Heiko Mell

So viel Studium für so wenig Resultat?

Antwort:

Das Studium dient der Persönlichkeitsbildung, jedenfalls auch. Und zwar so, dass der junge Akademiker den diesbezüglichen Anforderungen der Praxis halbwegs gerecht wird. So könnte man immerhin denken.Zu befürchten ist jedoch: Das Studium dient mitnichten! Vielleicht steht so etwas auch nicht in den Zielplänen der zuständigen Kultusminister. Wie auch immer: Die von der Praxis erwartete Bildung der Persönlichkeit, die Weckung und Förderung wünschenswerter Eigenschaften und Fähigkeiten findet eigentlich kaum statt, jedenfalls nicht in dem von Entscheidungsträgern der Wirtschaft erhofften Maße.Demgegenüber gibt es kaum Klagen über nicht hinreichend vermitteltes Fachwissen, das nur nebenbei.

Aber Vorbehalte gegenüber der persönlichen Qualifikation angehender Akademiker sind Legion. Das ist übrigens der wesentliche Grund für die so entschiedene Forderung einstellender Unternehmen nach „außeruniversitärem Engagement“, also der aktiven Betätigung in Vereinen und Vereinigungen, gesellschaftlichen Gruppen etc. Dahinter steht die Hoffnung, dort möge vermittelt und trainiert werden, was im Studium aus vielen Gründen so eindeutig zu kurz kommt.

Ich werde ein Beispiel liefern müssen für das, was vermisst wird. Und damit sich niemand aus unserem Leserkreis getroffen fühlen muss, nehmen wir eines aus dem kaufmännischen Bereich:Betroffen sind junge Diplom-Kaufleute mit Studienschwerpunkt Marketing – die Cleversten der Cleveren, wenn man sie so reden hört über Produktpositionierung, Markenrelaunch, strategische Konzepte und Verbraucherverhalten in komplexen Märkten.

Geboten werden Jobs als Führungsnachwuchs beim mittelständischen europäischen Marktführer seines Metiers – und etwa zweihundert schriftliche Bewerbungen kommen. Zwölf Kandidaten werden zum Vorstellungsgespräch beim Berater geladen und erfahren dort alles über das Unternehmen und vor allem sein hochinnovatives Marketingsystem, zu dem ein ganz spezielles Vertriebskonzept mit einer besonderen Produktpräsentation in den Filialen von Konzernen des großflächigen Einzelhandels gehört. Wichtig dabei: Es ist etwas Spezielles und man kann es an jeder Ecke besichtigen.

Alle zwölf Bewerber zeigen sich begeistert bis angetan von Unternehmen, Konzept und Job. Fünf werden anschließend vom suchenden Unternehmen ausgewählt und dorthin eingeladen. Alle kommen. Der potenzielle künftige Vorgesetzte sagt im Vorstellungsgespräch: „Was halten Sie von unserem Konzept – Sie haben sich die Geschichte ja sicher inzwischen in einer Filiale unserer Kunden angesehen?“ Betretenes Schweigen, dann Stottern auf Kandidatenseite: Nö, hätten sie nicht. Nicht einmal daran gedacht hätten sie. Wer kommt denn auch auf so etwas? Das hätte ja fast nach Eigeninitiative ausgesehen (hätte es tatsächlich – wer schon immer nach einer Definition des Begriffs gesucht hat, ist jetzt und hier fündig geworden).

Der potenzielle künftige Vorgesetzte ist unangenehm berührt, enttäuscht. Konkret: stocksauer. Zuerst auf die Bewerber, dann auf den Berater: „Wie können Sie mir solche trägen Leute ….?“ Die Antwort tröstet ihn nicht: „Was wollen Sie, die sind so, mehr ist nicht an Persönlichkeit. Jedenfalls nicht bei der großen Mehrheit. Alles andere wäre Glück.“

Vielleicht hätte der Berater behaupten sollen: „Kaufleute halt. Ingenieuren wären das nicht passiert.“ Aber er hat sich nicht getraut.

Und die Moral von der Geschicht“? In der Schule reicht es, wenn man tut, was „von oben her“ ausdrücklich gesagt und gefordert wird. In der beruflichen Praxis dagegen muss sich der Angestellte um vieles selbst kümmern, muss aktiv suchen (notfalls beispielsweise sogar nach Arbeit für sich an seinem Platz!). Das wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Dazwischen liegt das Studium. Das diese Lücke von sich aus nicht schließt! Der Praktiker staunt: „Sechs Jahre Studium – und so wenig kommt dabei heraus?“ Dann lieber – um im Beispiel zu bleiben – eine Marketingtheorie weniger im Kopf und dafür ein Persönlichkeitsmerkmal besser ausgebildet. Denn diese fünf Jungakademiker hier sind alle durchgefallen. Ihre durchweg guten Noten wogen ein bisschen fehlendes Engagement und mangelnde Initiative nicht auf.

PS: Wer je im Vorstand eines Vereins, der Ortsgruppe einer Partei oder einer Studentengruppierung saß, versteht auch mein heutiges Beispiel viel besser. Wer selbst Einsteiger ist und es gar nicht versteht, hat ein Problem, mindestens jedoch ein Defizit.

Kurzantwort:

Das Studium dient der Persönlichkeitsbildung, jedenfalls auch. Und zwar so, dass der junge Akademiker den diesbezüglichen Anforderungen der Praxis halbwegs gerecht wird. So könnte man immerhin denken.

Frage-Nr.: 236
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-21

Top Stellenangebote

Technische Hochschule Mittelhessen-Firmenlogo
Technische Hochschule Mittelhessen W2-Professur mit dem Fachgebiet Informatik mit Schwerpunkt Signalverarbeitung und Computer Vision/Machine Learning Gießen
Technische Universität Braunschweig-Firmenlogo
Technische Universität Braunschweig Universitätsprofessur für "Kunststoffe und Kunststofftechnik" (W2 mit Tenure-Track nach W3) Wolfsburg
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences W2-Professur für das Fachgebiet "Informationstechnik und Mikrocomputertechnik" Karlsruhe
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Regensburg
Bundesbau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Bundesbau Baden-Württemberg Elektrotechnik-Ingenieur (m/w/d) verschiedene Standorte
Bundesbau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Bundesbau Baden-Württemberg Architekt (m/w/d) verschiedene Standorte
Bundesbau Baden-Württemberg-Firmenlogo
Bundesbau Baden-Württemberg Versorgungstechnik-Ingenieur (m/w/d) verschiedene Standorte
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft University of Applied Sciences W3-Professur für das Fachgebiet "Künstliche Intelligenz in der Produktion" Karlsruhe
TUHH Technische Universität / Fraunhofer IAPT Professorship (W3) in the Domain of Industrialization of Smart Materials / Director (f/m/d) Institute for Additive Manufacturing Technologies Hamburg
VDI Verlag GmbH-Firmenlogo
VDI Verlag GmbH Abteilungsleiter Herstellung (m/w/d) Düsseldorf
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.