Heiko Mell

Von Zitronenfaltern, Beratern u. a.

In der Beantwortung der 2.429. Frage/1 kritisieren Sie den Ausdruck „leitende Aufgabe“. Eine „Nachfrage“ bei Google liefert ungefähr 604.000 Ergebnisse. Dies ist erschreckend und zugleich Beweis für die Wandlung der Sprache.

Auch mich stören solche Sprachkonstrukte, oft nerve ich meine Umgebung mit Ermahnungen. Vielleicht hängt die besondere Sensibilität hierfür mit meinem „Migrationshintergrund“ (als ob mein Hintergrund migriert worden wäre) zusammen. Ihnen stimme ich zu, dass man sich über alle Wortkombinationen Gedanken machen und solche mit potenziellen und tatsächlichen Widersprüchen aus dem Sprachgebrauch verbannen soll.

Erst vor wenigen Tagen habe ich ein Bonmot gelesen: „Wer glaubt, dass Unternehmensberater Unternehmen beraten, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!“

In dem Zusammenhang wollte ich Sie schon lange fragen: „Wie sieht die Karriere aus, die Sie beraten?“In Erwartung das nächsten freitäglichen Lektüre verbleibe ich …

Antwort:

Also die 604.000 Ergebnisse bei der „leitenden Aufgabe“ imponieren mir auch nicht. Was oft gemacht wird, ist deshalb kein bisschen richtiger.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich in einem Fall dieser Art resigniert habe: Immer wenn ich Zeugnisgutachten schreibe, stoße ich auf die „rasche Auffassungsgabe“. Das ist so tief verwurzelter Textstandard, das bekomme ich nicht mehr weg. Es ist Unfug, denn eine „rasche Gabe“ irgendeiner Art kann es nicht geben.

Der Schöpfer Ihres Bonmots, dem der Gag gegönnt sei, hatte keine Ahnung, jedenfalls keine von Zitronenfaltern. Unternehmensberater nun beraten tatsächlich Unternehmen. Bei zusammengesetzten Wörtern ist es meist so, dass der hintere Wortteil den Hauptbegriff darstellt und der vordere eine Eingrenzung bzw. Präzisierung liefert. Ein schönes Standardbeispiel ist „Haustür“ – eine Tür (kein Haus) und zwar eine „des Hauses“. So ist auch der Unternehmensberater ein Berater des Unternehmens.

Der Zitronenfalter nun faltet gar nichts, weil dieser Falter nicht von „falten“ kommt, sondern von „flattern“. Damit sind wir gleich bei einer anderen Gruppe zusammengesetzter Hauptwörter: Noch immer ist der zweite Wortteil der maßgebende Hauptbegriff, der vordere Teil ist aber nicht mehr so präzise als „des Hauses“ oder „des Unternehmens“ zu umschreiben, sondern ist einfach als zusätzliche Bestimmung ohne z. B. den präzisen Genitiv davorgesetzt worden. So ist eben ein Zitronenfalter zwar vor allem Falter, aber hier nun keiner „der Zitrone“, sondern einer, der zur Unterscheidung von anderen „Flatterern“ wie eine Zitrone aussieht und deshalb dieses Beiwort vorgesetzt bekam.

Und meine Karriereberatung kommt dem gelben Flattertier schon ziemlich nahe: Beratung als zweites und bestimmendes Hauptwort und Karriere nicht als „der“ zu interpretieren (Beratung der Karriere) sondern einfach zur Unterscheidung von anderen Beratungen dieser Art vorangesetzt.

Damit hat die Karriereberatung mehr mit Zitronenfaltern gemein als mit Haustüren (worauf man erst einmal kommen muss).

Ich fürchte nur eines: Wenn das ein Sprachwissenschaftler liest, sträuben sich ihm die Nackenhaare. Was denn die Haare am Nacken wären. Aber warum liest er auch eine technische Fachzeitung!

Man soll es in der Betrachtung der deutschen Sprache mit der Logik auch nicht übertreiben, sagte mein Deutschlehrer. Aber eine „leitende Aufgabe“ hätte auch er nie geduldet. Übrigens: Frei nach dem Zitronenfalter ginge „Leitungsaufgabe“ ganz gut. Leider sagt der Duden „nie gehört“. Nun ja, Kreative leben einsam und Wortschöpfer besonders.

Frage-Nr.: 2451
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-12-10

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