Heiko Mell

Laufbahnplanung

Antwort:

Man kann zwar nie wissen, auf welch krummen Wegen Menschen denken, aber dennoch wage ich die Aussage: Sehr (sehr!) viele Lebensläufe sehen so aus, als hätte ihnen nicht der geringste ordnende Gedanke zugrundegelegen. Und, so lehrt die Lebenserfahrung, wird es denn wohl auch gewesen sein.Eines meiner ältesten, sehr bewährten Beispiele vergleicht den zurückgelegten Berufsweg mit dem Bild, das ein Auto auf der Landkarte hinterließe, wenn man seine Route mit einem Filzstift nachzöge.

Und nun stellen Sie sich vor, ein Auto führe siebzehn lange Jahre (zwischen Ende des Studiums und beginnendem Ende der Beweglichkeit auf dem Arbeitsmarkt) ungeplant in der Gegend herum. Gebtrieben nur von den Intentionen, jeweils dorthin zu streben, wo es „interessant“ zu sein scheint oder – noch besser – „wie es sich gerade so ergeben hat“.

Klar ist, weder mitten in dieser Fahrt noch an ihrem Ende darf man erwarten, irgendeinen Punkt erreicht zu haben, der den ganzen Aufwand gelohnt hätte. Das Fazit eines solchen Bildes auf der Landkarte könnte nur lauten: „Die Hauptsache war und ist für mich, ich fahre irgendwohin.“ Das kann man machen – aber man wird ein solches Bild niemals als Musterbeispiel für Systematik, konzeptionelle Stärke und Zielstrebigkeit verkaufen können – anlässlich von Bewerbungen, beispielsweise.

Halten wir also bis hierher fest:

1. Ohne Planung geht es nicht – statt eines eindrucksvollen Fahrtbildes ergibt sich ungeplant nur eine „Fahrt ins Blaue“.Dann können wir auch gleich den nächsten Grundsatz anschließen:

 

2. Fahrt-Planung ohne Zielsetzung ist nicht möglich (sehen wir einmal von dem theoretisch denkbaren Ziel einer „Fahrt ins Blaue“ ab).

Bleiben wir für die Laufbahnplanung bei dem Autofahrt-Beispiel. Die Details beginnen mit dem nächsten Grundsatz:

 

3. Zunächst müssen Sie Ihren Standort definieren.

Dazu gehört: Wer bin ich, was habe ich bisher erreicht, was kann ich, wo sind meine Schwächen, wie stehe ich im Verhältnis zu anderen (Schülern, Studenten, Berufsanfängern)? Diesen Punkt definieren Sie auf einer „Landkarte“ beispielsweise als „München“. Dort stecken Sie eine Stecknadel ein, dort geht die Reise los.

 

4. Dann kommt die überaus wichtige Definition des Ziels: „Wo will ich hin?“Vergessen Sie nicht: Ohne geht es keinesfalls! Am Ende des Studiums muss das klar sein – so wie am Ende der Schulzeit klar sein musste, was Sie studieren wollten. Natürlich ist das schwer: Aber wofür haben Sie studiert, wenn Sie noch nicht einmal ein Ziel für die nächsten siebzehn Jahre Ihrer „Fahrt“ haben? Also keine Ausrede: Es ist zwingend!

Als Trost a: Sie können in gewissem Rahmen auch während der Fahrt noch etwas umplanen – am Anfang der Reise besser als in der Mitte. Aber dann ergeben sich Umwege. Und diese kosten Kraft und Zeit – insbesondere letztere ist knapp. Aber Kurskorrekturen so um 10 bis 20° sind eigentlich immer möglich.

Als Trost b: Sie können Ihr Ziel, wenn Sie einmal unterwegs sind, ziemlich problemlos bescheidener fassen, wenn Sie nur Ihrer Richtung treu bleiben. So lässt sich eine Laufbahn, die mit dem Ziel „Entwicklungsvorstand eines Automobilherstellers“ gestartet wurde, ziemlich einfach beim „Abteilungsleiter in der Entwicklung eines Automobilherstellers“ abstoppen oder in Richtung „Entwicklungsleiter eines Zulieferers“ problemarm abwandeln.

Je präziser Sie Ihr Ziel (das bei siebzehn Jahren Fahrt stets nur ein vorläufiges sein kann, siehe auch 8.) fixieren, desto einfacher wird die Geschichte. Sie sollten dabei die Tätigkeitsrichtung, über die Sie vorstoßen wollen (z. B. Vertrieb, Entwicklung, Produktion, Qualität) ebenso berücksichtigen wie Art, Größe und Branche des Arbeitgebers (aber nicht den Namen!) und die Hierarchieebene, die Sie ungefähr erreichen wollen. Das klingt schwieriger als es ist.

Hilfsweise erkennen Sie wenigstens an, dass dies hätte sein müssen, dass Sie aber diese wichtige Voraussetzung wegen versäumten Nachdenkens nicht erfüllen können. Dann beginnen Sie wenigstens so, dass mit dem Start noch keine wichtige Tür zugeschlagen wird. Aber auch dazu müssen Sie die Regeln kennen (siehe 7.).Dann definieren Sie Ihr Ziel auf der Landkarte z. B. als „Hamburg“, stecken auch dort eine Stecknadel ein und sind einen Schritt weiter.

 

5. Jetzt verbinden Sie Ihre beiden Stecknadeln mit einer geraden Linie – das wäre Ihr idealer Weg zwischen Start und Ziel. Wie das im Leben so ist, bleibt dieses Ideal reine Theorie.

 

6. Sie suchen sich jetzt Straßen (Autobahnen), die wenigstens in der Nähe Ihrer Ideallinie laufen und auf denen Sie zielorientiert fahren könnten.

 

7. Dann kommt ein weiterer zentraler Grundsatz: Sie informieren sich über die „Regeln“, die für eine solche Fahrt gelten. Sie lernen, dass man auf Autobahnen weder parken noch wenden darf, ja eigentlich nicht einmal anhalten, dass man rechtzeitig tanken muss, dass es immer Mindest- und oft Höchstgeschwindigkeiten gibt, dass man langsame Linksfahrer zwar leise verfluchen, aber (sie könnten sonst aufwachen und sich erschrecken) nicht anhupen darf etc. etc. Das steht im Berufsleben für „Dienstzeiten pro Arbeitgeber, Beförderungsintervalle, Branchenwechsel, Zeugnisfragen, Verhältnis zum Chef und zu Kollegen“, für „den Weg vom großen zum kleinen und vom kleinen zum großen Unternehmen“ (und ebenfalls etc. etc.).

Ohne Regelkenntnisse (und die Bereitschaft, sie auch anzuwenden) geht es nicht!

 

8. Und dann erreichen Sie „Hamburg“ und alles ist gut! Nein, ganz sicher nicht. Das ist der Tribut, den Sie wegen der siebzehn Jahre entrichten, die Ihre Fahrt andauert. Inzwischen sind neue Autobahnen entstanden, die Ihre alten Karten noch gar nicht verzeichnet haben. „Hamburg“ ist umbenannt und ein Stadtteil von Atlanta/Georgia geworden (ich habe bewusst so übertrieben, dass mir niemand böse sein muss). Man hat die Verkehrsregeln geändert, die Benzinkosten dramatisch erhöht und Ihren Autotyp verboten. Sie wissen ja: Stillstand ist Rückschritt – und die wenigsten Veränderungen bringen gerade Ihnen Verbesserungen.

Sie müssen da durch! Also ist alle paar Jahre eine „Fortschreibung“ Ihrer Planung angesagt. Eine wesentliche Informationsquelle für Sie sind veröffentlichte Stellenangebote. Sie müssen die Entwicklung in den einzelnen Branchen verfolgen und vielleicht von Ihrer Ursprungsrichtung abweichen. Und auch Sie, Ihre Persönlichkeit, Ihre Wünsche und Vorstellungen, Ihre Partner und deren Ideen(!) verändern sich. Fortschreibung heißt, Sie sind auf der Höhe von Erfurt und wollen jetzt doch lieber nach „Berlin“ als nach „Hamburg“ – das geht. Oder Sie sind auf der Höhe von „Hildesheim“ und erklären, nun sei es genug, die „Reise“ wird beendet. Auch gut.Aber auf der Höhe von „Hannover“ nun doch lieber nach „Paris“ zu wollen, das endet irgendwo in einer Irrfahrt in den belgischen Ardennen. Aber genau so sehen entsetzlich viele schwer verkäufliche Lebensläufe aus.

 

9. Und noch ein Hilfsinstrument habe ich, wenn Ihnen das bisher Gesagte als „viel zu kompliziert“ vorkommt: Planen Sie wenigstens bei jedem beruflichen Schritt die beiden nächsten mit, beantworten Sie die Fragen: Was mache ich danach – und was dann?

Und damit Sie meine Verzweiflung nachempfinden können: Ich wäre ja schon froh, hätte die Hälfte der Bevölkerung wenigstens eine Antwort auf die simple Frage: „Was haben Sie sich bei diesem Schritt überhaupt gedacht?“ Sie kennen die Antwort: „Nichts.“Sehen Sie doch nur einmal, wie die Leute Auto fahren, dann wissen Sie, wie sie ihre Laufbahn planen und realisieren.

 

10. Und am Schluss die Warnung: Vorsicht vor der Suche nach einer „interessanten Tätigkeit“. Suchen Sie lieber eine „für meine Zielsetzung interessante Position“. Und wenn Sie wieder einmal einen Vorstandsvorsitzenden treffen, fragen Sie ihn: „Ist das eigentlich interessant, was Sie da machen?“ Und versäumen Sie nicht, mir zu sagen, was er geantwortet hat. Ich lache auch gern (er hat eine interessante Position, das reicht ihm).

 

PS: Ich werde oft gefragt, ob denn auch ich so zielstrebig vorgegangen wäre damals. Mit der Ausrede, dass es seinerzeit keine „Karriereberatung“ in den VDI nachrichten gab und in der Hoffnung, Sie damit erheitern zu können:
Mit 21 hatte ich mein Examen und durchaus den Traum vom Konzernvorstand. Und ich wusste, dass ich in ein großes deutsches Unternehmen wollte. Als Wirtschaftsingenieur bewarb ich mich in der Arbeitsvorbereitung der XY AG (weil ich das für eine „Schnittstelle“ hielt), erhielt eine Einladung aus diesem Haus für den Motorenvertrieb Inland, bekam stattdessen einen Job in Org./EDV und landete nach 1,5 Jahren im Personalwesen. Und Konzernvorstand bin ich noch immer nicht. Ich hatte dennoch sehr viel Glück, dafür bin ich dankbar. Aber Sie können darauf allein nicht bauen. Und Sie können auch nicht alle Berater werden …

Kurzantwort:

Man kann zwar nie wissen, auf welch krummen Wegen Menschen denken, aber dennoch wage ich die Aussage: Sehr (sehr!) viele Lebensläufe sehen so aus, als hätte ihnen nicht der geringste ordnende Gedanke zugrundegelegen. Und, so lehrt die Lebenserfahrung, wird es denn wohl auch gewesen sein.

Frage-Nr.: 233
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-24

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