfen!“ Einmal abgesehen davon, ob ich die Fähigkeiten dazu hätte:

1. Die Chance dazu habe ich nicht. Selbst wenn die Verantwortlichen dieser Zeitung es wollten – dies wäre in jedem Fall das falsche Medium, um mit Aussicht auf Erfolg maßgebliche Veränderungen im Bereich „Bewerbung, Beruf, Karriere“ zu erreichen. Die „Kaufleute“, zu denen auch die Personalleiter gehören, die Vorsitzenden von Geschäftsführung und Vorstand, die Inhaber – sie alle sind nicht die typischen Leser dieser Zeitung. Wer etwas verändern will, muss „das Top-Management in seiner Gesamtheit“ erreichen, nicht nur den technisch orientierten Teil davon. Und auch der liest nicht immer alles.

 

2. Wer schreibt, weiß recht gut, wie schwer Veränderungen allein durch ein gedrucktes Wort zu erreichen sind. Man mache sich da keine Illusionen. Ein einziger flammender Artikel bewirkt gemeinhin gar nichts, eine stete Wiederholung stumpft ab. Viel wirksamer sind Zeitgeist und gesamtgesellschaftliche, schließlich auch die Betriebe mitreißende Wandlungen. Das Top-Management muss solche Veränderungen wollen – alle Verbes­serungen auf diesem Gebiet kommen stets nur von oben. Durch Schreiben einer Serie in nur einem Medium könnte man gar nichts erzwingen, man verschlisse sich nur.

 

3. Zwanzig Jahre lang Veränderungen zu fordern, denen keine Resultate folgen, ist entsetzlich langweilig, für Leser und Autor gleichermaßen, diese Serie wäre schon 1989 sanft entschlafen.

 

4. Würde ich Denkstrukturen und Verhaltensweisen des Managements beschreiben und erläutern (wie heute) und jeweils dahinter schreiben, das sei zwar übliches Verhalten, aber eben auch schlecht und eigentlich müsste …, dann würde ich meine Aussage verwässern und die vielen völlig unbefangenen und mit den Dingen unvertrauten Leser verunsichern: „Die VDI nachrichten schreiben auch, Vorgesetzte sollten lieber …“ und probieren es aus. Dafür möchte ich nicht verantwortlich sein.

Also beschränke ich mich auf Machbares und halte die Zielsetzung im realisierbaren Rahmen: Ich sage, wie es jeweils „heute“ ist – die Dinge verändern sich mitunter, aber meine Aussagen verändern sich mit. Wenn ich dieses Wissen um die real existierenden Regeln einer breiten Leserschaft vermitteln kann, ihr damit die Gelegenheit gebe, ihre Aktionen und Entscheidungen darauf abzustimmen und so die beruflichen Erfolgsaussichten zu verbessern, dann bin ich schon darauf ein bisschen stolz. Der Ruf nach Veränderungen (bitteschön: solchen im Denken der Menschen!) ist sicher berechtigt. Dieses weite Feld überlasse ich jedoch gern anderen.Um meine Serie richtig verstehen und nutzen(!) zu können, müssen Sie ihre Hintergründe und ihre Ziele kennen. Gelegentlich bringe ich dann auch einmal wieder eine Auswahl aus zustimmenden Zuschriften, auch das mag Ihrer Orientierung dienen. Dass Sie mich und meine oft unbequemen Wahrheiten überhaupt so lange ertragen, verdient in jedem Fall Respekt. Meinen haben Sie

Kurzantwort:

Gelegentlich muss ich dazu Stellung nehmen und also Klarheit schaffen: Neue Leser kommen hinzu, alte vergessen manches (und welcher Autor spräche nicht ganz gern über sich und sein „Werk“?).

Frage-Nr.: 247
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-07-21

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