Heiko Mell

„Eine ordentliche Dosis Mell“ zur Einarbeitung

Seit ca. 1985 kenne ich Ihre Serie in den VDI nachrichten. Damals noch unter dem Titel „Der Personalberater rät“, wenn ich mich recht erinnere (Das war viel früher! Die Büchlein, in denen die Serie zusammengefasst wurde, stammen schon aus 1978 und 1979; H. Mell). Seit dieser Zeit lese ich mit Ausnahme zweier Auslandseinsätze fast regelmäßig Ihre Serie. Ihre Beiträge haben in der Rückschau stark dazu beigetragen, dass meine Fehlentscheidungen qualitativ und quantitativ überschaubar blieben. Heute bin ich (55 Jahre, insgesamt vier Arbeitgeber, interne Beförderungen) seit zehn Jahren geschäftsführender Partner eines erfolgreichen Ingenieurbüros. Dafür nochmals meinen Dank, der Anteil Ihrer Serie daran war nicht unerheblich.

Ihre Serie hat nicht nur gut begonnen, sie ist auch im Laufe der Jahre immer besser geworden. Seit ungefähr zehn bis zwölf Jahren stimmen Ihre Ratschläge und „Notizen aus der Praxis“ mit meinen persönlichen Erfahrungen und Ansichten nahezu deckungsgleich überein. Also weiter so.

Noch ein Lob: Wir bilden immer wieder junge Absolventen aus. Diese werden einem erfahrenen Ingenieur beigestellt, um in Projekten zu lernen. Ein Teil der Ausbildung besteht darin, sich in den ersten sechs Monaten durch „Ihre“ Datenbank auf der Internetseite der VDI nachrichten durchzuarbeiten. In den zwei wöchentlichen Gesprächen wird auch dieser Fortschritt von mir abgefragt und einzelne Fälle werden besprochen. Wir haben bei der Ausbildung junger Ingenieure mit einer „ordentlichen Dosis Mell“ nur gute Erfahrungen gemacht. Auch dafür meinen Dank.

Vielleicht noch eine Anregung:

In aller Regel bringen unsere Absolventen eine sehr gute Ausbildung mit. Sie haben jedoch kaum einen Sinn für Kosten/Nutzen. Sie lösen einfacher komplizierte Differenzialgleichungen als einen Nutzen in Euro angeben zu können. Und dann entdecken sie voller Erstaunen, dass Entscheidungsträger nur fragen „was kostet es, was bringt es?“. Alles andere ist eher unwichtig. Ob Potenziale durch einen Dreisatz oder eine Differenzialgleichung ermittelt werden, ist unerheblich. Wirtschaftliche Aspekte werden an den Technischen Hochschulen kaum vermittelt. Setzen Sie sich bitte dafür ein, dass z. B. „Technisches Controlling“ ein Pflichtfach wird.

Als weiteres Pflichtfach muss man „Sozialkompetenz für Ingenieure“ nennen. Würde es so etwas geben, brauchten wir unseren jungen Mitarbeitern keine „ordentliche Dosis Mell“ zu verabreichen.

Könnten Sie diese zwei genannten Punkte mit Ihrem Ruf und Einfluss anstoßen, wäre Ihr Vermächtnis deutlich größer, als „mittelständig“ aus dem Sprachgebrauch deutscher Ingenieure gestrichen zu haben.

Antwort:

Ihre Idee mit der Einarbeitung von Einsteigern in das Berufsleben mithilfe gesammelter Beiträge aus dieser Serie begeistert mich natürlich. Ich hatte schon davon gehört, dass unsere hier besprochenen „Fälle“ als Schulungsmaterial in internen Fortbildungsveranstaltungen für Mitarbeiter des Personalwesens verwendet werden. Aber was Sie damit machen, ist ja noch viel besser. Ich hoffe nur, diese Absolventen stöhnen nach dieser Zwangslektüre nicht jedes Mal, wenn auch nur mein Name fällt.

Eigentlich, so war mein ursprüngliches Ziel, hätten die Berufseinsteiger diese Beiträge schon begleitend zum Studium lesen sollen. Aber das gelingt mir nur bei einem Teil dieser Zielgruppe. Wahrscheinlich brauchen die anderen einen Anstoß in dieser Richtung. Erfreulicherweise gibt es Professoren, die meine Intentionen nachvollziehen und diese Beiträge in der einen oder anderen Form aktiv in ihrem Einflussbereich verbreiten. Nicht zu meinem Nutzen, sondern zum Vorteil ihrer Studenten.

Bei der Gelegenheit: Ich will keineswegs vorrangig, dass die jungen Menschen etwas Bestimmtes tun, etwa stur den von mir aus dem System quasi herausdestillierten Regeln folgen. Ich will hingegen, dass sie vorher wissen, was sie „da draußen“ erwartet und frei entscheiden können, wie sie sich darauf einstellen.

Wer ohne Detailkenntnisse in dieser zunächst noch fremden Welt des Berufslebens herumstolpert, zwangsläufig Fehler macht und existenzbedrohende Risiken eingeht, verbraucht enorm viel Energie – bis er eines Tages mehr oder minder zwangsläufig einsieht, wie dieses System „funktioniert“. Mein Angebot lautet: Aufklärung/Information als Basis für abgewogene, eigene Entscheidungen zur Verfügung zu stellen. Wer sieben Arbeitgeber in fünf Jahren „verschleißt“, sollte vorher wissen, wohin das führt und nicht gedankenlos seine Zukunft ruinieren.

Zu Ihren beiden Anregungen „BWL“ und „Sozialkompetenz“ für Ingenieure: Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu: Mehr Kenntnisse bzw. Fähigkeiten auf beiden Gebieten wären zweifelsfrei nützlich und hilfreich – für Berufseinsteiger, für berufserfahrene Bewerber – und für Arbeitgeber. Auf diesen Gebieten qualifiziert zu sein, das schmückt jeden Bewerber, verbessert seine Einstellchancen und erleichtert ihm die Erledigung seiner täglichen Aufgaben. Ich würde vielleicht noch ein drittes Kapitel in diesem „Wunschbuch“ aufschlagen, dann hätten wir dort- betriebswirtschaftliches Grundwissen,- markt- und kundenorientiertes Denken,- soziale Kompetenz.Das alles würde sehr viel nützen und könnte niemals(!) schaden.

Nur: Wie lässt sich das in die Wege leiten? Nach 45 Jahren Praxis weiß ich: Nicht durch noch so lautes Rufen eines einzelnen schreibenden Menschen – und sei er in Teilbereichen noch so populär. Forderungen von mir blieben erst unerhört und dann zwangsläufig unerfüllt. Außerdem überzöge ich damit das mir von dieser Zeitung übertragene Mandat: Ich soll und darf aufklären, vom Fordern war nicht die Rede. Ich habe auch so schon Gegner genug, sie würden ins Unermessliche steigen, forderte ich – wenn schon, denn schon – Veränderungen an allen Ecken und Enden des Systems. Heute schützt mich, auch wenn ich provoziere, der Anspruch, letztlich nur zu erläutern, wie „das da draußen läuft“. Eine massive Gegenposition dazu würde lauten: „Das, was er sagt, ist völlig falsch, so ist es in der Praxis alles gar nicht.“ Das hat in meinen mehr als 25 Jahren als Serienautor noch niemand gesagt, das Gegenteil wird mir nahezu täglich bestätigt. Aber diese vielen Jahre mit immer wieder neuen Forderungen hätte ich nicht „überlebt“.

Denn wenn die Schleusen einmal geöffnet wären, dürften wir ja nicht bei ein paar Zusatzfächern im Studium haltmachen. Da wäre das Arbeitsrecht, da wäre die Abwägung zwischen Kapital und Arbeit, da wären unschöne Begleitererscheinungen des kapitalistischen Systems – ein Ende gäbe es nicht.

Aber ich kann etwas anderes anbieten und sofort etwas tun: Ich kann hier den betroffenen Bewerbern und Arbeitnehmern verdeutlichen, wie vorteilhaft es wäre, hätten sie jeweils Vorzeigbares auf den drei Gebieten ins Feld zu führen. Und da das am schnellsten und wirksamsten hilft, fordere ich sie dringend zur Eigeninitiative auf. Die dann durchaus auch einen studentischen Vorstoß bei den zuständigen Hochschulgremien, Kultusministerien (Bildung ist Ländersache, wer das eingeführt hat, wusste schon, wie man Sand in ein Getriebe streuen muss), Landtagsabgeordneten beinhalten kann.

Schauen wir uns die zwei von Ihnen angeschnittenen Themen einmal daraufhin an:

a) BWL/Controlling: Fakt ist, dass auf kaum einem Gebiet die technische Lösung isoliert betrachtet werden darf, stets geht es – auch oder sogar nur – um Kosten, Budgets, Finanzierungsmöglichkeiten etc. Natürlich hilft auch hier autodidaktisches Studium, aber besser ist bei Bewerbungen ein Kurs, Fernstudium o. Ä. mit Zertifikat. Das muss nicht zwingend auf dem Niveau des Hauptstudiums stattfinden, alles hilft irgendwie. Wichtig ist: Der Bewerber beweist(!) Interesse und Engagement auf diesem wichtigen Gebiet und verbessert seine Chancen.

Vorsicht vor dem Drang zur Perfektion: Vom TH-Ingenieur wird weder ein Steuerberater- noch ein Dipl.-Kfm.-Examen erwartet. Der „Dipl.-Ing.“ soll durchaus noch dominieren. Nicht, was man absolviert hat, sondern dass man etwas vorzeigen kann, ist entscheidend.

b) Soziale Kompetenz: Es gibt keine zentrale Definition, was das überhaupt ist, es gibt absolut keine Sicherheit, dass man es in Vorlesungen erlernen kann. Es gibt sogar bei Wikipedia den Hinweis, „auch Anführer mafiöser Organisationen, Trickbetrüger oder Diktatoren wie z. B. Adolf Hitler“ hätten Fähigkeiten dieser Art oder hätten sie gehabt. Es ist offenbar nicht einfach uneingeschränkt positiv, diese Kompetenz zu haben, sie ist lediglich eine Fachqualifikation wie andere auch. Gesucht ist sie jedenfalls.

Es geht um das harmonische Funktionieren des Einzelnen in und mit der Gruppe, um die Fähigkeit, „auch das Verhalten und die Einstellung von Mitmenschen zu beeinflussen“.

Also: Keine Seminare, sondern tun, erleben, erfahren. Vom ersten Semester an sich in Gruppen aller Art einbringen, dort arbeiten, möglichst Verantwortung übernehmen, mit unterschiedlichen Interessen unterschiedlicher Individuen erfolgreich zurechtkommen. Was das ist, spielt nicht die zentrale Rolle. Man sei nur etwas vorsichtig mit politischen Organisationen, die Arbeitgeber vielleicht für extrem halten könnten. Es ist dann schwierig, den Beweis zu führen, man hätte dort nur geübt.

Frage-Nr.: 2460
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-01-20

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