Heiko Mell

Querdenker gesucht?

Antwort:

Stellenanzeigen, in denen ausdrücklich Bewerber angesprochen werden, die offenbar nicht so denken wie all die anderen, richten sich bevorzugt an junge Menschen, an Berufsanfänger. Vielleicht weil erfahrene Praktiker allerhöchstens müde lächeln würden, wollte man sie damit ködern. Sie glauben nicht mehr, dass wirklich Querdenker sucht, wer solche zu suchen vorgibt – sie wissen zu viel: Der Fluch der Erfahrung.Was ist ein „quer“ denkender Mensch überhaupt? Es könnte ja sogar sein, dass jemand, der nicht dazugehört, sich damit vorsichtshalber gar nicht beschäftigt – „solche Leute“ wären ihm suspekt. Wer aber „quer“ ist, erkennt seinen besonderen Status vielleicht gar nicht, für ihn mögen seine Denkstrukturen die einzig möglichen sein und quer liegen höchstens die anderen.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass jemand davon überzeugt ist, brillant zu denken, fast genial, modern, kreativ, neu, originell, auch „mehr“ und effektiver als der Rest. Aber glaubt er wirklich, vorrangig „quer“ zu liegen mit seinen Gedanken, wo er doch schlicht nur besser zu sein braucht, um einen Erfolg zu haben, der unser aller Ziel ist?

Wir suchen zum Beispiel einen Buchhalter in Anzeigen – und erwarten, dass jemand kommt, der da sagt: „Ich bin ein Buchhalter.“ Nun suchen manche Anzeigen Querdenker. Gibt es hinreichend viele Bewerber, die glauben und aussprechen „Ich bin ein solcher“?

Fakt ist, dass die Unternehmen dringend Leute mit neuen, bisher ungedachten, vor allem aber unrealisierten Ideen brauchen – aber mit solchen im Rahmen der klassischen, bekannten Unternehmens-Generalziele: Sie suchen neue Produkte, neue Fertigungsverfahren, neue Unternehmensstrukturen, neue Prozesse, neue Lösungen für Kosten- und Marktsättigungsprobleme – alles, um im gewohnten Sinne höchst konventionelle Gewinne zu erwirtschaften (jedoch gern in ungewohnter Höhe). Aber ertragen Industrieunternehmen auf Dauer wirkliche Querdenker? Überleben die einige Jahre Tagesgeschäft? Ich hätte da meine Zweifel.

Ich ahne auch, wovon die angesprochenen jungen potenziellen Bewerber fasziniert sein mögen: Von der Annahme, „quer“ bedeute die Abkehr von Konventionen, stehe für Befreiung von Fesseln wie Kleidungsvorschrift und Zwang zu pünktlichem Erscheinen, von Chefs, die Gehorsam erwarten, alles besser wissen und auch dann noch Recht haben, wenn sie klar im Unrecht sind – wo Querdenker gesucht werden, muss es einfach fabelhaft sein. Und vielleicht ist es dort sogar erlaubt, den Vorstand zu duzen und über die Verteilung des Betriebsvermögens an die Belegschaft nachzudenken?

Ich fürchte, dass denen, die sich darauf freuen, unangenehme Begegnungen bevorstehen. Begegnungen mit einem System, das eigentlich mit einer gewissen Abneigung auf alles reagiert, was irgendwie „quer“ geht.

Und was ist mit der Suche nach neuen Wegen, neuartigen Lösungen? Die werden gebraucht, die Suche danach aber wird angeordnet – die Durchführung ist weisungsgebundenes Tun, nicht queres Denken. Ob Ihr Chef sagt: „Morgen früh um 8 sitzen Sie gefälligst an Ihrem Schreibtisch“ oder „Lassen Sie sich zu dem Problem gefälligst eine neue Lösung einfallen“, ist im Prinzip dasselbe: Die Richtung wird vorgegeben, Ihnen bleibt die Ausführung. Quer gedacht wäre: „Chef lassen Sie mich mal auf Ihren Stuhl, dann liefe der Laden viel besser.“ Ich garantiere dafür, dass das weniger gefragt ist.Letztlich heißt „quer“, etwa 90° zur allgemeinen Richtung zu marschieren. Wenn das nur 10 von 100 Mitarbeitern täten, bräche sofort alles zusammen. Und wenn es einer von 10.000 dürfte, fiele das statistisch nicht ins Gewicht, vergessen Sie es also.

Wenn Sie je von einem Politiker hören, er sei als Querdenker bekannt (gewesen), dann verfolgen Sie einmal seine Karriere. Sie werden sich wundern, wie schnell die weit vor Erreichen der Altersgrenze endet.Ich habe oft den Berufsweg eines Menschen mit einem Marathonlauf verglichen (es gilt etwa: ein Jahr hier, ein Kilometer dort). Was darf ein solcher Läufer tun, wenn er siegen will? Er darf in die Richtung laufen, in die alle laufen – aber etwas schneller wäre nicht schlecht. Wer quer (feldein) zur Hauptrichtung unterwegs ist, wird disqualifiziert.

Oder sagen wir es so: Wer heute in einer Schulklasse in Mathematik auf 1 zu stehen wagt, wo doch eher die körperlich Starken den Ton angeben, ist schon „anders“ genug. Er ist eigentlich nur besser als die Masse, aber der kommt er bereits ziemlich „quer“ vor.

Es ist schon richtig: Eigentlich brauchen wir die Querdenker dringend, in Wirtschaft und Politik gleichermaßen. Aber wehe ihnen, wenn wir sie gefunden haben.

Kurzantwort:

Stellenanzeigen, in denen ausdrücklich Bewerber angesprochen werden, die offenbar nicht so denken wie all die anderen, richten sich bevorzugt an junge Menschen, an Berufsanfänger. Vielleicht weil erfahrene Praktiker allerhöchstens müde lächeln würden, wollte man sie damit ködern. Sie glauben nicht mehr, dass wirklich Querdenker sucht, wer solche zu suchen vorgibt – sie wissen zu viel: Der Fluch der Erfahrung.

Frage-Nr.: 242
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-05-26

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