Heiko Mell

Wie ruiniere ich meinen Werdegang?

Antwort:

Der entsprechende Versuch wird so oft unternommen, dass es schade wäre, beispielsweise Ihrer bliebe auf halbem Weg stecken. Daher als Service von mir diese Anleitung. Ich garantiere für den nachhaltigen Erfolg:

1. Damit es etwas zu ruinieren gibt, brauchen Sie eine anständige Basis. Denn „nichts“ können Sie trotz guten Willens nicht kaputtmachen. Also fangen Sie nach dem Studium unbedingt bei einem Weltkonzern an. So fallen die „Scherben“, die Sie später produzieren, viel mehr auf.

 

2. Spätestens nach einem Jahr in diesem Hause machen Sie folgende Rechnung auf: Da stehen zwar hunderttausend Mitarbeiter mit einigen tausend Führungskräften und mehrstelligem Milliardenumsatz auf der einen Seite – aber auf der anderen Seite stehen Sie! Und wenn der Laden auch seit 1897 existiert – Sie haben jetzt zwölf Monate Praxis. Und daher wissen Sie genau: Das, was hier „läuft“, ist Ihrer nicht würdig. So haben Sie sich das keinesfalls vorgestellt. Erstens machen die alles falsch und zweitens hätten die Sie längst befördern müssen. Und wer da sagt, man solle so etwa fünf Jahre pro Arbeitgeber durchhalten, sowohl um zu lernen als auch um Stehvermögen zu demonstrieren, der soll gefälligst sein eigenes Leben verschleudern und nicht Ihres.Also fassen Sie den Entschluss: Bloß weg hier; Sie suchen sich extern etwas Neues. Und nach insgesamt etwa anderthalb Jahren sind Sie „draußen“.

 

3. Na schön, weil Sie bei Ihren Bewerbungen den hochrenommierten Weltkonzern nach so kurzer Zeit schon wieder verlassen wollen, bleibt Ihnen so manche Tür verschlossen. Und das Angebot, das Sie dann bekommen, ist ein bisschen zweitklassig. Aber zum Glück merken Sie das nicht, denn mit achtzehn Monaten Praxis ist man natürlich noch nicht erfahren. Aber dafür können Sie nichts, die Schuld trägt der unmögliche Arbeitgeber.

 

4. Beim Unternehmen Nr. 2 wechselt Ihr Vorgesetzter im ersten Arbeitsmonat. Er, der Sie eingestellt hatte, wird gefeuert, sein Nachfolger liegt Ihnen überhaupt nicht. Vermutlich ist er absolut unfähig, jedenfalls macht er so ziemlich alles falsch. Und der Kerl wagt es, Sie seinerseits nicht zu mögen. Und dann, das muss man sich einmal vorstellen, mobbt er Sie. Das aber kann man mit Ihnen absolut nicht machen. Es ist klar: Sie müssen hier weg.

Bisher haben Sie über beide Arbeitgeber hinweg Branche und Tätigkeitsgebiet beibehalten. Aber jetzt kommt Ihnen die Idee, einen völligen Neuanfang anzugehen. Wenn Ihre Talente im bisherigen Umfeld nicht erkannt wurden, dann lag es vielleicht an eben diesem Metier? Also ein dritter Versuch, diesmal nach dreizehn Monaten.

 

5. Und auch der gelingt nach einigen Mühen! Zwar gelten Sie mit den beiden gescheiterten Experimenten im Lebenslauf nicht mehr als erstklassig – und das ist der neue Job in der neuen Branche letztlich auch nicht. Aber inzwischen sind Sie froh, dass jemand Sie nimmt mit Ihrem „belasteten“ Werdegang. Jetzt beschließen Sie, muss alles anders und der Erfolg errungen werden.Kurz nach der Einarbeitung haben Sie zwar das Gefühl, Sie wären besser bei Firma Nr. 1 geblieben, aber das ist „Schnee von gestern“. Sie sind bereit, die Zähne zusammen zu beißen und sich voll einzubringen. Und es sieht so aus, als könnte das gelingen.

Das erste Jahr geht um, Sie bekommen Boden unter die Füße – da legt der Arbeitgeber ausgerechnet Ihren Geschäftsbereich still und setzt Sie auf die Straße. Sie warten bis zur Kündigung, um bessere Chancen beim Arbeitslosengeldanspruch zu haben. Also nehmen Sie stolz Ihr Zeugnis mit der „Kündigung aus betrieblichen Gründen“ entgegen und suchen dann den nächsten Job. Mit einer wirklich guten „Ausrede“: Denn für die Stilllegung konnten Sie nun wirklich nichts.

 

6. Dieses Mal bewerben Sie sich also aus der Arbeitslosigkeit um Job Nr. 4. Mit drei Kurz-Engagements im Rücken und Zeugnissen, die naturgemäß mit ziemlich „gebremstem Schaum“ geschrieben wurden. Muss ich jetzt noch ein Wort zu den Erfolgsaussichten verlieren? Glückwunsch, Sie sind am Ziel, der Werdegang ist ziemlich am Ende – und recht schnell ging es auch.Bleibt die Frage, ob ich nicht doch zur Vorsicht noch das Gegenbeispiel darstellen sollte. Für den, der – vielleicht mit vergleichbaren Gegebenheiten konfrontiert – wissen will, wie er reagieren muss, wenn gar nicht der Ruin das klare Ziel ist. Ich entscheide mich dafür, das sicherheitshalber doch noch auszuführen. Also dann, hier das (positive) Erfolgsrezept bei identischen Umfeldbedingungen:

A) Der Weltkonzern als Nr. 1: Sie erkennen an, dass Sie Anfänger sind. Ihr eines Jahr Praxis gegenüber den Gegebenheiten eines Riesenunternehmens entspricht dem Führerscheinneuling, der den Fahrstil des Formel 1-Weltmeisters bewertet. Das bedeutet nicht, dass Ihnen alles gefallen muss, was Sie dort erleben. Aber vorsichtshalber beschließen Sie, dass ein Lernprozess dieser Art ruhig mit drei bis vier Jahren angesetzt werden könnte.

Und Sie sagen sich: Spare in der Zeit, so hast du in der Not! Jetzt drängt Sie eigentlich noch kein wirklich überzeugendes Argument zum Wechsel. Also nehmen Sie sich vor, längere Zeit in diesem Unternehmen zu bleiben, bei dem es die anderen 100.000 Mitarbeiter außer Ihnen auch irgendwie aushalten. Schließlich weiß man nie, was als nächste Überraschung im Berufsleben ansteht. Im zweiten Unternehmen könnte alles noch schlimmer werden.

Fazit: Sie bleiben etwa fünf bis sieben Jahre und streben dann mit einem schönen Dienstzeitpolster, wertvollen Erfahrungen, einem sehr guten Zeugnis und dem unbezahlbaren „Schub eines großen Namens“ (der Wert eines Bewerbers wird auch vom Image seines derzeitigen Arbeitgebers beeinflusst) zu Arbeitgeber Nr. 2.

B) Sie bekommen ein erstklassiges Angebot von einer erstklassigen Firma. Dennoch geschieht Ihnen dort ebenso der Vorgesetztenwechsel kurz nach dem Eintritt wie im „Ruin-Beispiel“.Aber jetzt sind Ihre Voraussetzungen ungleich besser: Für den Fall, dass Sie tatsächlich wieder gehen müssten, haben Sie Ihr Dienstzeitpolster von Nr. 1. Ihre Motive wären glaubhafter, Nr. 3 müsste keinesfalls zwingend zweit- oder drittklassig sein.Aber: Sie sind jetzt wirklich berufserfahren. Sie haben bei Nr. 1 so viel erlebt, dass Sie gelassen reagieren auf die neue Herausforderung mit dem ungeliebten neuen Chef, der vermeintlich „alles“ falsch macht. Weglaufen vor einem Problem, so entscheiden Sie, kommt nicht in Frage. Sie sind Angestellter, also lt. offizieller Definition abhängig beschäftigt, das kann ohnehin nicht mit „Zuckerschlecken“ übersetzt werden. Also nur keine Panik.Sie machen sich die Mühe, sich in die Lage Ihres Chefs hineinzuversetzen: Was denkt er, was will er wirklich? Ist vielleicht Unsicherheit die Ursache seines Verhaltens? Und dann gibt es noch die Logik-Argumente: Der Mann kann ganz einfach nicht immer alle ihm unterstellten Leute kurzfristig gefeuert, degradiert oder ihnen sonst wie geschadet haben. Viele seiner Mitarbeiter müssen mehrere Jahre erfolgreich unter ihm tätig gewesen sein. Sie beschließen, auch zu schaffen, was logischerweise zu schaffen sein muss: Wenn Sie nicht, wer dann?Außerdem ändert sich in einem modernen Unternehmen ständig etwas. Chefs werden versetzt oder gefeuert, Abteilungen umstrukturiert usw. Also warten Sie ein bis drei Jahre, irgendwann werden Sie diesen Vorgesetzten los. Vielleicht sind Sie bis dahin sogar sein Spitzen-Mitarbeiter. Einer muss es ja sein. Und wenn Sie nicht, …Sie bleiben also vorsichtshalber vier bis fünf Jahre. Es könnte ja anderswo noch schlimmer kommen. Und Sie gehen mit tadellosem Zeugnis.

C) Und es kommt schlimmer: Arbeitgeber Nr. 3, bei dem Branche und Tätigkeit den roten Faden selbstverständlich fortführen, schließt ausgerechnet Ihren Geschäftsbereich. Die Mitarbeiter werden entlassen, Sie haben zu jenem Zeitpunkt erst ein Jahr Dienstzeit dort.Arbeitslosengeld und arbeitgeberseitige Kündigung sind allerdings „kein Thema“ für Sie. Es gibt zwei Alternativen zum gottergebenen Warten auf den letzten Arbeitstag:

– Die Firma bietet – wie recht oft – Arbeitsplätze an einem ganz anderen Standort an. Die meisten Kollegen lehnen ab – lieber arbeitslos als umgezogen. Sie jedoch wählen das kleinere Übel, führen vielleicht erst einmal eine Wochenendehe, können aber ohne Zeitdruck entscheiden und handeln. Notfalls bewerben Sie sich, dann aber aus ungekündigter Position, das stärkt Ihre Verhandlungsposition. Mit Ihren beiden davor liegenden höchst soliden Arbeitsverhältnissen erwecken Sie keinerlei Misstrauen, Sie sind kein etwaiger „Wiederholungstäter“.

– So gut wie nie kommt eine solche Schließungs- und Entlassungsaktion wirklich überraschend! Es gibt Gerüchte, Spekulationen, Andeutungen, man hört Aussagen von Leuten, die Einblicke in die Zahlen haben – und man bewirbt sich. „Mir kündigt niemand!“, ist nicht die schlechteste Devise. Also geht man selbst und rechtzeitig – mit den beiden grundsoliden Arbeitsverhältnissen Nr. 1 + 2 im Rücken und Ihrem klaren, stets auch auf Verkaufbarkeit ausgerichteten Werdegang sollte es keine Probleme geben, eine solide Nr. 4 zu finden.

Wie auch immer: In jedem Bewerbungsstapel gibt es Vertreter beider hier genannten Varianten. Suchen Sie sich eine aus. Es ist Ihr Leben.

Kurzantwort:

Der entsprechende Versuch wird so oft unternommen, dass es schade wäre, beispielsweise Ihrer bliebe auf halbem Weg stecken. Daher als Service von mir diese Anleitung. Ich garantiere für den nachhaltigen Erfolg:

Frage-Nr.: 240
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-05-19

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